"HVV-Tourismus" wird anhalten

Innerhalb des Landkreises Harburg gelten drei Tarifzonen (B, D und E). Für viele Bahnpendler ist außerdem nicht einzusehen, dass man südlich der Elbe im HVV-Gebiet viel schlechter gestellt ist als nördlich
  • Innerhalb des Landkreises Harburg gelten drei Tarifzonen (B, D und E). Für viele Bahnpendler ist außerdem nicht einzusehen, dass man südlich der Elbe im HVV-Gebiet viel schlechter gestellt ist als nördlich
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(bim). Freude bei den Bahnpendlern in den Landkreisen Cuxhaven, Heidekreis, Rotenburg und Uelzen: Seit Dezember gilt dort auf den Schienenstrecken im Regionalverkehr der HVV-Tarif. Allein der Landkreis Rotenburg (rd. 163.000 Einwohner) hat dafür eine Anschubfinanzierung von 130.000 Euro gewährt, an der sich das Land Niedersachen mit 70 Prozent beteiligt, und lässt sich diese Verbesserung gemeinsam mit seinen "Bahnhofsgemeinden" jährlich 950.000 Euro kosten. Im Landkreis Harburg (rd. 250.0000 Einwohner), der jährlich 80.000 Euro für den HVV investiert, wünscht man sich hingegen eine Vereinheitlichung des Tarifgebietes.
An einem Werktag sind durchschnittlich 2,6 Millionen Fahrgäste im HVV unterwegs. Der Landkreis Harburg weist mit rund 60.000 Personen eine unverändert hohe Zahl an Auspendlern und mit 25.000 Personen auch eine hohe Zahl an Einpendlern auf, berichtete Landrat Rainer Rempe bei einer HVV-Diskussion im vergangenen Jahr. Das uneinheitliche Tarifsystem führt derzeit - je nach Wohnort - zu regelrechtem "HVV-Tourismus".
Hintergrund: Innerhalb des Landkreises Harburg gelten drei Tarifzonen (B, D und E). Vom Bahnhof in Rosengarten-Klecken (Ring B) kostet z.B. ein Einzelticket zum Hamburger Hauptbahnhof 3,40 Euro, vom 5,6 km entfernten Buchholz (Ring D) kostet das gleiche Ticket 7,40 Euro. Das hat am Bahnhof Klecken massive Parkplatzprobleme zur Folge, denn viele Bahnpendler aus der Nordheidestadt starten dann lieber von dort.
Außerdem unverständlich: In der Samtgemeinde Tostedt gehört der Bahnhof Handeloh zu Ring E (Ticketpreis: 9 Euro), der vier Kilometer entfernte Haltepunkt Büsenbachtal aber zu Ring D (7,40 Euro).
Für viele Bahnpendler ist außerdem nicht einzusehen, dass man südlich der Elbe im HVV-Gebiet viel schlechter gestellt ist als nördlich. Der Ring C ist nördlich der Elbe deutlich breiter. Beispiel: Winsen liegt rund 34 km, Buchholz rund 40 km vom Hamburger Hauptbahnhof entfernt. Beide Städte gehören zum Ring D (Einzelticketpreis: 7,40 Euro), das 42 km entfernte Kaltenkirchen (Schleswig-Holstein) aber zum Ring C (Einzelticket: 5,40 Euro.)

