Ein Gespräch über Ungleichheit
"Rassistische Erfahrungen schon im Kindergartenalter"

Pragathan Rajeswaran und Anna-Lena Passior diskutieren über unterschiedliche Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung
  • Pragathan Rajeswaran und Anna-Lena Passior diskutieren über unterschiedliche Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung
  • Foto: privat/Passior
  • hochgeladen von Tom Kreib

(tk). Pragathan Rajeswaran und Anna-Lena Passior leben beide in Stade und sind beide 1996 geboren – doch Teile ihrer Lebensrealitäten sind unterschiedlich. Sie reden miteinander über eine Übung, die "Privilege Walk" heißt. Dabei werden Fragen zum Thema Rassismus gestellt. Wer sie mit Ja beantwortet, geht einen Schritt vor.

Das WOCHENBLATT begleitet im März mit einer Serie die Onlineveranstaltungen "Solidarität.Grenzenlos'" im Landkreis Stade.

Anna-Lena Passior ist Religionspädagogin und arbeitet bei der katholischen Kirche als Gemeindeassistentin. Sie engagiert sich bei "Stade Sicherer Hafen", "Stade im Wandel", Foodhsharing und im digitalen Bereich beim feministischen Andachtskollektiv.

Pragathan Rajeswaran ist Kaufmann im Groß- und Außenhandel, ist in keiner festen Gruppe aktiv, setzt sich aber regelmäßig für Menschenrechte ein.

"Man hat mir den Tod durch Vergasung gewünscht"

Anna-Lena: Pragathan hatte das Tagesthemen-Video „Wie rassistisch bist du?“ bei Instagram gepostet. Ich hab es mir angesehen und auf einer Autofahrt sind wir darüber ins Gespräch gekommen.
Pragathan: In dem Video geht es darum, aufzuzeigen, wie privilegiert weiße Menschen sind.
Bei der Methode des Privilegien-Gangs werden verschiedene Aussagen vorgelesen und bei einer Zustimmung dürfen die Menschen einen Schritt nach vorne gehen. Es geht letztlich vor allem darum, sich der eigenen gesellschaftlichen Position bewusst zu werden.

Anna-Lena:
Die erste Aussage ist: „Alle meine Freundinnen und Freunde sehen so aus wie ich.“ Ich wäre einen Schritt nach vorne gegangen. In meinem Freundinnenkreis sind vor allem weiße Menschen.
Pragathan: Ich wäre stehen geblieben, da ich viele Freunde aus der Schule habe und der Großteil weiße Deutsche sind. Auch bei der nächsten Aussage würde ich keinen Schritt nach vorne gehen, denn häufig ist die erste Frage an mich, wo ich denn herkomme. Damit ist nicht gemeint, wo ich wohne oder geboren bin, sondern wo denn meine Eltern herkommen.

Anna-Lena:
Bei der Aussage "Ich werde von Fremden nicht häufig gefragt, wo ich herkomme" würde ich wieder einen Schritt nach vorne gehen. Wenn ich auf die Frage der Herkunft mit Hannover antworte, werde ich nicht noch mehrmals gefragt, wo ich denn wirklich herkäme.
Pragathan: Die nächste Aussage ist: "Rassismus spielt in meiner Familie keine Rolle." Auch hier wäre ich immer noch an der ersten Linie, da jeder aus meiner Familie schon Erfahrung mit Rassismus gemacht hat. Die erste Erinnerung, die ich habe, ist aus dem Kindergartenalter.

Anna-Lena:
Schon wieder würde ich einen Schritt nach vorne gehen. In meiner Familie muss sich niemand mit Rassismus auseinandersetzen, denn keiner wird aufgrund der Hautfarbe oder Herkunft diskriminiert. Auch bei der nächsten Stellungnahme gehe ich weiter nach vorne: "Im Alltag werde ich nicht für mein Deutsch gelobt."
Pragathan: Oft kommt von Fremden, die bei meinen Gesprächen zugehört haben, aus dem Nichts ein Kompliment, dass ich ja sehr gut Deutsch spreche. Auch wenn es oft als Kompliment gemeint ist, denke ich, dass auch dies ein Teil von Rassismus ist.

Anna-Lena: Als Nächstes kommt die Fragestellung, ob ich bei einer Bewerbungs-Ablehnung davon ausgehen kann, dass es nicht mit meinem Aussehen, noch mit meinem Geschlecht zu tun hat. Diesmal bleibe auch ich stehen. Zwar bin ich als weiße Person nicht von Rassismus betroffen, aber als Frau werde ich oft diskriminiert. In der Kirche, wo ich arbeite, darf ich aufgrund meines Geschlechts manche Ämter nicht übernehmen.
Pragathan: Aufgrund meiner dunklen Hautfarbe muss ich leider auch davon ausgehen, dass dies ein Grund einer Absage sein könnte.

Rassismus erkennen und stoppen

Darum geht es beiden: „Jeder hat die gleichen Chancen!“ – auch laut unserem Grundgesetzt (Artikel 3). Doch richtige Chancengleichheit gibt es in unserer Gesellschaft leider noch nicht. Noch immer werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder Hautfarbe bevorzugt oder benachteiligt. Weiße Menschen sind sich oft nicht ihrer Privilegien bewusst.

Wir fordern, jeder sollte die gleichen Chancen haben. Dafür müssen Machtstrukturen klar benannt werden und Privilegien sichtbar gemacht werden. Alle Personen sollten auf dem Privilegien-Weg gleich viele Schritte gehen.

Autor:

Tom Kreib aus Buxtehude

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