Mit 115 statt 70 auf Kehdinger Kreisstraße
Freie Fahrt? Tesla-Fahrer nimmt WOCHENBLATT-Schlagzeile etwas zu wörtlich
- So wie hier auf dem mit KI veränderten Foto könnte der Tesla-Fahrer auf dem sanierten K27-Abschnitt Schwung geholt haben, um anschließend am Blitzer vorbeizurasen
- Foto: LK Stade/KI-generiert
- hochgeladen von Jörg Dammann
Als das WOCHENBLATT im Mai über die frisch sanierte Kreisstraße 27 in Drochtersen berichtete, lautete die Schlagzeile: „Freie Fahrt auf der Kreisstraße.“ Gemeint war: Die monatelange Sperrung ist vorbei, die Straße kann wieder benutzt werden. Nicht gemeint war: Bitte mal ausprobieren, was der Wagen hergibt.
Diese kleine, aber entscheidende Feinheit scheint einem Tesla-Fahrer am Dienstagmorgen (22. September) entgangen zu sein. Mit 115 Stundenkilometern war er auf der K27 in Richtung Drochterser Moor unterwegs. Erlaubt sind dort 70. 45 Sachen zu viel sind kein Kavaliersdelikt und auch keine jener kleinen Unachtsamkeiten, bei denen man sich mit einem verschämten „Ups“ aus der Affäre ziehen kann. Wer 115 statt 70 auf dem Tacho stehen hat, dürfte sich nicht nur ein wenig verschätzt, sondern absichtlich aufs Gaspedal gedrückt haben.
Nach Angaben des Landkreises wurden innerhalb von gut drei Stunden 408 Fahrzeuge gemessen. Elf waren zu schnell, der Tesla lag mit großem Abstand vorn. Dem Raser drohen mindestens rund 320 Euro Bußgeld, Punkte in Flensburg und ein Fahrverbot.
Kehdinger Rarität: glatter Asphalt
Doch die Geschichte hat einen gewissen Kehdinger Charme. Denn auf der K27 lässt sich zumindest auf dem frisch sanierten Abschnitt erahnen, wie sich Autofahren anfühlen könnte, wenn eine Kreisstraße nicht gleichzeitig als Stoßdämpferteststrecke dient. Die Fahrbahn wurde erneuert, der Gehweg umgebaut, der Radweg neu hergestellt. Ende Mai wurde die Strecke offiziell freigegeben. Und nun gibt es dort etwas, was man sonst kaum auf einer Kehdinger Kreisstraße findet: glatter Asphalt. Keine Schlagloch-Slalomstrecke. Kein spontanes Ausweichmanöver wegen einer Bodenwelle. Kein Geräusch aus dem Fahrwerk, bei dem man anschließend im Kopf schon einmal den Preis einer neuen Spurstange überschlägt.
Vielleicht liegt aber genau da das Problem: Denn wer aus den Tiefen Kehdingens kommt, kann beim Anblick einer solch ebenen und makellosen Fahrbahn schon einmal übermütig werden. Wo sonst der Straßenbelag ganz ohne Verkehrszeichen zuverlässig daran erinnert, dass 70 km/h bereits eine ambitionierte Reisegeschwindigkeit sein kann, rollt es auf der K27 plötzlich verdächtig komfortabel. Und wahrscheinlich war der Tasla-Fahrer vom Komfort dieser Strecke so beschwingt, dass er ein paar Hundert Meter weiter mit überhöhtem Tempo in die Blitzer-Falle getappt ist.
Denn normalerweise regelt die berühmt-berüchtigte Moorstrecke das Tempo ganz von allein. Spätestens in Aschhorn, wo der Blitzer stand, kehren wieder vertraute Kehdinger Verhältnisse ein. Wer deutlich zu schnell fährt, erhält eine unmittelbare Rückmeldung vom Fahrgestell seines Autos. Erst meldet sich die Vorderachse, dann eventuell die Spurstange und irgendwann womöglich die Werkstatt des Vertrauens.
Warum überhaupt sanieren? Lassen, wie es ist
Vielleicht sollte sich der Landkreis mit weiteren Straßensanierungen in Kehdingen einfach zurückhalten. Natürlich wäre es aus Sicht der Autofahrer, Radfahrer und Anwohner grundsätzlich erfreulich, wenn auch andere Kreisstraßen irgendwann einen Zustand erreichen, bei dem einen nicht jede Unebenheit persönlich begrüßt. Doch die neugewählten Kreistagsabgeordneten sollten mal über den folgenden Vorschlag nachdenken: Anstatt Millionen in neue Fahrbahndecken und anschließend weiteres Geld in Blitzer zu investieren, könnte man doch einfach alles lassen, wie es ist. Schlaglöcher als natürliche Verkehrsberuhigung, ausgefranste Seitenränder als psychologische Geschwindigkeitsbremse und tiefe Bodenwellen als kostenlose Erinnerung daran, dass Stoßdämpfer Verschleißteile sind.
Das klingt natürlich nicht ganz so modern wie „Verkehrssicherheitskonzept“. Aber es ist womöglich ähnlich gut oder sogar noch besser wirksam.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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