Wäre eine Tarifeinheit finanzierbar?
Der Landkreis Harburg wünscht sich ein einheitliches HVV-Tarifsystem. Doch könnte der Landkreis es auch bezahlen? Und das Land Niedersachsen die nötigen Kosten beisteuern? Denn mit der Regionalisierung im Jahr 1996 wurde die Organisation und Finanzierung des gesamten Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) den Bundesländern übertragen. In Niedersachsen ist das Land bzw. die Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) für den Schienenpersonennahverkehr (SPNV) zuständig; die Kreise auf ihrem jeweiligen Gebiet für den Busverkehr.
Bei der Festlegung der Tarifringe und -zonen sei die Finanzierbarkeit des Angebots ein wesentliches Kriterium. Derzeit würden im HVV etwa 70 Prozent der Kosten aus dem Verkauf von Fahrkarten gedeckt, erläutert HVV-Pressesprecher Rainer Vohl auf WOCHENBLATT-Nachfrage. 
Zu der nicht nachvollziehbaren Tarifstruktur, mit der noch dazu der Norden stärker begünstigt wird, sagt er: "Die tarifliche Einordnung des Landkreises Harburg entstand im Rahmen der Verbundausweitung nach Niedersachsen im Jahr 2004, Kaltenkirchen gehört seit der Verbundgründung 1965 zum HVV. Die Tarifgrenze zwischen Büsenbachtal und Handeloh ist in der konzentrischen Anordnung der Tarifringe um Hamburg begründet."
Würden zum Beispiel alle Haltestellen des Landkreises Harburg dem Tarifring B zugeordnet, entstünden den Verkehrsunternehmen hohe Einnahmeausfälle. Diese müssten von den Aufgabenträgern (Landkreis und Land) aus Steuermitteln kompensiert werden, zusätzlich zu den ohnehin schon fließenden Zuschüssen, so Vohl.
Warum ist ein einheitlicher Tarif im Landkreis Harburg problematisch?
Konkrete Zahlen, was ein einheitlicher HVV-Tarif den Landkreis Harburg kosten würde, gibt es nicht. Laut HVV-Sprecher Rainer Vohl würde eine „isolierte“ tarifliche Neueinstufung des Landkreises Harburg zu großen Verwerfungen führen. "Fahrten beispielsweise von Lauenbrück oder Soltau nach Buchholz wären damit deutlich teurer als bisher, weil dann nicht mehr drei Ringe (D, E und F), sondern fünf Ringe zu bezahlen wären (B, C, D, E und F). Mit anderen Worten: Ohne eine grundsätzliche Reform der Tarifstruktur unter Einbeziehung aller Aufgabenträger sind derartige Veränderungen nicht sinnvoll."
Was unternimmt der Landkreis Harburg?
Im März 2019 hatte der Kreistag beschlossen, ein Gutachten zur Veränderung des HVV-Tarifgebietes im Landkreis Harburg in Auftrag zu geben, um die Zusammenfassung der Ringe C, D und E bzw. der Ringe B, C, D und E für bis zu 150.000 Euro prüfen zu lassen, wie von der SPD beantragt.
Außerdem wurde Landrat Rainer Rempe damals beauftragt, sich bei den Ländern Niedersachsen und Hamburg für eine zügige Umsetzung des Antrags "HVV stärken - Bahnverkehr im Hamburger Umland vernetzen und ausbauen" einzusetzen sowie für eine "Optimierung der Tarifzonen unter Einbeziehung des Bahnhofs Tostedt", um einen einheitlichen HVV-Tarif im Landkreis zu realisieren. Das hatte die CDU/WG-Kreistagsfraktion beantragt. Der Antrag beinhaltete auch, dass die entstehenden Kosten durch das Land Niedersachsen getragen werden sollen.
Im September ging es im Kreiswirtschaftsausschuss erneut um das Gutachten. Das Fazit dort: Das Ergebnis eines Gutachtens würde den Landkreis in der Tarifanpassungsforderung nicht weiterbringen, vielmehr müsse in die Qualität des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) investiert werden.
Der Landkreis sei als Gesellschafter laufend in Gesprächen mit dem HVV und setze sich weiter für eine Überarbeitung des Tarifsystems ein. Allerdings müssten sich dann alle Gesellschafter einig sein, so Kreissprecher Andres Wulfes. Frühestens 2021 sei diesbezüglich mit einem Ergebnis zu rechnen.

Was hat der Landkreis Rotenburg unternommen, um in den HVV zu kommen?
Der Wunsch, in den HVV-Tarif aufgenommen zu werden, sei schon sehr alt. "Zuletzt gab es 2010 und 2012 Vorstöße und konkrete Gespräche mit dem HVV, die jedoch damals nicht zum Erfolg führten", erläuterte Rotenburgs Kreissprecherin Christine Huchzermeier auf WOCHENBLATT-Anfrage. 2014 hätten die  Landkreise Rotenburg (Wümme), Cuxhaven, Heidekreis, und Uelzen dann gemeinsam die Initiative ergriffen. "Die Länder Hamburg und Niedersachsen beauftragten daraufhin eine Untersuchung zu den finanziellen Auswirkungen einer HVV-Erweiterung. Nach langwierigen Gutachten und Verhandlungen konnte der HVV-Tarif schließlich zum 15. Dezember bei uns starten."
In der Vergangen
In der Vergangenheit habe der HVV kein großes Interesse an der Tariferweiterung gehabt, da ein Großteil der Verkehre im engeren Hamburger Umfeld stattfänden, sagt Christine Huchzermeier zum Scheitern vorheriger Verhandlungen. "Er hätte für vergleichsweise wenig zusätzliche Fahrgäste im gesamten HVV das Tarifsystem ändern müssen."
Für die Aufnahme in den HVV sei sicherlich entscheidend gewesen, dass die vier Landkreise im zweiten Ring um Hamburg geschlossen gegenüber dem HVV sowie den Ländern Hamburg und Niedersachsen aufgetreten seien. "Dadurch war der HVV dazu bereit, sein Tarifsystem um drei zusätzliche Ringe zu erweitern. Wichtig für uns war auch, dass Hamburg und Niedersachsen am Ende eine dauerhafte Mitfinanzierung zugesagt haben. Der schienengebundene ÖPNV ist immerhin Ländersache."

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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