Angler sind entsetzt über Öko-Desaster
Klärwerks-Defekt bei Ahlerstedt löst dramatisches Fischsterben aus
- Aus der Aue wurden unzählige tote Fische geholt - wie hier die Stichlinge
- Foto: Angelverein Horneburg
- hochgeladen von Jörg Dammann
Dramatisches Fischsterben in der Aue zwischen Ahlerstedt und Ohrensen. Dort sind in den vergangenen Tagen unzählige Fische verendet. Ausgelöst wurde das ökologische Desaster offenbar durch eine Störung in der biologischen Reinigungsstufe der kommunalen Kläranlage in Ahlerstedt-Bockholt. Aus der Anlage, die regulär in die Aue entwässert, gelangte Ammonium in den kleinen Fluss. Während die Ehrenamtlichen der drei örtlichen Angelvereine an der Aue sich sofort darum kümmerten, die toten Fische aus der Aue einzusammeln, gibt es von der Samtgemeinde bisher keinerlei öffentliche Informationen – obwohl die Faktenlage längst bekannt ist. Die Samtgemeinde ist Betreiberin des kleinen Klärwerks, das 1993 als mechanisch-biologische Kläranlage errichtet und 2006 erweitert wurde.
Erste Hinweise bereits am Sonntagabend
Die Probleme in der Kläranlage sollen laut Landkreis-Sprecher Daniel Beneke bereits am Sonntagabend bemerkt worden sein. Gegenüber der zuständigen Fachbehörde beim Landkreis Stade, dem Amt für Wasserwirtschaft und Küstenschutz, wurde seitens der Samtgemeinde berichtet, dass in der Kläranlage ein "unüblicher Geruch" wahrgenommen worden sei. Dieser Geruch "erinnere an Dixi-Klos". Bis zum Dienstagabend war dann klar: Die Aue ist durch die Einleitung von Ammonium massiv geschädigt worden. In Reaktion darauf wurde der Abfluss aus der Kläranlage reduziert und schließlich vollständig gestoppt. Das belastete Wasser wird seither in einem Zwischenspeicher aufgefangen, während Techniker versuchen, die biologische Reinigungsstufe durch Zugabe von Mikroorganismen zu stabilisieren.
Flussabschnitt wie ausgestorben
Parallel zur Ursachenklärung zeigten Mitglieder der Angelvereine Horneburg, Harsefeld und Bliedersdorf vollen Einsatz. Sie suchten am Mittwochabend und Donnerstag den am stärksten betroffenen Abschnitt im Oberlauf der Aue zwischen Klärwerk und Ohrensen systematisch ab. Auslöser war die Beobachtung zweier junger Angler, die am Dienstagnachmittag eine große Anzahl toter Fische zwischen Kakerbeck und Oersdorf entdeckt hatten. Der Vorsitzende des Angelvereins Horneburg,Timo Buning, mobilisierte spontan rund 20 Angler, die sich extra einen Tag Urlaub nahmen, um die toten Fische aus der Aue zu holen und das Ausmaß der Schäden zu dokumentieren.
„Es ist erschreckend, was hier passiert ist“, so Buning. „Es gibt so gut wie kein Leben mehr in dem Abschnitt, wo es sonst nur so wimmelt.“ Besonders bitter sei, dass keinerlei Informationen seitens der Samtgemeinde an den Verein als Hauptpächter des Gewässers weitergegeben worden seien. „Der Informationsfluss war gleich null“, kritisiert der Vereinschef. Er ärgert sich über solch ein Verhalten, zumal alle drei Angelvereine sich stark für den Artenschutz in der Aue engagieren.
- Einer der Angler holt die toten Fische aus dem Wasser
- Foto: Angelverein Horneburg
- hochgeladen von Jörg Dammann
Umweltbeauftragter ist entsetzt
Auch Jörk Philippsen, Umweltbeauftragter des Anglerverbands Niedersachsen (AVN) für die Region, äußert sich entsetzt: „Die Aue ist unterhalb des Klärwerks praktisch tot.“ Die Funde beschränkten sich nicht nur auf tote Fische – auch Kleinstlebewesen wie Floh- oder Köcherfliegenlarven sind verendet. Erst ab Ohrensen gebe es wieder Leben in der Aue. Philippsen geht davon aus, dass sich das giftige Ammoniak im Wasser langsam abbaut, doch eine vollständige Regeneration wird sich wohl einige Zeit hinziehen.
378 tote Fische auf 30 Metern
Experte Ralf Gerken, der beim AVN die Angelvereine in Naturschutzfragen berät, bewertet die Lage zurückhaltender. Zwar sei das Fischsterben eindeutig belegt, doch das genaue Ausmaß lasse sich derzeit noch nicht abschätzen. Allerdings sind die Zahlen, die er gegenüber dem WOCHENBLATT nennt, erschreckend: Bei der Begehung wurden allein auf 30 Metern Flussstrecke in Ahlerstedt 378 tote Fische gezählt – darunter vor allem Stichlinge, deren zähe Haut eine schnellere Verwesung verhindert. Bei anderen Fischarten wie beispielsweise Forellen sei die Zersetzung so weit fortgeschritten gewesen, dass nur ein schleimiger Rest übrigblieb.
