Buchholzer Anwalt kritisiert Schließfachsystem
Ist die Sparkasse für den Schaden haftbar?

Die Schließfachanlage der Sparkasse Harburg-Buxtehude in 
Buchholz war Ziel von Dieben
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    Buchholz war Ziel von Dieben
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mum. Buchholz. "Aus meiner Sicht hat die Sparkasse fahrlässig gehandelt!" Der Buchholzer Anwalt Jürgen Hennemann erhebt schwere Vorwürfe gegen die Sparkasse Harburg-Buxtehude. Der Fachanwalt für Versicherungsrecht und Spezialist für Haftpflicht sieht nach dem spektakulären Schließfach-Coup in der Filiale in der Poststraße das Unternehmen in der Pflicht, den entstandenen Schaden zu ersetzen. Hennemann ist selbst Geschädigter, ist aber auch für andere Kunden, deren Schließfächer ausgeräumt worden waren, tätig. Wie berichtet, haben Unbekannte am 6. Juli das voll automatisierte Schließfachsystem überlistet und in Buchholz 80 Bankfächer leer geräumt. Dabei sollen die Täter Schmuck, Geld, Silber und Gold erbeutet haben.
Hennemann ist davon überzeugt, dass das verwendete Sicherheitssystem nicht ausreichend Schutz geboten hat. "Ich habe mich mit Sicherheitsexperten im In- und Ausland ausgetauscht. Sie sagten mir, dass das System von Fahrlässigkeiten durchzogen ist." Daraus leitet der Anwalt ab, dass die Sparkasse für den entstandenen Schaden haftbar gemacht werden kann.

"Der Vorfall tut uns unendlich leid"

Der spektakuläre Schließfach-Raub beschäftigt viele Kunden der Sparkasse Harburg-Buxtehude. Nachdem vor gut zwei Wochen Unbekannte 80 Schließfächer im Buchholzer Beratungscenter an der Poststraße leer räumen konnten, fragen sich die Kunden, ob ihre Wertgegenstände sicher verwahrt sind. Die Betroffenen wünschen sich hingegen eine schnelle Schadensregulierung. WOCHENBLATT-Redakteur Sascha Mummenhoff sprach mit Sparkassen-Kommunikationschef Wilfried Wiegel über die Situation.

WOCHENBLATT: Nach ersten Aussagen wollte die Sparkasse den betroffenen Kunden unbürokratisch und schnell helfen. Wie sieht diese Hilfe aus?
Wilfried Wiegel: Unsere getroffene Zusage gilt unverändert. Alle geschädigten Kunden wurden unverzüglich telefonisch informiert und haben im Nachgang einen Brief erhalten. Wir haben in Buchholz ein Betreuungsteam gebildet. Nach Öffnung der Schließfächer durch die Kunden, im Beisein der Polizei, haben die Teammitglieder mit allen Betroffenen individuelle Gespräche geführt. Die Kunden erstellen derzeit eine Auflistung der gestohlenen Werte. Aktuell vereinbaren wir mit den Kunden Termine, um auf Basis der Aufzeichnungen die nächsten Schritte zu besprechen.

WOCHENBLATT:
Um wie viele Kunden handelt es sich?
Wiegel: Betroffen ist ausschließlich der Standort Buchholz mit 75 Kunden und 80 Schließfächern.

WOCHENBLATT:
Gibt es Vermutungen darüber, wie hoch der Schaden ist?
Wiegel: Weil die Kunden aktuell dabei sind, Aufstellungen über die gestohlenen Werte zu erstellen, kennen wir derzeit noch keine belastbaren Zahlen über die Schadenshöhe.

WOCHENBLATT:
Nach Rücksprache mit vergleichbaren Instituten wirft der Buchholzer Anwalt Jürgen Hennemann der Sparkasse vor, dass das von Ihnen verwendete Sicherheitssystem nicht den heutigen Sicherheitsstandards entspricht. Vor diesem Hintergrund möchte ich Sie bitten, Ihr System nach dem Einbruch zu bewerten. Hätte die Sparkasse nicht zum Schutz der Kunden auf eine persönliche Legitimation setzen müssen?
Wiegel: Selbstverständlich bewerten wir unsere im Einsatz befindlichen Systeme immer wieder. Nicht nur die im Schließfachbereich. Und natürlich sind wir gerade jetzt dabei, eine umfassende Bewertung der Schließfachsysteme vorzunehmen. Diese Bewertungen sind aber noch nicht abgeschlossen.

