Alkohol im Straßenverkehr: feiern oder fahren
Rauschbrille im Selbsttest
- Führten die Tests durch und beantworten geduldig alle Fragen:
Sachbearbeiter Prävention des Polizeikommissariats Buxtehude Kriminalhauptkommissar Johannes Droßbach (56) und seine Kollegin Sachbearbeiterin im Ermittlungsdienst für Verkehrsdelikte Kriminaloberkommissarin Sabrina Reiß (41) - Foto: Stefanie Schimanski
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"Der Boden unter meinen Füßen schien plötzlich steil abzufallen. Mein Orientierungssinn versagte und ich fühlte mich massiv verunsichert." So beschreibt WOCHENBLATT-Redakteurin Stefanie Schimanski ihre Gefühle im Selbstversuch beim Tragen von sogenannter Rauschbrillen. Unterstützt wurde sie bei dem Test von dem Präventionsbeauftragten der Buxtehuder Polizei, Hauptkommissar Johannes Droßbach, und seiner Kollegin Sabrina Reiß.
Ein Gefühl wie unter Drogen: Rauschbrillen simulieren die Auswirkungen von Alkohol auf Motorik und Wahrnehmung – und das sehr realitätsnah! Brille Nummer eins gaukeln einen Alkoholwert im Bereich einer Ordnungswidrigkeit 0,5 bis 1,09 Promille vor, etwa "Alkopop-Zustand". Rauschbrille Nummer zwei täuscht einen Alkoholwert im Bereich einer Straftat vor: 1,3 bis 1,6 Promille und somit starke Trunkenheit.
Der Parcour, vor dem die Redakteurin stand, schien zunächst einfach zu bewältigen: Slalom-Manövrieren einer Sackkarre, Gehen mit einem Tennisball auf einem Schöpflöffel ähnlich dem Spiel "Eierlaufen", Zielwerfen von drei Bällen in einen Eimer und Fangen eines Tennisballs.
Ohne Brille gelangen alle Aufgaben problemlos. "Mit dem Aufsetzen der Rauschbrillen veränderte sich die Wahrnehmung allerdings radikal", sagt Stefanie Schimanski. "Bereits unter einer Promille veränderte sich die räumliche Wahrnehmung sehr stark." Die Redakteurin stieß beim Slalomlauf jedes Hindernis um, nur zwei von drei Bällen fanden den Weg in den Eimer, einen Ball aufzufangen war nicht möglich. "Das erschreckendste Gefühl war, dass der Boden unter den Füßen steil abzufallen schien, was bei jedem Schritt zu extremer Unsicherheit führte", sagt die Probandin.
Die zweiten Rauschbrille führte dann zu totalem Kontrollverlust: Sich in dem Parcours vorwärtszubewegen, verwandelte sich in einen mühsamen Zeitlupen-Marsch. "Ich sah doppelt, konnte Hindernisse kaum noch identifizieren", so Schimanskis etwas verzweifeltes Resümee. Kein einziger Ball ging ins Ziel, zugeworfene Bälle konnte sie nur abwehren, weil gezieltes Zugreifen war gar nicht möglich war.
Nach dem beeindruckenden Selbsttest bat die Redakteurin die beiden Polizeibeamten zum Gespräch.
WOCHENBLATT: Wo erleben Sie aktuell die meisten Probleme in Bezug auf Alkohol?
Sabrina Reiß: Bei Alkoholfahrten sind die Pkw-Fahrer und -Fahrerinnen Spitzenreiter. Es ist erschreckend, wie viele Leute alkoholisiert fahren. Die Folgen werden gravierend unterschätzt. Alkoholisierte auf E-Scootern habe ich bei Kontrollen noch nicht erlebt, was natürlich nicht heißt, dass es sie nicht gibt. Allerdings haben wir Alkoholfahrten mit dem Fahrrad.
Johannes Droßbach: Was viele nicht wissen: Aus jeder Fahrt kann bereits ab 0,3 Promille eine Straftat werden, wenn sogenannte Ausfallerscheinungen wie das Fahren in Schlangenlinien oder ein Sturz auftreten. Solche Vorfälle werden zwingend gemeldet, was häufig den direkten Entzug des Autoführerscheins zur Folge hat. Die Meldung an die Führerscheinstelle gefährdet übrigens die Fahrerlaubnis für alle Fahrzeugklassen.
WOCHENBLATT: Die Rauschbrille kommt ja u.a. bei Präventionsprojekten an Schulen zum Einsatz. Welche Erfahrungen machen Sie dort?
Sabrina Reiß: Wir müssen immer darauf achten, dass es kein "Spaßevent" wird. Auch wenn das Ausprobieren der Brille für viele Schüler erstmal cool ist, muss in der Nachbereitung klar werden, dass Alkohol und Drogen etwas mit einem machen, was im Straßenverkehr fatale Auswirkungen hat.
Johannes Droßbach: Bei Alkoholfahrten geht es ja nicht nur um die Fahrer selbst, sondern auch um Beifahrer, Zeugen und Ersthelfer. Letztere beispielsweise sehen nicht nur Blechschäden, sondern schwerste Verletzungen oder sogar Tote. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man als Helfer vor Ort zwar erst einmal funktioniert. Im Nachhinein bricht das Erlebte dann aber auf einen ein. Das ist auf lange Sicht sehr belastend bis traumatisch.
WOCHENBLATT: Was unterschätzen Menschen am Alkoholkonsum am häufigsten?
Johannes Droßbach: Die Meisten unterschätzen die stark eingeschränkte Reaktionsfähigkeit, wie anders sie ihre Umgebung wahrnehmen und wie schnell tatsächlich etwas passiert. Selbst ein kleiner Rempler oder ein Auffahrunfall können unter Alkohol eine Straftat sein, weil man es im Rausch eben nicht geschafft hat, rechtzeitig zu bremsen. Die eigene Wahrnehmung und der tatsächliche Promillewert klaffen sehr häufig weit auseinander. Das gilt auch für den Tag danach: Sonntagmorgens gibt es bei Kontrollen extrem viele Treffer bei Menschen, die den Abend zuvor gefeiert haben und den Restalkohol unterschätzen.
WOCHENBLATT: Sind es eher Ersttäter oder Wiederholungstäter?
Sabrina Reiß: Häufig erwischt die Polizei alkoholisierte Fahrer, die genau aus diesem Grund ihren Führerschein bereits verloren haben. Leider hat sich gezeigt: Wer einmal unter Alkoholeinfluss gefahren ist, wiederholt diese Tat – mit oder ohne Führerschein.
WOCHENBLATT: Vielen Dank für das Gespräch.
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |
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