„Kinder springen von einer Tränenpfütze in die andere“

Gemeinsam sind sie stark: Pat und Dietmar Koop vom Verein "traudich"
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WOCHENBLATT-Serie über engagierte Helfer: Dietmar Koop hilft Pat beim Verein "traudich"

os/nw. Buchholz. Millionen Bundesbürgerinnen und Bürger arbeiten ehrenamtlich. Sie trainieren Sportler, führen die Vereinskasse, kümmern sich um Kranke, spenden Trauernden Trost, betreuen Flüchtlinge. Ohne Ehrenamtliche ginge vieles nicht mehr im Land. In Zusammenarbeit mit der Freiwilligenagentur "f.e.e" stellt das WOCHENBLATT in einer Serie Menschen vor, die Ehrenamt geben und nehmen – und beide profitieren. Heute Dietmar Koop und Pat von "traudich – Treffpunkt für trauernde Kinder Buchholz".
WOCHENBLATT: Herr Koop, ist Trauerbegleitung für Kinder ein herausforderndes Ehrenamt?
Díetmar Koop: Ja und ein. Das Thema „trauernde Kinder“ ist herausfordernd. Vielleicht hat man zuerst Angst oder Bedenken, etwas nicht erfüllen zu können. Wenn man aber mit den Kindern arbeitet, macht das Freude. Es hängt mit der persönlichen Geschichte jedes Einzelnen zusammen, mit der eigenen Erfahrung mit dem Thema Tod: Wie bin ich damit umgegangen? Wie weit habe ich das selbst bearbeitet? Daraus ergibt sich, ob man für diese Arbeit bereit ist. Als Allerwichtigstes braucht man Empathie, Mitgefühl, nicht zu verwechseln mit Mitleid.
WOCHENBLATT: Wie finden Menschen zu dieser Aufgabe?
Koop: Zumeist über Mund-zu-Mund-Propaganda. So kommen auch die meisten Kinder zu uns. Oder ich spreche Menschen direkt an. Aktuell braucht der Verein dringend ehrenamtliche Unterstützung. Die Hürde liegt in den Bedenken der Leute: ‚Oh Gott, jetzt muss ich mich mit dem Thema Tod beschäftigen!’ Fragt man die aktiven Ehrenamtlichen, sagen sie: „Gott sei Dank, dass ich das Thema angegangen bin! Es hat mir so viel gebracht!“
WOCHENBLATT: Können Sie das genauer beschreiben?
Koop: Ich habe dafür einen Ausdruck gefunden: erfüllend. In „erfüllend“ steckt drin: Es tut mir gut. Eine erfüllende Aufgabe meint, ich tue etwas Wichtiges für Kinder und ich tue mir gleichzeitig selbst etwas Gutes, indem ich mich mit dem Tod auseinandersetze. Ich habe mit jungen Leuten zu tun, habe eine Möglichkeit zu helfen. Das ist für mich der springende Punkt. Es bringt mir Ausgeglichenheit und Zufriedenheit, etwas Sinnvolles zu tun.
WOCHENBLATT: Haben Sie einen persönlichen Bezug zum Thema?
Koop: Allerdings. 1990 wurde mein Sohn Halbwaise. Meine Frau wurde auf offener Straße überfahren. Damals hatten wir, Gott sei Dank, Kontakt zu einem Psychologen, der die Trauer bei meinem Sohn auffangen konnte. Ich wusste zu dem Zeitpunkt noch nichts über Einrichtungen zur Trauerbewältigung für Kinder. 1982 ist das erste Trauerzentrum für Kinder in Amerika gegründet worden. In Deutschland startete 2000 in Bremen das Zentrum „Trauerland“. So bekam ich die Idee, so etwas nach meiner Pensionierung selbst aufzubauen. Dazu habe ich mich überall schlau gemacht, in Amerika, in Hamburg und in Kiel. In Niedersachsen waren wir schließlich die ersten. Dass wir das Mehrgenerationen-Haus Kaleidoskop nutzen können, ist ein absoluter Glücksfall. Ohne Kaleidoskop gäbe es uns nicht! Seit Januar 2019 bestehen wir 10 Jahre.
WOCHENBLATT: Wie funktionieren Trauerbewältigungsgespräche?
