Zwischen Hochwasserschutz und Artenvielfalt
Schutz vor Wasser oder Raum für Wildbienen?

Die Flutmulde an der Luhe ist frisch gemäht und heiß diskutiert | Foto: Anika Werner
  • Die Flutmulde an der Luhe ist frisch gemäht und heiß diskutiert
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Kaum blüht es entlang der Flutmulde in Winsen, ist es auch schon wieder vorbei: Ein Teil der Uferwiese wird regelmäßig abgemäht – sehr zum Ärger vieler Spaziergänger. Die Mahd ist jedoch kein Zufall, sondern Teil einer gesetzlich vorgeschriebenen Maßnahme zur Hochwassersicherung. Zwei Sichtweisen prallen aufeinander, und jede beansprucht für sich das größere Gemeinwohl.

„Und sie haben es wieder getan! Was? Die blühende Flutmulde bis auf eine Schamfläche gemäht!“, empört sich Leser Jürgen Althoff in einem Brief an die Redaktion. Die Maßnahme sei nicht nachvollziehbar, denn „ihren Zweck erfüllt sie gemäht oder ungemäht“. Aus seiner Sicht gehe es weniger um funktionale Notwendigkeit, sondern um alte Routinen und wirtschaftliche Interessen.

Althoff sieht in der Wiese vielmehr einen selten gewordenen Lebensraum für Wildbienen und Schmetterlinge: eine „blühende Wiese mitten in der Stadt“, die pädagogisch genutzt und als Rückzugsort für Naturbeobachtung erhalten bleiben könnte. Seine Vision: seltener Mähen, versetzt und abschnittsweise, verbunden mit Bildungsprojekten für Schüler. Die Mahd sei aus seiner Sicht ein symbolischer Akt für den Umgang mit Biodiversität in unserer Gesellschaft und ein Rückschritt: Sein Vorwurf: Für vergleichsweise geringe wirtschaftliche Vorteile werde eine wertvolle innerstädtische Wiesenfläche geopfert – ein Missverhältnis, das aus seiner Sicht in Zeiten des Artensterbens nicht mehr zeitgemäß ist.

Theo Peters, Pressesprecher der Stadt Winsen, widerspricht – sachlich und mit Verweis auf gesetzliche Grundlagen. „Zur Unterhaltung der Luhe als Gewässer zweiter Ordnung durch den dazu gesetzlich berufenen Unterhaltungsverband gehört auch die Unterhaltung der Flutmulden.“ Diese seien im Sinne des Niedersächsischen Wassergesetzes Anlagen, die der Abführung des Hochwassers dienen. Zwar habe „der Bewuchs in einer Flutmulde zweifellos auch mit Blick auf die Biodiversität Bedeutung“, doch „in erster Linie und vorrangig kommt der Flutmulde die Bedeutung zu, überschüssiges Hochwasser aufzunehmen und kontrolliert abzuleiten“. Diese Funktion werde durch Pflanzenbewuchs beeinträchtigt, „weshalb die Flutmulde regelmäßig zu mähen ist.“

Die Stadt Winsen versucht nach eigenen Angaben, einen Kompromiss zu finden: Teilflächen würden nur in größeren Zeitabständen gepflegt. Doch im Ernstfall zählt jede Minute und jeder Zentimeter freier Querschnitt. Tatsächlich kann dichter Bewuchs den Abfluss verzögern, den Wasserspiegel erhöhen und die Schutzwirkung der Mulde gefährden.

Anderswo wird mit flexibleren Lösungen experimentiert: In Städten wie München, Erfurt oder Schwabach werden städtische Flächen nach ökologischen Mähkonzepten gepflegt mit alternierender Mahd, Altgrasinseln oder einem spätem Schnittzeitpunkt, um Insekten zu schonen. Dort setzt man auf das Prinzip: Sicherheit ja – aber differenziert und mit Blick auf Artenvielfalt.

Auch in Winsen gäbe es Potenzial für mehr Ausgewogenheit. Etwa durch Infotafeln, um den Zweck der Maßnahme zu erklären, und durch ein Pflegekonzept, das Hochwasserschutz und biologische Vielfalt stärker miteinander verzahnt. Denn unbestritten ist: Die Mahd erfüllt eine sicherheitsrelevante Aufgabe, aber sie hinterlässt auch eine Lücke im Stadtbild, die viele schmerzlich empfinden.

Redakteur:

Anika Werner aus Winsen

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