Mit dem Siegerlächeln gegen die Angst
Den Alltag wie einen Freund wertschätzen
- Rudolf Schultz (30) mit seinen Großeltern Marie-Luise Ursula Schultz (74) und Helmuth Rudolf Karl Schultz (75)
- Foto: sts
- hochgeladen von Stefanie Schimanski
Optimismus ist für Rudolf Schultz keine Floskel, sondern eine bewusste Entscheidung. Das WOCHENBLATT begleitet den heute 30-Jährigen aus Gründendeich seit Beginn seiner Krebserkrankung. Schon früh musste er schwere Schicksalsschläge verkraften. Zunächst die Diagnose Krebs, ein Tumor im Kopf. Es folgte der Tod beider Eltern. Schließlich übernahm er Verantwortung für seinen jüngeren Bruder und adoptierte ihn.
Lange Zeit sah es so aus, als hätte er den Kampf gegen den Krebs gewonnen. Doch nun ist der Tumor, ein Astrozytom, zurück. Nur wenige Tage nach einer Operation sitzt Rudolf Schultz zu Hause und sammelt Kräfte. Aufgeben ist für ihn keine Option. Eindrücke aus seinem Leben zeigt er auf instagram unter @rudofbalboa
Das WOCHENBLATT hat mit ihm gesprochen.
WOCHENBLATT: Wie fühlen Sie sich aktuell?
Rudolf Schultz: „Ich muss mich noch ein bisschen erholen, die Energie ist noch nicht ganz so da. Aber es wird Stück für Stück besser. Ich bin dreißig Jahre alt. Ich hoffe, da kommen noch ein paar Jahre dazu. Es schien alles gerade wieder leichter geworden zu sein. Sieben Jahre nach meiner ersten Operation und Behandlung hatte ich erst kürzlich sechs Jahre Krebsfreiheit gefeiert. Doch dann kam das nächste Kontroll- MRT, das leider nicht so gut gelaufen ist. Nun beginnt erneut eine intensive Therapie: Ich befinde mich auf einem Kriegsfeld, das ich kenne. Ich werde nochmal richtig Gas geben.“
WOCHENBLATT: Wie gehen Sie mit der Situation um und was gibt Ihnen Kraft?
Rudolf Schultz: „Kraft ziehe ich vor allem aus meiner Familie und meinen Freunden, aber auch aus meinen Interessen. Ich schreibe schon lange Filmkritiken und beschäftige mich intensiv mit Geschichten und Charakteren. Besonders bewundere ich die Schauspielerin Sandra Hüller. Und auch jetzt halte ich weiter an meinen Träumen fest – einer davon ist eine Reise nach Florenz.
Ich versuche, mit Energie an die Situation heranzugehen – mit einem Siegerlächeln. Dieses Siegerlächeln ist für mich mehr als nur ein Ausdruck, es ist ein innerer Widerstand gegen die Angst. Manchmal geht es einfach darum, Dinge auszuhalten. Ich habe ja keine Wahl. Natürlich ist es nicht schön, mit 30 in die zweite Runde zu gehen – aber soll ich jetzt die ganze Zeit daran denken, dass es ein drittes Mal passiert? Andere denken ja auch nicht beim Autofahren, dass sie gleich sterben.“
WOCHENBLATT: Hat sich Ihr Blickwinkel verändert?
Rudolf Schultz: „Ich wünsche mir für die Zukunft, ein bisschen mehr diese Scheißegal-Einstellung zu entwickeln. Ich bin jemand, der ständig versucht, alles zu perfektionieren. Davon möchte ich wegkommen. Ich würde meine Lebenszeit gern bewusster nutzen, mir mehr gönnen. Dann mache ich eben die Reise, die ich schon lange machen will, oder ziehe ein Studium durch, wenn es mir wichtig ist.“
WOCHENBLATT: Was ist für Sie die größte Herausforderung?
Rudolf Schultz: „Damals hatte ich Glück und habe Bestrahlung und Chemotherapie gut überstanden. Ich hoffe, es läuft dieses Mal genauso. Die größte Herausforderung ist für mich, den Kopf oben zu behalten – nicht zu tief in den Abgrund zu schauen oder sogar hineinzufallen. Auch gut gemeinte Worte können schwer sein. Manchmal höre ich: ‚Wenn das einer schafft, dann du.‘ Aber ich möchte selbst entscheiden, ob ich es schaffe. Es gibt auch Momente, in denen ich den Kopf hängen lassen und sagen möchte: Ich schaffe es nicht.
Gleichzeitig möchte ich ein Vorbild sein, besonders für meinen Bruder. Und ich mache mir bewusst, dass es anderen noch schlechter geht. Ich habe Unterstützung, Freunde, Familie, ein Dach über dem Kopf. Sich hinzusetzen und nur zu jammern, bringt mich nicht weiter.“
WOCHENBLATT: Was würden Sie Menschen raten, die nicht wissen, wie sie mit einem schwer erkrankten Menschen umgehen sollen?
Rudolf Schultz: „Ich würde raten: So normal wie möglich, bitte. Ich möchte einfach als normaler Mensch wahrgenommen werden. Das Schwerste an der Krankheit ist für mich der Verlust von Normalität. Ich liebe meinen Alltag. Deshalb würde ich jedem empfehlen, sein Leben so zu gestalten, dass er seinen Alltag wie einen guten Freund schätzen lernt.“
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.