Koop: In der Regel rufen bei uns Menschen an und berichten über einen Todesfall in der Familie. Telefonisch klären wir, wer betroffen ist, wie alt die Kinder sind. Dann machen wir zügig einen Termin, gehen zu zweit in die Familie. Wir wollen die Kinder in ihrem Umfeld kennen lernen. Dort zeigen sie uns vielleicht Bilder von Verstorbenen und ihr Zimmer. Meistens sind sie sofort aufgeschlossen. Wir sprechen das Thema Tod offen an und lassen uns erklären, was passiert ist. Die Kinder sind immer dabei. Wir sagen ihnen, dass sie die Hauptpersonen sind. So lernen wir einander kennen, erzählen ihnen, was wir mit den Kindern in unseren Gruppen machen. Zuletzt laden wir sie ein, sich unsere Gruppe anzugucken. Da sie uns kennen, brauchen sie nicht mehr in eine anonyme Gruppe zu kommen. In den ganzen zehn Jahren wollten nur zwei von etwa 120 Kindern nicht teilnehmen. Und die allermeisten sind sehr lange da, Monate oder sogar Jahre. Heute morgen habe ich mit einer Mutter telefoniert, deren fußballbegeisterter Sohn auf Fußball verzichten will, um doch noch länger in die Gruppe kommen zu können. Für die Eltern sind wir auch oft der einzige Anlaufpunkt zum Reden.
WOCHENBLATT: Trauern Kinder anders als Erwachsene?
Koop: Kinder springen von einer Tränenpfütze in die andere. Sie beschäftigen sich nicht durchgängig mit Trauer. Ein Buchtitel „Mama ist tot. Können wir ein Eis essen?“ beschreibt genau das. Kinder sind Meister im Verdrängen. Deshalb arbeiten wir mit ihnen am Erinnern, indem wir ein kleines Stück ansprechen, was danach wieder beiseite geschoben wird. Dabei sind die Kinder oft sehr fröhlich. Es wird viel gelacht in entspannter Atmosphäre. Hinterher macht das häufig etwas mit den Kindern. Erwachsene können von Kindern lernen, immer nur so viel der Trauer zu bearbeiten, wie man gerade gut verträgt. Erwachsene versinken oft in Trauer. Bei Kindern ist es wie im Aprilwetter: Regenschauer und Sonnenschein wechseln einander ab.
WOCHENBLATT: Bekommen Sie Dank oder Anerkennung?
Koop: Anerkennung ist für mich: Sie kommen! Anerkennung ist für mich, was ich heute morgen gehört habe, nämlich dass dem Jungen noch wichtig ist, zu uns zu kommen. Von den Erwachsenen kommt ganz viel Anerkennung rüber. Aber von Kindern erwarte ich das nicht. Sie kommen. Und wenn wir uns bei der Begrüßung „abklatschen“, ist das herzerwärmend. Das ist die Anerkennung, die ich mir hole. Entscheidend ist, ob ich mit mir zufrieden bin. Wenn jemand Anerkennung braucht, dann wäre das kein Ehrenamt für ihn. Aber die Arbeit selbst ist so befriedigend. Deshalb braucht man keine Anerkennung von außen. Ich vermisse allerdings stark die Aufmerksamkeit von Bestattern – Ausnahmen bestätigen die Regel! - die auf uns hinweisen könnten. Auch von der Kirche werden wir leider wenig berücksichtigt.
WOCHENBLATT: Haben Sie besonders berührende Erlebnisse?
Koop: Oh, da gibt es zu viele! Zu vielen Kindern fühle ich mich noch lange verbunden. Das ist berührend. Berührend ist, wenn ein Kind nach einem Jahr sagt: „Mama, ich möchte da wieder hin!“ Einige Kinder wachsen mir auch richtig ans Herz, weil sie so liebevoll mit sich und der Gruppe umgehen. Am Ende eines Treffens sitzen wir im Kreis, halten uns alle an der Hand und beantworten eine Frage. Dieser Moment ist berührend und wirklich schön. Wer das mitgemacht hat, weiß wovon die Rede ist. In diesem Sinne möchte ich vielen Leuten Mut machen, sich bei uns ehrenamtlich zu engagieren. Mir ist sehr wichtig, dass der Verein weiterbesteht, weil ich weiß, wie stark viele davon profitieren. Ich wünschte mir, dass wir noch mehr Kinder erreichen. Mit fünf neu aufgenommenen Kindern haben wir zurzeit allerdings unsere Grenze gerade erreicht.

