jd. Stade. Wie gehen wir in Deutschland angemessen mit unserer NS-Vergangenheit um? Sollten Spuren des Nationalsozialismus einfach ausgetilgt werden? Beispielsweise durch die Umbenennung eines Straßennamens aus der Nazi-Zeit? Das soll jetzt in Stade geschehen - jedenfalls, wenn es nach dem Willen der örtlichen CDU geht. Die hat beantragt, die dortige Ostmarkstraße umzubenennen.

Als Ostmark ist gemäß der Nazi-Terminologie Österreich bezeichnet worden. Nach der Annexion der Alpenrepublik durch das Hitler-Regime im Jahr 1938 erhielten Straßen in vielen deutschen Städten die Bezeichnung Ostmarkstraße. Mit der Namensgebung Ostmark wollten die NS-Ideologen untermauern, dass Österreich seit jeher Bestandteil des Deutschen Reiches war.

"Durch die Tilgung des Namens 'Österreich' ... sollte das Identitätsbewusstsein der Österreicher abgeschwächt und ihre Wahrnehmung als Teil einer deutschen Nation gestärkt werden", schreibt die Germanistin Cornelia Schmitz-Berning in ihrem Buch "Vokabular des Nationalsozialismus". Dahinter steckte die Absicht, "die letzten Erinnerungsreste an ein eigenständiges Österreich" zu beseitigen.

Vergebliche Anläufe
Ein erster, vergeblicher Anlauf zur Umbenennung der Stader Ostmarkstraße erfolgte bereits 1983 durch die Jusos. Damals gab es anlässlich des 50. Jahrestages der Machtergreifung durch die Nazis in vielen Orten Bestrebungen, den öffentlichen Raum von braunem Ballast zu befreien.
Später unternahm der Stader Hobby-Historiker Dr. Peter Meves mehrere Anläufe. Zuletzt fragte Meves vor einem halben Jahr bei der Stadt nach, wann eine Umbenennung erfolgt. Man wolle zunächst die Anwohner befragen, ließ seinerzeit die Verwaltung verlauten. Alternativ sei auch die Installation eines Schildes mit erläuternden Hinweisen denkbar.

Politik soll entscheiden
Diese Überlegungen will man bei der Stader CDU gar nicht erst anstellen. Die Straßen gehören der Stadt, daher obliege es der Stader Politik, über einen neuen Namen für die Ostmarkstraße zu entscheiden, meint die CDU-Ratsherrin und erste stellvertretende Bürgermeisterin Melanie Rost. "Nach den schrecklichen Vorfällen in Halle muss ein Zeichen gesetzt und deutlich gemacht werden, dass nationalsozialistisches und rechtes Gedankengut in unserer Stadt keinen Platz hat", schreibt sie in dem gemeinsam mit der CDU-Fraktionschefin Kristina Kilian-Klinge formulierten Antrag.
"Wir diskutieren schon viel zu lange über dieses leidige Thema", sagt Rost. Diese unbefriedigende Debatte müsse endlich zu einem Abschluss kommen - indem der Name Ostmarkstraße verschwinde.

Kritik an Vorgehensweise
Der CDU-Antrag stößt nicht bei allen Ratsmitgliedern auf ein positives Echo. Skeptiker wie Carsten Brokelmann, WG-Fraktionschef und dritter stellvertretender Bürgermeister, stellen gar nicht in Abrede, dass die Straßenbezeichnung mit dem NS-Makel behaftet ist. Aber er hält die forsche Vorgehensweise für falsch.
"Ich würde behutsamer mit der Thematik umgehen", meint Brokelmann. Jegliche Erinnerung an die Nazi-Zeit auszuradieren, sei nicht der richtige Umgang mit diesem finsteren Kapitel unserer Vergangenheit. Brokelmann hält eine zusätzliche Hinweistafel am Straßenschild oder die Aufstellung eines Gedenksteins für sinnvoll.

Diese Position vertritt auch SPD-Fraktionschef Kai Holm. Er plädiert für eine Gedenktafel. So könnte das Straßenschild bleiben - nach dem Motto "stehenlassen und erklären". Auch das sei eine Form von Erinnerungskultur.

Für den Fall einer Umbenennung sind als neue Straßennamen Wiener Straße oder Salzburger Straße im Gespräch. "Es gibt in diesem Wohngebiet bereits die Linzer Straße. Eine andere österreichische Stadt würde daher passen", sagt der Stader Kulturchef Dr. Andreas Schäfer. Für ihn steht fest: "Mit dem Antrag der CDU wird eine Befragung der Anlieger überflüssig."

Anwohner protestieren
Dass ihre Meinung nicht zählen soll, verärgert viele Menschen aus der Ostmarkstraße. Auch wenn die Stadt - wie von der CDU verlangt - alle Kosten übernehmen sollte, die ihnen als Folge der Umbenennung entstehen, wollen sie den bisherigen Straßennamen behalten.

Die "Ostmärker" haben bereits eine Online-Petition gegen die Umbenennung gestartet. "Eine Umstellung würde für alle Bewohner einen immensen bürokratischen Aufwand mit sich bringen und ihnen ein Stück Heimat nehmen", heißt es in dem Aufruf.

Auch in den sozialen Medien wird gegen den CDU-Antrag gewettert. "Straßennamen sollen entnazifiziert werden" oder "Der neue Bürgermeister ... macht das große braune Fass auf", steht bei Facebook. In den Internet-Kommentaren macht sich Politikverdrossenheit breit: "Die da oben können nicht alles mit uns machen." Es wird heftiger Protest angekündigt: "Der Widerstand formiert sich."

Aufschrei in Österreich

In Österreich reagiert man höchst sensibel auf den Begriff Ostmark. Im Frühjahr gab es einen öffentlichen Aufschrei, weil ein Abgeordneter des Nationalrates einer Burschenschaft angehört, die das Wort Ostmark in ihrem Namen trägt. Der Politiker distanzierte sich anschließend von diesem Begriff. Deutliche Worte fand der Generalsekretär der ÖVP, der österreichischen Schwesterpartei der CDU: Er erklärte, die Verwendung des Begriffs Ostmark für Österreich sei "völlig inakzeptabel und verharmlost das NS-Regime".

Karl der Große wird bemüht

Die Debatte um die Ostmarkstraße gäbe es heute gar nicht, wenn die Stader Stadtväter nicht versäumt hätten, was in anderen Städten gleich nach dem Krieg erfolgte: die Änderung des von Nazis übergestülpten Straßennamens, wie es beispielsweise in Hamburg geschah. Dort erhielt die in Ostmarkstraße umbenannte Hallerstraße bereits im Juni 1945 ihren alten Namen zurück. In Deutschland gibt es aber noch mehrere Städte und Gemeinden, die eine Ostmarkstraße haben.
Mit einer historisch fragwürdigen Begründung versucht sich die Universitätsstadt Münster aus der Affäre zu ziehen: Dort wurden Anträge auf Umbenennung der Ostmarkstraße regelmäßig mit dem folgenden Hinweis abgelehnt: "Die Ostmarkstraße ist benannt nach der durch Karl den Großen zum Schutze des Reiches als Grenzmark geschaffenen Ostmark." So schnell lässt sich Geschichte umdeuten, wenn es ins eigene Kalkül passt.

Auf das Angebot des WOCHENBLATT an die Anwohner, in einem persönlichen Gespräch ihre Sicht der Dinge zu dazulegen, gingen diese nicht ein.

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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