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Interessen selbst vertreten: In Harsefeld wird über Gründung eines Flüchtlingsrates nachgedacht

Else Zager (vorne, li.) und Christa Westhoff vom Harsefelder Arbeitskreis Asyl mit ihren Gästen aus Südniedersachsen Foto: Elma Dammann
jd. Harsefeld. Als vor fast drei Jahren die Flüchtlingswelle nach Deutschland schwappte, standen die Kommunen vor einer gewaltigen Aufgabe, die ohne ehrenamtliche Helfer nicht zu stemmen gewesen wäre. Die Betreuung der zahlreichen Neuankömmlinge übernahmen meist Freiwillige, die sich in Asyl-Arbeitskreisen oder Flüchtlings-Initiativen organisierten. Mittlerweile haben sich die Vorzeichen gewandelt: Statt Rundum-Betreuung ist jetzt Integration gefragt. Es geht künftig darum, Flüchtlinge nur noch punktuell zu unterstützen, wie etwa beim Erlernen der deutschen Sprache. In Harsefeld findet derzeit gerade eine intensive Diskussion darüber statt, wie Flüchtlingsarbeit künftig organisiert wird. Dort könnte sich demnächst der erste Flüchtlingsrat im Landkreis Stade bilden.

Sie engagieren sich seit Jahren für Flüchtlinge: Ehrenamtliche, die sich um alles kümmern. Sie gehen mit den von ihnen betreuten Personen zum Arzt, erledigen Behördengänge und regeln auch sonst so ziemlich alles, was im Alltag anfällt. Und sie wissen natürlich, was für "ihre" Flüchtlinge am besten ist. Der Ausdruck "Helikopter-Helfer" wäre durchaus passend - analog zu den Eltern, die ihren wohlbehüteten Nachwuchs gerade zu exzessiv umsorgen.

Wie ausgeprägt dieses "Glucken-Verhalten" bei manchem Flüchtlingshelfer in Harsefeld ist, sei dahingestellt. Dass aber die dortigen ehrenamtlichen Helfer ihre Rolle neu definieren müssen, wenn Flüchtlinge künftig selber für ihre Belange eintreten, machte eine Veranstaltung des örtlichen Arbeitskreises Asyl deutlich.

Der Arbeitskreis hatte zu einem Vortrag des Sozialarbeiters Florian Cacalowski geladen, der in der Samtgemeinde Elm-Asse in Südniedersachsen als Integrationsbeauftragter tätig ist. Dort wurde 2017 ein fünfköpfiger Flüchtlingsrat gebildet, dessen Vorsitzender unmittelbarer Ansprechpartner für die Verwaltung ist. Das fünfköpfige, aus Menschen unterschiedlicher Nationen bestehende Gremium kümmert sich um alle Themen, die für Flüchtlinge von Bedeutung sind, und ist so etwas wie eine eigenständige Interessenvertretung aller Personen in der Gemeinde, die einen Fluchthintergrund haben.

Dieses Modell, bei dem die Zuständigkeiten der einzelnen Akteure genau festgelegt sind, funktioniert laut Cacalowski hervorragend. Die Kommune wurde dafür in diesem Jahr sogar mit dem Deutschen Integrationspreis ausgezeichnet. In diesem Konzept ist auch ein Runder Tisch vorgesehen. Dort hat dann ein Vertreter der Ehrenamtlichen seinen Platz - als einer von vielen Beteiligten.

"Sollte das Modell auch in Harsefeld umgesetzt werden, wäre ein grundsätzliches Umdenken bei den Flüchtlingshelfern erforderlich", meint Rathauschef Rainer Schlichtmann: "Viele haben die Flüchtlinge bisher bei allen Dingen an die Hand genommen. Das wird künftig nicht mehr so funktionieren." Bisher seien die Ehrenamtlichen zudem gegenüber der Harsefelder Verwaltung als Sprachrohr der Flüchtlinge aufgetreten. Diese Aufgabe käme dann aber ausschließlich dem Flüchtlingsrat zu.

"Die ehrenamtlichen Helfer sollten zunächst einmal in sich gehen und darüber nachdenken, ob sie wirklich bereit sind, ins zweite Glied zurückzutreten", sagt der Bürgermeister. Die Gemeinde stehe einem Selbstverwaltungs-Gremium der Flüchtlinge positiv gegenüber. Bislang sei nur mit dem Arbeitskreis Asyl über Flüchtlingsthemen gesprochen worden. Die Betroffenen selbst seien nie dabei gewesen. Künftig wäre dann der Arbeitskreis außen vor.

Schlichtmann stellt zudem klar: "Die Bildung eines solchen Rates muss aus dem Kreis der Flüchtlinge selbst kommen. Verwaltung und Politik werden so etwas nicht von oben überstülpen. Auch das Wie sei noch völlig offen: "Denkbar wäre ja auch, einen Integrationsrat zu bilden", so Schlichtmann: "Dann würde man nicht nur die Flüchtlinge im engeren Sinne, sondern alle Menschen im Ort mit Migrationshintergrund erreichen."