Nach dem Winter ist vor dem Frühling
...und plötzlich wollen alle abnehmen

Viele starten immer wieder „neu“, weil sie keinen stabilen Wochenrhythmus und keine Routinen haben, die auch an stressigen Tagen funktionieren | Foto: karepa/ Adobe Stock
  • Viele starten immer wieder „neu“, weil sie keinen stabilen Wochenrhythmus und keine Routinen haben, die auch an stressigen Tagen funktionieren
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Kaum werden die Tage länger, taucht er wieder auf: der kollektive Wunsch nach einem neuen Körper. Der Winter ist vorbei, der Frühling klopft an — und mit ihm die Panik vor Spiegeln und leichten Stoffen. 
Warum glauben so viele Menschen immer noch, es sei in wenigen Wochen nachzuholen, was über Monate oder Jahre aufgebaut wurde? Wie viel kann man wirklich in kurzer Zeit abnehmen?
Das WOCHENBLATT hat Experten befragt. 

Wie viel Gewichtsverlust ist realistisch?

"Es kommt auf das Ausgangsgewicht an, wer stark übergewichtig ist, verliert erstmal viel Wasser", so Caro Otte Gerätetrainerin und Kurstrainerin von Fitnext in Stade. Die nüchterne Antwort gefällt kaum jemandem: Realistisch sind etwa 0,5 bis ein Kilogramm Gewichtsverlust pro Woche. Alles darüber hinaus ist meist Wasser, Muskelmasse oder kurzfristige Entleerung — aber kein nachhaltiger Fettverlust.

Julian Schwarz, Ernährungsberater und Fitnesscoach von Exclusive, Medizinisches Fitnesstraining in Stade erklärt: "Viele kommen hochmotiviert, aber ohne Vorbereitung. Wer ernsthaft etwas ändern will, sollte zuhause anfangen." Sein Rat ist pragmatisch: "Kühlschrank leer machen, mentale Vorbereitungen treffen, klare Entscheidungen fassen. Vor allem: keine Naschereien griffbereit lagern."

Wer innerhalb von zwei oder drei Wochen mehrere Kilo verliert, erlebt oft nur eine physiologische Täuschung. Der Körper regiert auf extreme Diäten mit Stress, hormonellen Anpassungen und einem Energiesparmodus. Das Ergebnis: Sobald wieder normal gegessen wird, kehrt das Gewicht zurück. "Wenn man anfängt, nur kurzfristig umzustellen, fällt man schnell in alte Muster zurück. Langfristige Ernährungsumstellung ist der Schlüssel", so Caro Otte. Das Problem ist nicht mangelnde Disziplin. Das Problem ist falsche Erwartung. 

Wie wollen die meisten Menschen abnehmen?

Die Mehrheit sucht nicht nach Veränderungen, sondern nach Abkürzungen. Besonders verbreitet sind drei Strategien: 

Radikale Restriktion
Plötzlich wird kaum noch gegessen. Kohlehydrate werden verteufelt, Mahlzeiten ausgelassen, der Hunger ignoriert. Anfangs funktioniert das scheinbar. Doch der Körper interpretiert das als Bedrohung. Heißhunger, Stimmungsschwankungen und Kontrollverlust folgen. Die Einschätzung von Sebastian Park, Gebietsleiter und Gesundheitsbeauftragter, des "Sports Club" in Buchholz lautet: "Diese Methode kann kurzfristig Ergebnisse zeigen, führt aber häufig zu Heißhunger, Stimmungsschwankungen, Leistungsabfall und Rückfällen, besonders wenn Stress und Alltag zunehmen. Leistungsfähig abnehmen statt hungern wäre hier sinnvoller."

Der "Neustart-Montag"
Viele beginnen immer wieder neu. Montag wird alles anders. Dienstag ist noch motiviert. Mittwoch ist schwierig. Freitag kommt die Erschöpfung. Spätestens Samstag folgt der Rückfall. Montag beginnt der Kreislauf von vorne. "Viele starten immer wieder „neu“, weil sie keinen stabilen Wochenrhythmus und keine Routinen haben, die auch an stressigen Tagen funktionieren", erklärt Park.

Die Hoffnung auf das eine Geheimnis
Detox, Saftkuren, Fettblocker, Wundermittel. Die Sehnsucht nach der schnellen Lösung ist größer als die Bereitschaft, Lebensgewohnheiten zu verändern. Dabei gibt es kein Geheimnis. Der menschliche Stoffwechsel folgt einfachen Prinzipien. "Die Sehnsucht nach der schnellen Lösung ist verständlich, aber nachhaltige Veränderung entsteht durch wiederholbare Prinzipien," so Park.

Was wäre stattdessen sinnvoll?

Die unbequeme Wahrheit: Erfolgreiches Abnehmen ist langweilig. Es bedeutet Struktur, Geduld und Wiederholung. Kleine, stabile Veränderungen sind langfristig wirksamer als kurzfristige Extreme. "Der wichtigste Schritt, ist der erste Schritt", so Schwarz. "Entscheidend ist nicht, wie schnell man Gewicht verliert, sondern wie stabil das Verhalten bleibt."

  • regelmäßige Mahlzeiten statt Hungern
  • Bewegung als Routine, nicht als Strafe
  • ausreichend Schlaf
  • Stressmanagement

"Hilfreich sind zertifizierte Präventionsprogramme zu Bewegung, Ernährung und Gewichtsmanagement, die von gesetzlichen Krankenkassen teilweise bis zu 100 Prozent bezuschusst werden," so Schwarz. "Vor allem braucht es einen Perspektivwechsel. Abnehmen ist kein Sprint vor dem Frühling, sondern ein Prozess der Selbstführung. Wer nur kurzfristig handeln will, bleibt langfristig frustriert."

Die Schlussfrage lautet daher: Geht es wirklich um den Körper, oder um die Hoffnung, sich endlich besser zu fühlen? Denn genau hier liegt der eigentliche Frühling: nicht auf der Waage, sondern in der Haltung sich selbst gegenüber.

Redakteur:

Stefanie Schimanski aus Buxtehude

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