LPT Mienenbüttel
Neue Erkenntnisse im Tierlabor-Skandal

Zynischer Behördentipp, weil Beschäftigungsmaterial fehlt: Die Versuchsaffen sollen mit den Vorhängeschlössern spielen
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bim. Mienenbüttel. Erschreckende neue Erkenntnisse zieht die "Soko Tierschutz" im Tierlabor-Skandal um das LPT in Mienenbüttel: Nicht nur, dass inzwischen vier Strafanzeigen gegen das Labor wegen Verstößen gegen den Tierschutz gestellt worden sind (vom Landkreis, Tierschutzbund, "Soko" und Laves). Der verdeckte Ermittler der "Soko" hat vermutlich auch einen Betrug aufgedeckt: Denn einer der Versuchsaffen sei plötzlich durch einen anderen ausgetauscht worden und diese Versuchsreihe somit nicht aussagekräftig. Die "Soko" hat daher auch Anzeige wegen des Verdachts auf versuchten Betrug gestellt.
In einer am Dienstag weit nach Redaktionsschluss eingegangenen und lange "abgestimmten" Pressemitteilung nahm der Landkreis Stellung zu den Vorwürfen gegen das LPT, nachdem die Ermittlungen und Bilder der "Soko" im Kreishaus bereits seit Dienstag der Vorwoche bekannt waren und der neue Kreisveterinär Thorsten Völker für die auf ARD ausgestrahlte TV-Sendung "Fakt" längst vor Fernsehkameras ein Interview gegeben hatte.
Demnach hat die Veterinärbehörde des Landkreises Harburg bei vier Kontrollen des Tierversuchslabors LPT seit 2018, die von wechselnden Veterinären und zum Teil gemeinsam mit dem Niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) durchgeführt wurden, bis zur Kenntnis des vorliegenden Videomaterials "keine gravierenden Verstöße gegen die Tierschutz- und Haltungsbestimmungen festgestellt". Seit 2015 fanden insgesamt neun Kontrollen statt, davon sieben unangekündigt. Bei aktuellen Kontrollen sei die Haltung von 44 Affen in deutlich zu kleinen Käfigen festgestellt worden. "Durch diese Haltung wurde den Affen nach Einschätzung des Veterinärdiensts anhaltendes und erhebliches Leid zugefügt. Zudem waren die Affen zum Zeitpunkt unserer aktuellen Kontrolle nicht als Versuchstiere eingesetzt. Sie hätten demnach nach den Regelungen des Tierschutzes und nicht nach den Regelungen für Tierversuche gehalten werden müssen", so der Landkreis weiter.
"Es ist schon sonderbar, dass die Veterinärbehörde jetzt zu kleine Käfige erkennt, die dort wohl schon seit Jahren hängen. Besonders empörend finden wir, dass das völlige Fehlen von rechtlich vorgeschriebenem Beschäftigungsmaterial bei den Affen damit entschuldigt wird, dass die Tiere ja schließlich die Vorhängeschlösser der Käfige zum Spielen hätten. Das lässt an den Kompetenzen und Einstellungen der verantwortlichen Kontrolleure zweifeln. Wir fordern keine Scheinlösungen, sondern einen sofortigen Schutz der Tiere, und das geht nur durch die Schließung des Tierlabors", so Friedrich Mülln von der "Soko Tierschutz".
