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Jede Woche kommen bis zu 20 neue Asylbewerber in den Landkreis Harburg: Kapazitäten sind am Ende

Peter stammt aus dem Sudan. In Winsen hat er ein vorübergehendes Zuhause gefunden
 
Das Haus am Tönnhäuser Weg wird gerade ausgebaut. Dort sollen später bis 21 Asylbewerber wohnen
 
Pastor Felix Dexel und Betreuerin Gitta Neuß-Hauptmann haben in Winsen eine vorbildliche Unterkunft geschaffen

Die Situation spitzt sich zu: „In zwei Wochen stehen keine Unterkünfte mehr für Asylbewerber zur Verfügung“, sagt Reiner Kaminski, zuständiger Dezernent im Winsener Kreishaus. Sollte es dann keine Alternativen geben, müsse der Landkreis Menschen auch in den Sporthallen unterbringen. Sein Fachbereich stehe vor der schweren Aufgabe, jede Woche bis zu 20 Flüchtlinge unterbringen zu müssen. Schon jetzt wurden Asylbewerber in einem Hotel untergebracht. Wie kritisch die Situation ist, unterstrich Landrat Joachim Bord während der turnusmäßigen Bürgermeisterrunde Mitte der Woche. Er forderte die Gemeinden auf, sich stärker zu engagieren.


(mum). Das sind die Fakten: Die Zahl der Flüchtlinge steigt stetig. 2007 wurden in Deutschland laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 19.164 Asylanträge gestellt. Im Jahr 2012 waren es 64.539, in den ersten sieben Monaten dieses Jahres waren es bereits 52.754 Anträge. In Niedersachsen ist die Zahl der Asylanträge in den ersten sieben Monaten um knapp 100 Prozent auf 5.097 gestiegen. Das wirkt sich auch auf den Landkreis Harburg aus. 546 Asylbewerber leben derzeit im Kreisgebiet. In diesem Jahr gab es bislang 246 Neuankömmlinge (aus 26 Ländern), die unter anderem in Winsen, Seevetal, Rosengarten, Salzhausen und Neu Wulmstorf untergebracht worden sind. Und dabei wird es nicht bleiben: Laut Quote, die vom Land Niedersachsen vorgegeben wird, muss der Landkreis in diesem Jahr noch 240 Asylbewerber aufnehmen. „Wahrscheinlich sind es sogar mehr“, so Kaminski. Denn im September wird es eine neue Quote geben. „Angesichts der derzeitigen Situation in der Welt ist davon auszugehen, dass die Zahl steigen wird.“ Zusätzlich zu den Asylbewerbern könnten noch Kriegsflüchtlinge aus Syrien kommen.

Zu Gast in der Asylbewerber-Unterkunft am Tönnhäuser Weg in Winsen.


Peter jongliert den Ball leicht auf der Fußspitze. Er schießt das Leder in die Luft, nimmt den Ball mit der Brust an und balanciert ihn kurz auf dem Kopf. Der junge Mann steht aber nicht auf einem Trainingsplatz, sondern in einem kleinen Hinterhof in Winsen. Der 23-jährige Sudanese wohnt seit drei Monaten in der neuen Asylbewerber-Unterkunft am Tönnhäuser Weg. Er floh aus seinem Land, weil er Angst um sein Leben hatte. In Winsen ist Peter glücklich - zumindest soweit es die Umstände zu lassen. Er trainiert mit den Fußballern der SG Scharmbeck-Pattensen. Dafür hat das Team eine Fahrgemeinschaft organisiert. Jetzt versuchen die Kicker über die Fifa eine Spielberechtigung für Peter zu bekommen. Den Kontakt zum Fußballverein hat Hausmeister Tomas Sutkus organisiert. Der gebürtige Litauer lebt ebenfalls in der Unterkunft - gemeinsam mit seiner Frau und den zwei Kindern (sieben und vier Jahre).
Zurzeit wohnen neun Asylbewerber in der Unterkunft, die gerade ausgebaut wird. Später sollen dort etwa 21 Flüchtlinge Platz finden. Eigentümer der Immobilie ist Pastor Felix Dexel. Er hat das ehemalige Gasthaus als Altersvorsorge gekauft. „Eigentlich wollte ich daraus eine Pension machen“, sagt der Tostedter. Doch als er davon hörte, dass der Landkreis dringend Plätze für Asylbewerber sucht, verwarf er diesen Plan.
„Anfangs gab es Anwohner, die keine Flüchtlinge als Nachbarn haben wollten“, erinnert sich Fachbereichsleiter Reiner Kaminski: „Wir haben dann eine Anwohnerversammlung organisiert.“ Inzwischen sind Nachbarn gelegentlich zu Gast in der Unterkunft. Sie wollen helfen. Vieles in der Winsener Unterkunft ist vorbildlich. Die Asylbewerber wohnen in Doppelzimmern mit eigenem Bad. Betreuerin Gitta Neuß-Hauptmann kümmert sich um die Flüchtlinge, unterstützt sie bei Behördengängen. „Am wichtigsten ist, ihnen einfach zuzuhören“, sagt sie. „Viele haben Kriege erlebt und sind traumatisiert.“ Am Dienstag hat sie gemeinsam mit den Bewohnern gekocht. Als jetzt ein Bewohner zu einer Behandlung ins Krankenhaus musste, fand sich aus dem Umfeld der Hausmeisterfamilie schnell jemand, der als „Chauffeur“ einsprang.
Reiner Kaminski wünscht sich mehr Einrichtungen wie die am Tönnhäuser Weg in Winsen. Doch davon ist der Landkreis weit entfernt.