Gerken betont: „Die Zerfallsstadien der Fische deuten darauf hin, dass die Schadstoffbelastung bereits seit Tagen bestanden haben muss.“ In den kommenden Tagen soll das sogenannte Elektrofischen Aufschluss darüber geben, ob es noch überlebende Bestände gibt. Frühere Daten aus ähnlichen Untersuchungen sollen als Vergleich dienen.
Zögerliche Kommunikation sorgt für Unverständnis
Für Unverständnis sorgt insbesondere die Haltung der Samtgemeinde Harsefeld als Betreiberin der betroffenen Kläranlage. Samtgemeinde-Bürgermeisterin Ute Kück erklärte am Donnerstag gegenüber dem WOCHENBLATT, sie habe „davon gehört“, müsse sich aber „zunächst informieren“. Später teilte sie mit, dass ihr das Ausmaß dieser Gewässerverunreinigung bis dato nicht bekannt gewesen sei. Diese Aussage erstaunt – denn aus Sicht von Landkreis und Anglern liegen die Fakten seit Tagen auf dem Tisch. Dass ausgerechnet die Gemeinde als verantwortlicher Betreiber der Anlage keine transparente Kommunikation mit den betroffenen Vereinen oder der Öffentlichkeit pflegte, wirft ein schlechtes Licht auf das Krisenmanagement.
Wasserproben wurden entnommen
Der Landkreis hat inzwischen Wasserproben entnommen, deren Auswertung noch aussteht. Parallel laufen Gespräche mit dem NLWKN und dem Anglerverband. Der Angelverein „Petri Heil“ hat vorsorglich ein Angelverbot für die betroffenen Aue-Abschnitte ausgesprochen. Wie lange dieses bestehen bleibt, hängt auch von den laufenden Gewässeranalysen ab. "Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch zu früh, um die langfristigen Folgen für die Gewässerqualität zu beurteilen", so Beneke.
Hintergrund: Ammonium in Gewässern
Ammonium entsteht hauptsächlich durch den Abbau von Proteinen und organischen Substanzen. Unter aeroben Bedingungen wird Ammonium von Bakterien zu Nitrit und dann zu Nitrat oxidiert. Dieser Prozess verbraucht Sauerstoff, was in Gewässern zu einer erheblichen Verringerung des Sauerstoffgehalts führen kann. Abhängig vom pH-Wert tritt ein Teil des Ammoniums auch in Form des für Fische giftigen Ammoniaks auf, insbesondere im basischen Bereich. Sowohl Ammonium als auch Ammoniak können somit zu einem Fischsterben führen
KOMMENTAR: Verantwortung sieht anders aus
Das Fischsterben in der Aue zwischen Ahlerstedt und Ohrensen ist nicht nur ein ökologisches Desaster, sondern auch ein kommunalpolitisches Versagen. Dass durch eine technische Störung in einer Kläranlage einmal etwas schiefläuft, kann passieren – entscheidend ist jedoch, wie man damit umgeht. Und hier zeigt die Samtgemeinde Harsefeld kein gutes Bild. Während ehrenamtliche Angler tagelang tote Fische aus dem Wasser bergen, erklärt die Samtgemeinde-Bürgermeisterin gegenüber der Presse, sie müsse sich erst einmal informieren. Wer die Anlage betreibt, trägt auch die Verantwortung – für die Umwelt und für die Kommunikation. Hier verwies die Rathauschefin einfach auf den Landkreis.
Der Angelverein, der mit dem Gewässer eng verbunden ist, wurde nicht informiert. Stattdessen mussten zwei junge Vereinsmitglieder zufällig auf die leblosen Tiere stoßen, bevor überhaupt etwas in Gang kam. Das ist beschämend für die Verantwortlichen im Harsefelder Rathaus. Der Landkreis Stade hat schnell reagiert, ebenso der Anglerverband Niedersachsen. Die Zusammenarbeit funktionierte – nur die Samtgemeinde ließ Kommunikationsbereitschaft und Transparenz vermissen. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Verantwortung. Eine transparente, ehrliche und rechtzeitige Kommunikation wäre das Mindeste gewesen.
Nachtrag:
Ein Tag nach dem Erscheinen dieses Artikels im WOCHENBLATT hat die Samtgemeinde Harsefeld nun doch eine Information für die Öffentlichkeit auf der Homepage und in den sozialen Medien gepostet - mit Fakten, die der Samtgemeinde-Bürgermeisterin bereits bekannt waren, diese aber nicht gegenüber dem WOCHENBLATT kommuniziert hat. Offenbar ist man nach Kommunikations-Desaster jetzt um Schadensbegrenzung bemüht.
Der folgende Post findet sich auf der Harsefelder Internetseite:
- hochgeladen von Jörg Dammann
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Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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