Autismus-Spektrum
Familien im Landkreis Stade kämpfen für ihre Kinder
- Bei Kindern mit Autismus-Spektrum kann das Gehirn Reize nicht filtern - es kommt zum "Overload"
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Kinder mit Autismus erleben im Landkreis Stade und Harburg oft Ausgrenzung statt Inklusion. Familien fordern Lösungen – und ein Bildungssystem mit Verständnis.
Wenn hochbegabte Kinder vom Unterricht ausgeschlossen werden, weil sie im Autismus-Spektrum sind, läuft etwas grundlegend falsch – trotz Schulpflicht, trotz Diagnose. Was nach Einzelfällen klingt, ist bittere Realität für viele Familien im Landkreis Stade und Harburg. Ihre Kinder erleben Ausgrenzung, Hilflosigkeit – und ein Bildungssystem, das sie nicht auffängt.
Wenn das weiße Taxi plötzlich schwarz ist
Ein Sechsjähriger wartet auf sein Schul-Taxi. Seine Mutter hatte ihm gesagt, nachdem sie sich erkundigt hatte: "Es ist weiß." Als ein schwarzes Auto vorfährt, bekommt der Junge Panik. Er schreit, schlägt um sich – und wird als aggressiv abgestempelt. Ein Kind, das mit seiner Umgebung ringt, nicht aus Boshaftigkeit, sondern aus Überforderung. Sein Gehirn kann die plötzliche Veränderung nicht einordnen – eine klassische Reaktion bei Kindern im Autismus-Spektrum.
Auch sein ebenfalls vom Autismus-Spektrum betroffener älterer Bruder, 16 Jahre alt, ist überfordert: Er soll seine geräuschdämpfenden Kopfhörer nicht mehr in der Schule tragen, obwohl sie ihm helfen, Reizüberflutung zu vermeiden. Damit wird der Gang zur Schule für ihn zu einer extrem kräftezehrenden Aufgabe.
Wenn Hochbegabung nichts nützt
In Apensen kämpft eine Lehrerin für ihren eigenen Sohn. Der als hochbegabt eingestufte Junge wird wegen seiner Wutanfälle wiederholt vom Unterricht ausgeschlossen. Schließlich soll er monatelang nicht mehr zur Schule kommen dürfen. Die Mutter hat eine Anwältin eingeschaltet.
Eine andere Mutter aus Hollern-Twielenfleth unterrichtet ihren Sohn zu Hause – in Absprache mit der Schule. Die Lehrkräfte seien engagiert, sagt sie. Doch es fehle an den nötigen Rahmenbedingungen. In ihrer Heimat Kalifornien habe Inklusion anders funktioniert. Alle Kinder gingen auf die gleichen Schulen, aber es gebe besondere Klassen mit Rückzugsräumen und geschultem Personal und einem Zaun um die Schule, sodass die Kinder nicht weglaufen können. In Deutschland müsse sie ihr Kind bei jedem „Ausbruch“ abholen. Das Ergebnis: erneute Ausgrenzung.
Autismus ist keine Krankheit
Ursula Poethkow, Leiterin der Autismus-Ambulanz der Lebenshilfe Buxtehude, kennt solche Geschichten: „Autismus ist keine Krankheit, sondern eine andere Art der Wahrnehmung. Das Gehirn filtert Reize anders – oder gar nicht.“ Die Folge seien Überforderung, Rückzug, Reizüberflutung.
Poethkow betont: „Die Diagnose bleibt. Die Betroffenen müssen lernen, damit zu leben – durch Integration, nicht durch Ausgrenzung.“ Doch genau daran scheitere das System. Selbst gut gemeinte Ansätze verlören sich im Schulalltag, manchmal, weil Lehrkräfte den Kindern einfach nur mangelnde Disziplin unterstellen, machmal, weil sie mit der Situation - verständlicherweise - überfordert sind, oder aber, weil die Rahmenbedingungen in der Schule echte Inklusion nicht zulassen.
Der lange Weg zur Diagnose
Eine Mutter aus Buxtehude hat 18 Jahre um Anerkennung für ihre Tochter gekämpft. Das Mädchen sprach wenig, zeigte keinen Schmerz, zog sich zurück. Lehrer nannten sie „schüchtern“, Ärzte rieten zu Geduld. Erst ein Stader Psychologe leitete die richtige Diagnostik ein – das Ergebnis: Autismus. Heute bekommt die junge Frau endlich Therapie – und sagt: „Jetzt weiß ich, was mit mir los ist.“
Kompass in Buxtehude: Unterstützung für Familien
Margarete Will und Stefanie Schweinberger von der Lebenshilfe-Kompetenzstelle „Kompass“ in Buxtehude begleiten betroffene Jugendliche und Eltern. „Viele Familien stoßen an ihre Grenzen. Es würde oft schon helfen, wenn in der Schule Nachteilsausgleiche und Hilfsmittel wie Kopfhörer oder Knetbälle selbstverständlich wären“, sagen die beiden. Doch oft gelten diese als Spielzeug – und werden - zumindest von einigen Lehrkräften, verboten.
Dabei wollen die Kinder lernen. Sie wollen dazugehören. „Wenn sie dann vom Unterricht ausgeschlossen werden, ist das für sie eine Katastrophe“, so Schweinberger. Auch die Eltern litten unter ständiger Unsicherheit, Erschöpfung und Schuldgefühlen.
Recht auf Bildung – auch bei Autismus
Dabei sind die rechtlichen Vorgaben eindeutig: Paragraf 4 des Niedersächsischen Schulgesetzes verpflichtet zur Inklusion. Anwältin Nell Bickel aus Lüneburg stellt klar: „Schulen müssen Lösungen finden – nicht die Eltern. Ein Kind mit Autismus darf nicht wegen seiner Diagnose bestraft werden.“ Sie vertritt Eltern, deren Kinder vom Schulunterricht ausgeschlossen werden sollen, und kennt die Problematik.
Was es braucht
Was es bräuchte? Verständnis, mehr geschultes Personal, flexible Strukturen, den betroffenen Eltern zuzuhören, sie ernstzunehmen sowie den Willen und die Rahmenbedingungen zur echten Inklusion. „Wo Gymnasium draufsteht, muss auch Gymnasium drin sein“, sagte ein Lehrer einer Mutter. Sie konterte: „Wo Inklusion draufsteht, muss auch Inklusion drin sein.“
• Einen Leitfaden für Autismus gibt es auf der Website des Niedersächsischen Kultusministeriums (bei Googel Mobile Dienste Autismus eingeben), Beratungen und Gesprächsrunden bei KOMPASS in Buxtehude, Tel 04161-7430149 und per E-Mail an kompass@lebenshilfe-buxtehude.de.
Weitere Informationen unter
https://www.mk.niedersachsen.de/startseite/schule/inklusive_schule/rahmenkonzept_inklusive_schule/schulentwicklung_und_unterricht/das_konzept_es_zum_umgang_mit_herausfordernden_verhaltensweisen/beratung_und_unterstutzung/beratung-und-unterstutzung-211011.html
https://www.autismus.de/
Redakteur:Nicola Dultz aus Buxtehude |
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