• „Seit Anfang des Jahres haben wir mehr als 140 Immobilien begutachtet, die letztlich nicht realisiert wurden“, sagt Reiner Kaminski. Die Gründe seien unterschiedlich. „Manche Häuser waren einfach zu baufällig“, so Kaminski. In manchen Fällen hätten die Besitzer übertriebene Mietforderungen gestellt. In Undeloh scheiterte die Einrichtung eines Asylbewerberheimes am Protest der Dorfbewohner.
Derzeit geht Kaminski davon aus, dass ihm innerhalb der nächsten acht Wochen zwei neue Einrichtungen (zehn und 60 Plätze) zur Verfügung stehen. Weitere sind in Vorbereitung. Wann diese Plätze tatsächlich genutzt werden können, ist ungewiss.

• Willkommen sind die Asylbewerber längst nicht überall: Beispielsweise in Appel (Samtgemeinde Hollenstedt). Dort besteht die Möglichkeit, in einem ehemaligen Seniorenheim 50 Asylbewerber unterzubringen. „Wenn es so kommt, wird die Gemeinde sich wehren“, kündigt ein anonymer Anrufer beim WOCHENBLATT bereits jetzt an.

• Auch in Neu Wulmstorf regt sich Widerstand: Dort besteht bereits eine Unterkunft für etwa 50 Asylbewerber. Jetzt soll eine weitere Einrichtung mit 90 Plätzen folgen. Eigentlich für Neu Wulmstorf kein Problem. Wenn da nicht die Stadt Hamburg wäre. Dort plant man in der Fischbeker Heide (B73) - quasi in direkter Nachbarschaft - ein Mega-Quartier mit bis zu 400 Plätzen. Das ist den Neu Wulmstorfern dann doch zu viel.

• Zudem stoppen juristische Auseinandersetzungen den Bau neuer Unterkünfte: In Hanstedt kündigte Samtgemeinde-Bürgermeister Olaf Muus an, gemeinsam mit dem Landkreis ein Quartier für bis zu 40 Personen (davon zehn Obdachlose) bauen zu wollen. Einen Betreiber hatte man auch schon ausgesucht: „Human Care“. Das stieß einem Konkurrenten sauer auf. Nun könnte, so hört man aus der Hanstedter Verwaltung, eine öffentliche Ausschreibung drohen.

• „Die Stadt Buchholz steht vor einer schwierigen Aufgabe“, sagt Sozial-Dezernent Jan-Hendrik Röhse. Diese Woche wurden Container für 21 Asylbewerber an der Bremer Straße aufgestellt. Die ersten Flüchtlinge sollen bereits eingezogen sein. Deutlich mehr Asylbewerber werden laut Röhse am Fischbüttenweg/Am Langen Sal ein Zuhause finden. Dort sollen in einem zweigeschossigen Containerlager bis zu 60 Menschen untergebracht werden. Sind alle Plätze belegt, müssen in Buchholz fast 200 Asylbewerber betreut werden. „Das stellt die Mitarbeiter des Integrationsteams vor eine große Aufgabe“, sagt Röhse. Der Landkreis übernehme zwar die Kosten für die Unterbringung, doch die Betreuung sei die eigentliche Herausforderung. Zudem gibt der Dezernent zu bedenken: „Da die Zeit sehr drängt, sind die Containeranlagen nicht optimal vorbereitet.“


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