Die von der Tierschutzorganisation aufgedeckten Missstände sind auch eine Bestätigung für das vom WOCHENBLATT im Februar öffentlich gemachte Versagen der Veterinärbehörde, ihrer vorherigen, inzwischen abberufenen Kreisveterinärin und der Kreisspitze in ihrer Kontroll- und Leitungsfunktion. Ein Insider hatte der Beamtin u.a. strafrechtlich relevante Verstöße bei der Lebensmittelkontrolle und bei der Genehmigung von Viehtransporten vorgeworfen. Und offenbar wurde auch bei den Kontrollen des LPT geschlampt oder fahrlässig weggeschaut.
Die Forderung nach Schließung des Labors bekommt durch die jüngste Aufdeckung von "Fakt" und der Tierrechtsorganisation Auftrieb. "Die Recherchen geben sehr konkrete Hinweise auf den Supergau bei den vorgeblichen Sicherheitstests im LPT", so Friedrich Mülln. Er schildert: "Der 'Soko-Tierschutz'-Ermittler entdeckte in der Affenhaltung des Labors ein Tier, dessen Tattoo-Nummer nicht zu dem Etikett auf dem Käfig passte. Mehrere Mitarbeiter berichteten übereinstimmend und unabhängig voneinander, dass ein Affe ausgetauscht wurde. Das alte Tier war laut Aussage der Mitarbeiter unter grausamen Bedingungen an einem Mastdarmvorfall verendet. Offenbar passierte dieser Todesfall durch Versagen der Labormitarbeiter. Diese wurden danach angewiesen, die Nummer des Austausch-Affen zu verheimlichen und die Nummer des alten Affen weiter zu verwenden. Die Mitarbeiter kommentierten das Ganze zynisch und meinten z.B. 'Wird nachher einfach deine Tattoo-Nummer ausgetauscht vor der Sektion, einfach die andere reingelegt ins Näpfchen, so läuft das hier'. Die Leiterin der LPT-Einrichtung in Mienenbüttel wurde von dem Undercover-Ermittler mit dem Austausch des Tieres konfrontiert und meinte, das wäre gut."
Nach Recherchen von "Fakt" liegen der verantwortlichen Kontrollbehörde, dem Laves Niedersachsen, keine Informationen des Labors über den Tod des Affen oder zu einem Austausch vor. Diese Informationen hätten vom LPT aber verpflichtend gemeldet werden müssen. Die südkoreanische Pharmafirma, welche die 26-Wochen-Giftigkeitsstudie an dutzenden Affen beim LPT beauftragt habe, schweige zu den Vorwürfen.
"Wenn sich der akute Verdacht bestätigt, dass im LPT eine gewaltige Primatenstudie auf diese Art und Weise manipuliert wurde, dann stellt das alles in Frage, und dem Labor muss sofort die Betriebserlaubnis entzogen werden. Das bedeutet dann nicht nur Qualen für Tiere, sondern auch ein Medikament für Menschen, dessen Entwicklung auf unterschlagenen Daten und einem verfälschten Studienablauf beruht", so Mülln. "Das System Tierversuch ist unmoralisch und gefährlich. Tausende Menschen fordern mit uns ein Ende der Grausamkeiten und dass die Politik endlich handelt. Dann würde Deutschland auch das äußerst peinliche Vertragsverletzungsverfahren der EU erspart bleiben. Denn Deutschland tötet zwar mitunter die meisten Versuchstiere, ist aber absolutes Schlusslicht beim Schutz der Tiere und der Einhaltung von EU-Recht."