Zur Person

Dietmar Koop lebt seit 40 Jahren in Buchholz und war früher als Handelslehrer tätig. 2009 hat er den Verein „traudich-Treffpunkt für trauernde Kinder Buchholz e.V“. gegründet.Der begleitende „Therapiehund“ heißt Filou.

WOCHENBLATT: Pat, Eure Gemeinsamkeit bei traudich ist, dass alle einen nahestehenden Angehörigen verloren haben. Du hast Deine Mutter verloren.
Pat: Ja.
WOCHENBLATT: Seit wann besuchst Du traudich?
Pat: Ich nehme nun schon zwei Jahre an den Gruppensitzungen teil. Mir ging es lange nicht gut. Deshalb brauchte ich jemanden, der mir hilft. Dann sind mein Vater und ich auf traudich gestoßen. Und ich habe gemerkt, dass ich mit meiner Gruppe alles besser verarbeiten kann.
WOCHENBLATT: Was macht ihr in einer Sitzung?
Pat: Das ist unterschiedlich. Hauptsächlich arbeiten wir an den Erinnerungen, die wir zu den verstorbenen Personen haben. Diese notieren wir in einem Erinnerungsalbum. Und wir basteln auch Dinge, die uns an die Person erinnert oder die uns mit der Person in Verbindung bringt. Das hilft, alles zu verarbeiten.
WOCHENBLATT: Es geht also um Verarbeiten und Erinnern?
Pat: Ich glaube, jeder hat einen Knackpunkt, den er nicht überwinden kann. Da sitzt irgendetwas in einem fest. Und durch diese Gruppe werden wir aufgelockert und wir merken, was wir alles Gutes mit der Person hatten. Von Schlechtem werden wir gelöst. Es ist zwar nicht weg, aber wir werden davon befreit. Und hier versucht man dir zu helfen, dich in positivem Sinne an die Person erinnern zu können, damit du weißt, wen du verloren hast.
WOCHENBLATT: Was heißt im positiven Sinne erinnern?
Pat: Wir dürfen weinen oder mal wütend sein, eben alles tun, was damit in Verbindung steht. Das hilft damit umzugehen, dass die Person jetzt nicht mehr da ist.
WOCHENBLATT: Was aus der Gruppe hat eine besondere Bedeutung für Dich?
Pat: Mir sind die Dinge wichtig, dir wir gebastelt, gebaut oder gemalt haben. Die habe ich mit nach Hause genommen. Sie stehen besonders in Verbindung mit meiner Mutter. Auf diese greife ich zurück. Wenn es mir schlecht geht, nehme ich sie in die Hand, erinnere mich und versuche, wieder einen besseren Tag zu haben.
WOCHENBLATT: Nimmst du Verbindung auf?
Pat: Ja, würde ich sagen.
WOCHENBLATT: Wie sollten Menschen mit einem Kind umgehen, das eine nahestehenden Person verloren hat?
Pat: Erwachsene sollten ein Kind nicht mit zu viel Beileidswünschen überschütten. Sie sollten auch nicht versuchen, alles schön zu reden. Sondern auch mal den Punkt treffen, der weh tut, damit man halt merkt: ‚Okay, es war jetzt so.’ Aber dann kommen meistens noch gute Erinnerungen an die Person. Was ich nicht mochte, war: „Oh, das tut mir so leid. Wie kann ich dir helfen? Möchtest du mit mir reden?“ Das können Kinder nicht so gut hören. Besser ist es, mit jemandem über die Person zu sprechen. Die verstorbene Person vergessen zu wollen, ist auch der falsche Weg. Erwachsene können fragen: „Was hast du mit ihr erlebt?“, in Erinnerungen graben. Das weckt die Kinder meistens auf und lässt sie an das Positive denken und macht die negative Stimmung weg.
