Ausländer oder Deutscher?
Jugendliche zwischen zwei Kulturen
- Celine Nguyen (links) und Zahra Zarif- zwei 16-jährige Mädchen, die zwischen den Kulturen stehen
- Foto: Louisa Milord
- hochgeladen von Stefanie Hansen
Ständig sind die Debatten präsent über Einbürgerung, Zuwanderung, Staatsangehörigkeit. Fremdenhass ist in sozialen Netzwerken schon fast normal. Wie aber geht es Jugendlichen mitten in Deutschland damit? Zwei Schülerinnen einer zehnten Klasse haben sich darüber offen Gedanken gemacht: Zahra Zarif und Celine Nguyen.
„Deine Meinung kannst du haben und auch vertreten, aber deine Aussage macht mich nicht weniger deutsch“, sagt Zahra (16), deren Eltern aus Afghanistan kommen. Sie wurde in Hamburg geboren, spricht Deutsch als Muttersprache, besucht das Albert-Einstein-Gymnasium in Buchholz und trotzdem erlebt sie, dass Menschen ihr das Deutschsein absprechen.
Viele junge Leute, die in Deutschland geboren sind und hier leben, werden trotzdem immer wieder gefragt, wo sie „eigentlich herkommen“. Dabei sprechen sie Deutsch, gehen hier zur Schule oder arbeiten hier. Trotzdem sehen manche sie nicht als „wirklich deutsch“ an. Ungefähr ein Viertel der Menschen in Deutschland hat einen Migrationshintergrund. Das heißt, sie oder ihre Eltern sind aus einem anderen Land zugewandert. Viele dieser Menschen haben die deutsche Staatsangehörigkeit. Dennoch begegnet ihnen im Alltag immer wieder die Annahme, sie seien „fremd“ oder „anders“.
"Wo kommst Du eigentlich her?"
Zahra zum Beispiel kennt das gut. „Ich werde öfters gefragt, wo ich eigentlich herkomme. Manchmal ist es nett gemeint, aber wenn das immer die erste Frage ist, die jemand stellt, fühle ich mich unwohl“. Ihre Eltern haben ihr beigebracht, damit stark umzugehen: „Ich bin hier geboren. Ich bin deutsch. Und nur, weil jemand das nicht sieht, ändert das nichts an meiner Identität.“ Zahra glaubt daran, dass ihre Generation etwas verändern kann, durch Offenheit, Gespräche und Aufklärung.
Auch Celine (16), deren Eltern aus Vietnam kommen, ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Sie wird nicht sehr oft direkt nach ihrer Herkunft gefragt, aber wenn, dann meist von neuen Freundinnen oder Kollegen. „Die Fragen kommen eher später, wenn man sich besser kennt. Ich finde es jetzt nicht so schlimm, aber manchmal frage ich mich, warum es überhaupt wichtig ist.“ In ihrer Familie wird nicht viel über Herkunft
gesprochen. „Meine Eltern arbeiten viel, und ich komme auch nicht dazu, das Thema anzusprechen“, sagt sie. Trotzdem ist ihr bewusst, dass ihre Kultur eine Rolle spielt. Zum Beispiel bei gemeinsamen Feiern und Festen wie dem vietnamesischen Neujahrsfest, das von einem vietnamesischen Verein im Landkreis Harburg veranstaltet wird.
Auch Erwachsene erleben solche Situationen regelmäßig, zum Beispiel Nora Obaid (28), Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Albert-Einstein-Gymnasium in Buchholz. Sie ist in Rotenburg geboren, ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater kommt aus dem Libanon. Auf die Frage, woher sie „eigentlich“ komme, reagiert sie irritiert: „Was genau meinen Sie? Die Stadt, das Land, der Ort?“ Für sie ist klar: Jeder kann etwas beitragen, solange er toleriert und rücksichtsvoll ist. Dennoch sagt sie: „Ich bin schockiert, wie oft ich das gefragt werde.“
Die junge Generation kann etwas ändern
Gabriel Ponikieski (41) unterrichtet an der gleichen Schule Geschichte und Erdkunde, hat brasilianische Wurzeln. Beide Elternteile stammen aus Brasilien. Auch er wird immer wieder gefragt, woher er komme. „Yoa, ist schon lustig manchmal“, meint er. Ernst nimmt er es nicht. Auf die Frage „Kann Ihre Generation etwas verändern?“ war ihm klar: „Ich wäre sonst nicht Lehrer.“
Ganz anders ist Destiny (17), dessen Eltern aus Nigeria stammen. Er wird oft gefragt, woher er kommt. Für ihn ist das „normal“. Aussagen wie „du bist nicht wirklich deutsch“ begegnet ihn mit Gleichgültigkeit: „Ist normal, dass sie sowas sagen. Ich ignoriere das.“ Auf die Frage, ob er Hoffnung habe, dass sich etwas ändert, antwortet er: „Weiß nicht. Keine Hoffnung.“ Er fühlt sich selbst nicht als deutsch: „Die haben recht. Ich fühle mich auch nicht deutsch.“
Trotz ihrer unterschiedlichen Erfahrungen haben alle Befragten dasselbe Gefühl. Das Gefühl, immer ein wenig erklären zu müssen, wer sie sind und warum sie dazugehören. Der Umgang mit jungen Menschen, die mehrere kulturelle Hintergründe haben, zeigt, wie wichtig es ist, nicht nur von Integration zu sprechen, sondern echte Zugehörigkeit zu ermöglichen. Dazu gehört, Menschen nicht immer wieder auf ihre Herkunft anzusprechen oder sie indirekt auszuschließen. Es braucht Verständnis, nicht nur Toleranz. Es braucht
echtes Interesse daran, wie sich andere fühlen, wie sie leben und was sie erleben.
Zuhören ist ein erster Schritt. Aufhören, ständig zwischen „deutsch“ und „nicht deutsch“ zu unterscheiden, ist der nächste. Denn vielleicht liegt die Antwort längst auf der Hand, denn viele dieser jungen Menschen kommen „von hier“. Und das sollte reichen.
Redakteur:Stefanie Hansen aus Tostedt |
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