Lesen Sie auch: Politik schaut weg bei massenhafter Tierquälerei

Landesregierung informiert

Das LPT und die dort aufgedeckte Tierquälerei beschäftigte nun auch den Landesfachausschuss. Die Landesregierung informierte u.a. darüber, dass die vom LPT durchgeführten Tierversuche auf 88 von der zuständigen Behörde, dem Laves, erteilten Genehmigungen basieren. Ferner würden dort 25 Tierversuche durchgeführt, die lediglich einer Anzeige beim Laves bedürfen.
Bei einer Kontrolle des Landkreises und des Laves am Dienstag seien "Ungereimtheiten bei der Plausibilitätsprüfung festgestellt" worden. Alle 113 Verfahren würden daher zurzeit geprüft und laufende Verfahren ausgesetzt. Die in zu kleinen Käfigen in Einzelhaltung gehaltenen Affen befänden sich nun in Gruppenhaltung. Geprüft werde durch das Laves außerdem u.a., die Genehmigung für in Rede stehende Tierversuche zu widerrufen.

Auf ein Wort

Nehmen Sie sich ein Tier, verabreichen Sie ihm giftige Substanzen, bis es blutet. Wenn es sich wehrt, packen Sie es hart an. Verweigern Sie ihm Zuneigung und Bewegungsmöglichkeiten. Und wenn Veterinäramt oder Staatsanwaltschaft unangenehme Fragen stellen, sagen Sie, Sie machen Versuche zum Wohle der Menschheit. 
Was wie der Umgang von Sadisten mit Tieren klingt, scheint nach den Foto- und Videoaufnahmen von "Soko Tierschutz" und "Cruelty Free International" in Tierversuchslaboren gängige Praxis zu sein für zweifelhafte Tests von Substanzen und Präparaten, deren Wirkungsweisen womöglich überwiegend bereits erforscht und bekannt oder auf den Menschen gar nicht anwendbar sind. Dennoch gelten für Tierversuchslabore andere "Standards", werden grausame Tierquälereien behördlich und durch mangelhafte Gesetzgebung gedeckt.
Die Politik muss endlich handeln, Großkonzernen der Chemie-, Pharma- und Pflanzenschutzindustrie die Stirn bieten und diesem unwürdigen Treiben ein Ende setzen. Auch müssen die Tests und wofür sie gut sein sollen transparent gemacht werden.
Bianca Marquardt


Tierschutzpartei erstattet Anzeige

(bim). Nach Veröffentlichungen zu den Vorgängen im LPT Mienenbüttel stellt die Kreispolitik Anträge und Anfragen. Der Neu Wulmstorfer Europaabgeordnete Martin Buschmann ("Partei Mensch, Umwelt, Tierschutz") hat inzwischen bei der Staatsanwaltschaft Hamburg Strafanzeige und vorsorglichen Strafantrag gestellt "wegen Verdacht des Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz durch aktives Handeln und Unterlassung sowie aller in Frage kommenden Delikte" gegen:
• Dr. Jost L., persönlich haftender Gesellschafter und Geschäftsführer des LPT in Hamburg
(Anm. der Redaktion: Hauptsitz des LPT);
• Mitarbeiter des LPT Hamburg, die den Versuchstieren durch brutales und unsachgemäßes Handeln über einen längeren Zeitraum Schmerzen, Ängste und Schäden zugefügt haben;
• Olaf Scholz, ehemaliger Hamburger Bürgermeister, jetzt Bundesminister der Finanzen;
• Cornelia Prüfer-Storcks, Senatorin für Gesundheit und Verbraucherschutz der Freien und Hansestadt Hamburg;
• Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin der Freien und Hansestadt Hamburg, Senatorin sowie Präses der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung im Hamburger Senat;
• Veterinäramt als Kontrollorgan, Bezirksamt Harburg, Fachamt Verbraucherschutz, Gewerbe und Umwelt.
Martin Buschmann war einst über die Protestaktionen gegen das Mienenbütteler Tierversuchslabor LPT zu der "Tierschutzpartei" gekommen. "Bis 2013 habe ich jede Woche an Protestkundgebungen teilgenommen. Parteiseitig haben wir 2014 zum deutschlandweiten Protest gegen Tierversuche aufgerufen", so Buschmann. Ob allerdings "fünf oder 500 Demonstranten" vor den Türen der Versuchslabore stünden, sei Jost L. egal. "Die schotten sich nur weiter ab. Man muss das Problem politisch lösen über Verbote und Richtlinien", so Buschmann.
SPD/Grüne/Linke im Kreistag: Die Fraktionen haben einen gemeinsamen Fragenkatalog an die Kreisverwaltung gestellt. Sie wollen u.a. wissen, seit wann der Kreisverwaltung Mängel und Verstöße bekannt sind; in welchem Umfang das Veterinäramt in den vergangenen zehn Jahren kontrolliert hat, welche Schritte der Landkreis nun unternommen hat und ob ein privater Betrieb wie das LPT nach Einschätzung des Landkreises die notwendige Zuverlässigkeit hat.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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