WOCHENBLATT: Es weckt die Kinder auf?
Pat: Ja, denn Kinder haben viel Phantasie. Wenn man die ankurbelt und nachfragt und vielleicht dazu Dinge erfindet, dann können sie mit der verlorenen Person in Verbindung kommen. Kinder sind sehr kreativ. Ihnen fällt so Vieles ein, wenn man genau nachfragt.
WOCHENBLATT: Dann geht es also darum, ehrlich über alles was war zu sprechen?
Pat: Ja. Kinder haben ja noch viele Fragen im Kopf. Sie möchten wissen: „Wie war das eigentlich? Wie war das in der Kindheit von meiner Mutter oder meinem Vater? Wie haben sie das erlebt?“ So wird bei Kindern viel gelöst und sie bekommen Verständnis. Dann wissen sie, wie sie besser mit allem umgehen sollen.
WOCHENBLATT: Was sagst Du Menschen, die traudich unterstützen möchten?
Pat: Jeder hat schon einmal ein Erlebnis zum Thema Tod gehabt oder wird es noch haben. Leute sollten versuchen, bei Tod nicht immer an etwas Negatives zu denken. Sie könnten positiv denken. Wer hier mitarbeitet, hilft anderen Menschen, über etwas hinweg zu kommen. Sie helfen, dass Kinder wieder ein gutes Leben haben.
WOCHENBLATT: So wie Dietmar Koop?
Pat: Ich weiß, dass er auch einen großen Verlust erlebt hat. Trotzdem arbeitet er jeden Tag. Er hat immer ein Lächeln drauf. Auch wenn wir uns eigentlich nicht mit einem schönen Thema beschäftigen, vermittelt er uns den Eindruck, dass wir einfach positiv darüber denken sollen. Vielleicht gab es für einige daran sogar etwas Gutes. Er zeigt uns als Erwachsener, wie man alles verarbeiten und damit leben kann, weil wir ja noch in der Kindheit oder der Pubertät stecken und überfordert sind. Dass es vielleicht nicht immer einfach ist, aber dass es auch ein glückliches Leben gibt, obwohl man jemanden verloren hat.
WOCHENBLATT: Was geben Dir die Gruppensitzungen?
Pat: Es macht immer Spaß. Vielleicht habe ich mal einen schlechten Tag, aber ich komme immer glücklich nach Hause. Durch die Gruppe kann ich Erinnerungen besser verarbeiten, so wie ich das allein nicht geschafft hätte. Ich kann nur Gutes sagen über diese Gruppe.
WOCHENBLATT: Das macht Mut, sich euch anzuschließen.
Pat: Kinder oder Jugendliche, die einen Verlust erlebt haben, und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen, können sich hier melden. Das ist nicht schlimm. Wenn es einem zu weit geht, kann man „Stopp“ sagen oder auch den Raum verlassen. Auch die Erwachsenen sollen herkommen und reden. Das ist nichts Schlimmes. Man ist nicht feige. Es ist mutig, wenn man hierher kommt und zeigt: Ich brauche Hilfe.

Zur Person

Pat ist 16 Jahre alt und besucht die IGS Buchholz.

Sie wollen sich ehrenamtlich engagieren?

Die Freiwilligenagentur "f.e.e" (Tel. 0176-54639639) bietet jeden ersten Mittwoch im Monat von 10 bis 12 Uhr im Café International eine Sprechstunde an.

Auf der Ehrenamtsmesse am 9. März in der Empore stellen sich zahlreiche Vereine vor und freuen sich auf Ihren Besuch.

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