WOCHENBLATT:
Warum hat die Sparkasse nicht zum Wohle der Kunden eine Versicherung abgeschlossen? Die Kosten hätten - analog vergleichbarer Institute - auf den Mietpreis aufgeschlagen werden können.
Wiegel: Nur der Kunde selbst weiß, welche Inhalte er in seinem Fach verwahrt. Wir haben keine Kenntnis darüber. Der Inhalt des Schließfachs ist nicht versichert. Und weil alle Inhalte individuell zu betrachten sind, können wir keine pauschale Versicherung für die Inhalte anbieten. Als Sparkasse und Vermieter des Schließfachs sind wir natürlich versichert. Deshalb ist es wichtig, dass der Kunde uns jetzt die Inhalte angibt, die er in seinem Fach verwahrt hatte. Nur mit diesem Nachweis können wir Regelungen mit unserer Versicherung treffen.

WOCHENBLATT:
Inwieweit wurden die Sparkassen-Kunden bei der Anmietung der Schließfächer darüber informiert, dass sie nicht automatisch über Ihr Haus versichert sind?
Wiegel: Bei der Anmietung eines Schließfachs wird den Kunden auch der Abschluss einer Schließfachversicherung angeboten. Das ist auch Inhalt der Schließfachbedingungen, die jedem Mieter bei Abschluss eines Mietvertrages ausgehändigt werden. Der Kunde entscheidet frei, ob er eine Versicherung abschließen möchte oder nicht. Kunden, die bei der Sparkasse keine Schließfachversicherung abgeschlossen haben, werden während der Laufzeit der Vermietung wiederholt auf den Abschluss einer Schließfachversicherung angesprochen beziehungsweise angeschrieben. Zuletzt haben wir unseren Schließfachkunden im März 2018 den Abschluss einer Versicherung nahegelegt.

WOCHENBLATT:
Wie bewertet die Sparkasse den entstandenen Vertrauensverlust seitens der Kunden?
Wiegel: Wir müssen uns vor Augen führen, dass unsere Kunden und wir Opfer hoher krimineller Energie geworden sind. Die Straftat wurde offenbar unter Einsatz perfekter technischer Möglichkeiten und mit höchstem technischen Know-how vorbereitet und durchgeführt. Das Vertrauen unserer Kunden ist unser wichtigstes Asset. Der gesamte Vorfall tut uns unendlich leid und wir entschuldigen uns ausdrücklich bei allen Betroffenen. Wir sind selbstverständlich bereit, im Rahmen unserer Verantwortung umstandslos und unbürokratisch die Schäden zu erstatten, die polizeilich zur Anzeige gebracht wurden und nachgewiesen werden können.

WOCHENBLATT:
Danke für das Gespräch.

• Nach vorübergehender Sperrung ist die Schließfach-Anlage während der Öffnungszeiten (montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr) wieder zugänglich. Damit die laufenden polizeilichen Ermittlungen nicht gefährdet werden, bittet die Sparkasse um Verständnis, dass zurzeit keine weiteren Auskünfte gegeben werden können. Im Laufe dieser Woche soll es seitens der Polizei zu einer weiteren Öffentlichkeitsfahndung nach den professionell aufgestellten Tätern kommen.

Gespräche mit Betroffenen
(mum). Die Sparkasse Harburg-Buxtehude will nach eigenen Angaben die geschädigten Kunden bei der Regulierung des entstandenen Schadens unterstützen. Am Freitag verschickte das Unternehmen eine Mitteilung an die Betroffenen. Darin heißt es: "Dafür müssen wir zunächst in einem persönlichen Gespräch den Schaden erheben." Zur Vereinbarung dieses Gesprächs werden die Kunden in die Hauptstelle nach Harburg gebeten. Unter anderem sollen eine Liste der gestohlenen Werte, Dokumente zu den gestohlenen Werten (Kaufbelege und Fotos) sowie Versicherungsunterlagen beziehungsweise Schadenanzeigen mitgebracht werden.
"Wir bedauern den Vorfall zutiefst und werden die Kunden bei den nächsten Schritten bestmöglich begleiten", so Cord Köster, Direktor Regionalbereich Süd der Sparkasse. 

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