"Das Ehrenamt muss mehr Wertschätzung erhalten"

Macht Schluss: TSV-Vorsitzender Ronald Bohn
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Interview mit Ronald Bohn, der sich nach zehn Jahren als Vorsitzender des TSV Sprötze zurückzieht

os. Sprötze. Zehn Jahre lang stand Ronald Bohn (48) als Vorsitzender an der Spitze des TSV Sprötze. Jüngst hat der Immobilienmakler dem Klub, der rund 750 Mitglieder hat, mitgeteilt, dass er sich 2019 von seinem Amt zurückzieht. Im Interview mit WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Oliver Sander spricht Bohn über die Gründe und das Ehrenamt.
WOCHENBLATT: Was waren die Gründe für Ihren Rückzug?
Ronald Bohn: Zum einen bin ich der Meinung, dass man an einem Posten nicht kleben sollte und jegliche Art von Veränderungen etwas Gutes hat. Zum anderen bin ich privat mit meiner Familie in den Landkreis Rotenburg gezogen und die Entfernung spielt hier auch eine Rolle.
WOCHENBLATT: Wie hat sich das Ehrenamt in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
Bohn: Das Ehrenamt erhält nicht mehr die Wertschätzung, die es verdient. Egal in welchen Bereichen, ob in der Feuerwehr, der Betreuung von Jung und Alt oder in den Vereinen: Es sollen immer mehr Aufgaben übernommen werden, die mit den vorhandenen Kapazitäten nicht mehr zu schaffen sind. Des Weiteren ist die immer mehr werdende Bürokratie ein großes Problem. Im Sport haben wir obendrein noch mit dem „Wasserkopf“ der Verbände zu kämpfen.
WOCHENBLATT: Wie äußert sich das?
Bohn: Wir, die die Arbeit vor Ort verrichten, werden immer mehr zur Kasse gebeten. Fast jährlich kommen Erhöhungen der verschiedenen Verbände für aktive und auch passive Mitglieder der Vereine. Die großen Verbände finanzieren sich damit schöne Büros und noch mehr Mitarbeiter. Doch für die Arbeit an der Basis bleibt kaum etwas. Auch die Gesetze haben sich zum Nachteil verändert. Ein Vorsitzender haftet persönlich und muss sich versichern, damit er im Schadensfall nicht Haus und Hof verliert. Ein Politiker oder Industriechef kann in diesem Land Fehler machen, Steuerzahler betrügen und erhält noch fette Abfindungen oder einen anderen gut bezahlten Posten. Wo ist hier die Verhältnismäßigkeit?
WOCHENBLATT: Was muss geschehen, damit das Ehrenamt attraktiver wird?
Bohn: Es darf auf jeden Fall nicht nur Plakatwerbung oder Werbung für Kampagnen geben. Was nützt uns ein Plakat wie toll das Ehrenamt ist oder 'DANKE Ehrenamt'? Floskeln helfen uns nicht! Es muss von der Landes- und Bundespolitik mehr unterstützt werden. Z.B. generelle Freibeträge für jeden ehrenamtlich Tätigen für die geleisteten Stunden ohne Obergrenze und nicht einen ausgezahlten Pauschbetrag, den der Einzelne steuerfrei geltend machen darf. Die Gesetze müssen angepasst und die Bürokratie vertretbar werden, sodass auch hier einem die Lust nicht schon im Vorwege für eine Vorstandsarbeit genommen wird. Viele Verbände müssten neu strukturiert und von den Landesregierungen überwacht werden.
WOCHENBLATT: Sie haben verschiedentlich fehlende Unterstützung von Bürgern und Politik kritisiert. Wie hat sich das Verhältnis entwickelt?
Bohn: Von fehlender Unterstützung möchte ich nicht sprechen, eher Fehlverhalten. In meinen zehn Jahren als Vorsitzender haben wir z.B. immer zu unserem alljährlichen Grünkohlessen die Bürgermeister der Stadt Buchholz und Ortsbürgermeister eingeladen. Bei dieser Veranstaltung danken wir unseren Übungsleitern für ihre Arbeit und ehren Mitglieder für ihre langjährige Mitgliedschaft. Keiner unserer Bürgermeister ist je erschienen oder hat eine Vertretung geschickt. Lediglich unsere jetzige Ortsbürgermeisterin Heidemarie Micheel ist unseren Einladungen gefolgt und zeigt somit ihr Interesse an ehrenamtlicher Vereinsarbeit. Als weiteres Fehlverhalten sehe ich es an, wenn in der kommunalen Politik darüber nachgedacht wird die Zuschüsse für Vereine zu streichen. Das ist eine Farce.
WOCHENBLATT: Warum?
Bohn: Gerade im Bereich der Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit sind es doch die Vereine, die einen großen Beitrag leisten. Und dafür soll kein Geld mehr ausgegeben werden? Jeder, der solch einen Antrag unterstützt, auch wenn es nur um Kürzungen geht, sollte sich schämen und sein politisches Amt niederlegen. Ich gehe sogar weiter und würde mir wünschen, dass alle Ehrenamtlichen in diesem Land ihre Tätigkeit für einen Tag ruhen lassen. Ich bin mir sicher, hier würde nichts mehr funktionieren und all denen die Augen öffnen, die uns die Wertschätzung nicht geben. Im Bereich der Bürger beobachten wir immer mehr, wenn die Kinder nicht mehr vom Verein 'bespaßt' betreut werden, verlieren auch die Eltern, die nicht anderweitig im Sport mit eingebunden sind, die Beziehung zum Verein und treten wieder aus. Kleine Ortsvereine wie wir leben von ihrer Tradition und dem Wirgefühl. Leider geht dieser Gedanke immer mehr verloren und die Existenzen kleiner Vereine sind bedroht.
WOCHENBLATT: Nach dem Verkauf des Fußballplatzes am ehemaligen Ritscher-Gelände soll am Platz an der Königsstraße ein Trainingsplatz entstehen. Wie weit sind Sie mit den Planungen?
Bohn: Wir haben mit der May-Gruppe einen notariellen Kaufvertrag über den Ritscher-Platz geschlossen. Ob der Platz jedoch den Eigentümer wechselt und Geld fließt, hängt von dem Ausgang des B-Planverfahrens der Busch-Senator-Fläche ab. Beim kleinen Trainingsfeld am Schulsportplatz gibt es Fortschritte. Nach langem Hin und Her gab es im November einen Ortstermin mit Anwohnern vom Sanderfeld, der Verwaltung und mir. Ich denke wir haben dort für alle eine vertretbare Einigung getroffen und wir können mit sechsmonatiger Verspätung im Frühjahr 2019 den ehemaligen Bolzplatz an der Königsstraße wieder herrichten.
WOCHENBLATT: Herr Bohn, vielen Dank für das Gespräch.

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