Unabhängig von importierten Rohstoffen
Erdgas made in Germany

Carsten Wentzien (li.) und Dierk Beneke neben dem Blockheizkraftwerk auf dem Gelände der Biogasanlage
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bim. Heidenau. Die Energiepreise steigen aktuell in schwindelerregende Höhe, ein Ende der Preisspirale ist nicht absehbar. Da stellt sich die Frage, ob Biogas eine alternative Energieform ist. "Auf jeden Fall", sagen die Landwirte Dierk Beneke und Carsten Wentzien, Geschäftsführer zweier Biogasanlagen in Heidenau (Samtgemeinde Tostedt). Mit ganzjährig verfügbarem Biogas sei der Strom speicher- und steuerbar. "Wir können liefern, wenn der Strom gebraucht wird: Nachts wird abgeschaltet, die Speicher füllen sich, und morgens, wenn die Industrie hochfährt und die Föhne angeschaltet werden, ist der Strom verfügbar."

Im Landkreis Harburg gibt es 29 Biogasanlagen mit 29.000 kW installierter Leistung.
Dierk Beneke und Carsten Wentzien betreiben mit weiteren Gesellschaftern mit der Heidenau West GmbH (seit 2009) und der Heidkoppel GmbH (seit 2011) die zweitgrößten Biogasanlagen im Landkreis Harburg. Die Anlagen am Fuchswinkel haben eine Leistung von 1.300 bzw. 2.000 Kilowatt elektrisch. "Wir erzeugen Strom für ca. 4.000 Haushalte und beliefern 3.000 Haushalte über Biomethan, das ins öffentliche Energienetz eingespeist wird, mit Wärme", erläutert Dierk Beneke. Von der Wärme profitieren u.a. auch das Ferienzentrum Heidenau inklusive des dortigen Freibades, ein Schweinehalter und 30 Haushalte. "Das ist Erdgas made in Germany", macht Carsten Wentzien deutlich, dass Deutschland sich mit regenerativen Energien wie u.a. Biogas durchaus unabhängig machen könnte von überregionalen Öl- und Gaslieferanten.
Weg von Mais,
hin zu Gülle und Mist

"Politisch verändert sich gerade sehr viel. Daher überlegen wir, wie wir die Anlage zukunftsfähig machen und CO₂ reduzieren können - weg von nachwachsenden Rohstoffen wie Mais als Energielieferant, hin zu Gülle und Mist", sagt Dierk Beneke zur Umstellung. Dafür müssten die Lagerkapazitäten und die Einbringtechnik verändert werden. Die Güllelieferanten, Benekes rund 950 Milchkühe, stehen ein paar Meter weiter. Im Gegensatz zu Mais, dessen Ernte auf September und Oktober konzentriert sei, könnten Gülle und Mist ganzjährig angeliefert werden. "Wenn wir vier Megawatt mit 75 Prozent Gülle und Mist erzeugen würden, könnten wir 50.000 Tonnen CO₂ einsparen, weil wir keine Energie aufwenden müssten für die Silageherstellung", erläutert Dierk Beneke.

In Biogas sehen Dierk Beneke und Carsten Wentzien auch den Energieträger für die Zukunft der Mobilität. Dazu müsse Biomethan verflüssigt werden zu LNG (Flüssigerdgas). Im Gegensatz zu Elektromobilität mit schweren Akkus und insbesondere bei Lkw noch nicht ausreichenden Reichweiten sei Flüssigerdgas effizient und auch besser als Diesel.
Netze noch nicht
gut genug ausgebaut

Biogas sowie Photovoltaik und Windkraft könnten flächendeckend Energielieferanten für Haushalte sein, wenn das Leitungsnetz entsprechend ausgebaut wäre. Denn noch immer müssen die Energieversorger Biogas- und Windkraftanlagen herunterregeln, wenn durch die Einspeisung eine Netzüberlastung droht, oder es wird bei Überversorgung sogar Energie ins Ausland abgegeben. Ein Grund dafür sei auch, dass Sigmar Gabriel (62, SPD) im Jahr 2014 in seiner Funktion als Bundesminister für Wirtschaft und Energie nicht nur die Förderung von Biogasanlagen gesenkt, sondern auch deren Einspeisungsleistung gedeckelt habe, berichten Dierk Beneke und Carsten Wentzien. Auch wenn Biogasanlagen teils in Verruf stehen wegen der Produktion entzündlicher Gase, wassergefährdender Substanzen und Vermaisung der Landschaft sehen sie in der Kombination erneuerbarer Energien klar die Zukunft. "In Biogas- und Wärmeerzeugung haben wir bisher 15 Millionen Euro investiert und sind bereit, weitere Millionen in die Hand zu nehmen", so Beneke und Wentzien.

Beitrag der erneuerbaren Energien zum Endenergieverbrauch in Deutschland

Laut dem Umweltbundesamt wurden im vergangenen Jahr 19,7 Prozent des deutschen Endenergieverbrauchs aus erneuerbaren Energien gedeckt. Um allerdings die zukünftigen ambitionierteren EU-Klimaziele zu erreichen, wird zukünftig ein schnelleres Wachstum notwendig sein. Insgesamt wurde im Jahr 2021 eine Energiemenge von 467 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) aus erneuerbaren Energieträgern gewonnen. Von dieser Energiemenge entfielen etwa 50 Prozent auf die Stromproduktion aus erneuerbaren Energiequellen, 43 Prozent auf den erneuerbaren Wärmesektor und sieben Prozent auf biogene Kraftstoffe im Verkehrsbereich.

Insgesamt ist die ⁠Biomasse⁠ aufgrund ihrer vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten in allen Sektoren (in Form von festen Brennstoffen zum Heizen, Biokraftstoffen im Verkehr oder Biogas zur Stromerzeugung) mit einem Anteil von 55 Prozent an der Bereitstellung von erneuerbarer Endenergie noch immer der wichtigste erneuerbare Energieträger. Die Windenergie folgte mit einem Anteil von 24 Prozent an zweiter Stelle.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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