Mehrere Ursachen kommen zusammen
Schwimmtrainerinnen reden Klartext: Darum bleiben Kinder Nichtschwimmer

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os/ts. Hittfeld. Eine Generation Nichtschwimmer droht heranzuwachsen. Wegen der Lockdowns in den vergangenen 15 Monaten konnten zehntausende Kinder in Deutschland nicht schwimmen lernen. Viele andere schafften es nicht, Anfängerschwimmkurse zu Ende zu belegen. Bereits vor der Corona-Pandemie waren zu viele Kinder Nichtschwimmer. Medienberichte aus ganz Deutschland machen das deutlich.

Das Land Niedersachsen geht dennoch davon aus, dass Kinder zum Schwimmunterricht an den Schulen bereits ein Schwimmabzeichen, also den Nachweis über Grundkenntnisse, erworben haben. Der Lehrplan setze zwar kein Schwimmabzeichen zur Teilnahme am schulischen Schwimmunterricht voraus. Aber: "Es wird auch davon ausgegangen, dass dieser Kompetenzerwerb von den Schülerinnen und Schülern mit hoher Wahrscheinlichkeit erreicht wird", antwortete das Niedersächsische Kultusministerium dem WOCHENBLATT.

350 Kinder auf der Warteliste

Ist die Erwartungshaltung realistisch? Schwimmtrainerinnen aus der Region haben Zweifel und fordern zusätzliche Anstrengungen, den Stau bei Anfängerkursen abzubauen. Beim TSV Eintracht Hittfeld zum Beispiel warten 350 Jungen und Mädchen auf einen Platz in einem Kursus zum Erwerb des Seepferdchen-Abzeichens (25 Meter in Grobform schwimmen). Die voraussichtliche Wartezeit: drei bis vier Jahre.
"Wir brauchen mehr Wasserzeiten, zusätzliche Schwimmtrainer, Kooperationen mit Kitas und Schulen und Eltern, die ihre Kinder zu mehr Selbstständigkeit erziehen. Ein ganzes Maßnahmenbündel", sagt TSV-Schwimmabteilungsleiterin Jutta Fröhlich.

Immer mehr Kinder haben in den vergangenen Monaten und Jahren kaum noch oder gar nicht schwimmen gelernt. Dass das Problem oft nur auf fehlende Wasserzeiten in Hallenbädern reduziert wird, ärgert Jutta Fröhlich, Vorstandsmitglied, Schwimmabteilungsleiterin und Trainerin im TSV Eintracht Hittfeld. Tatsächlich seien mehrere Ursachen dafür verantwortlich, dass eine Generation Nichtschwimmer droht, sagt sie im Gespräch mit dem WOCHENBLATT. Die Niedersächsische Landesregierung, ausgebildete Schwimmlehrer und Eltern könnten mehr tun, appelliert der Vorstand des TSV Eintracht Hittfeld.

In acht Kursen bringen zurzeit Trainer und Trainerinnen des TSV Eintracht Hittfeld unter den gelockerten Corona-Regeln jeweils zwölf bis 14 Kindern die Grundlagen des Schwimmens bei. Bis zu 90 Kindern im Jahr verhilft der Sportverein zu dem Seepferdchen-Abzeichen. Der Rückstau bei den Anfängerkursen ist groß: 350 Kinder stehen auf der Warteliste.

Wasserzeiten habe der Verein im Moment ausreichend, sagt Jutta Fröhlich. Die Seevetaler Gemeindeverwaltung unterstützte den Verein super - aber: "Uns fehlen Schwimmtrainer und Schwimmtrainerinnen." Deshalb appelliert die Schwimmabteilungsleiterin an ausgebildete Schwimmlehrer, sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich in Sportvereinen zu engagieren.

Mir dem Ende der Freibadsaison allerdings, wenn die breite Bevölkerung wieder in die Hallenbäder drängt, drohen dem TSV zu knappe Wasserzeiten. Ab dem 11. September rechnet der TSV mit um bis zu 75 Prozent gekürzten Trainingszeiten in den Seevetaler Hallenbädern. So lässt sich der Rückstau bei den Anfängerkursen nicht abbauen. Und ohne die fundierte Ausbildung in den Sportvereinen gehe es nicht. Die Schnellschwimmkurse im Urlaub im Rahmen der Animation in Hoteldestinationen am Mittelmeer jedenfalls zeigten laut Jutta Fröhlich keine Erfolge. "Kinder, die daran teilgenommen haben, schaffen die 25 Meter bei uns im Schwimmbecken nicht", so ihre Erfahrung.

Um die Schwimmmisere im Land zu lindern, schlägt der TSV Eintracht Hittfeld Grundschulen und Kindertagesstätten die Zusammenarbeit vor. "Eine Kita könnte eine Hallenzeit am Vormittag buchen und unsere Schwimmtrainer und Schwimmtrainerinnen übernehmen die Ausbildung. Dann drängten die jüngsten Kinder nicht mehr in unsere Kurse am Nachmittag", sagt Jutta Fröhlich.

Was die Schwimmausbildung erschwert: Manche studierte Schwimmlehrer an Schulen würden den ehrenamtlichen Trainern und Trainerinnen aus den Sportvereinen zu wenig zutrauen. "Das Kultusministerium müsste den Schulen mitteilen, dass sie Sportvereine auf Augenhöhe in den Schwimmunterricht einbeziehen", schlägt die TSV-Vorsitzende Barbara Buhrmann vor. Kindern lasse sich das Schwimmen nicht vom Beckenrand beibringen, sagt Jutta Fröhlich. Trainer und Trainerinnen müssten vielmehr an der Körperhaltung im Wasser arbeiten.

Zusätzlich trügen auch Eltern zu der Generation Nichtschwimmer bei. In den Seepferdchen-Kursen erlebt Jutta Fröhlich immer wieder Kinder, die sich nicht selbstständig umziehen können oder Scheu vor Wasser im Gesicht haben. "Eltern müssen ihre Kinder zu mehr Selbstständigkeit erziehen", appelliert die Schwimmtrainerin.

Der Deutsche Schwimmverband kämpft gegen die Misere in der Schwimmausbildung an und fördert Seepferdchen-Kurse in Sportvereinen mit 400 Euro pro Kursus. Kostendeckend sei das nicht. Die Aufwandsentschädigungen für Trainer und Trainerinnen und Helfer und Helferinnen in Wasser sowie die Gebühren zur Hallenbadnutzung zusammengerechnet, koste so ein Kursus den TSV 570 Euro, rechnet Jutta Fröhlich vor. Sie ist auch Finanzvorstand des Sportvereins. Die Hürden sind hoch bei der Aufholjagd aus der Schwimmmisere.

Ein Fünftel der Grundschüler hat noch nie ein Schwimmbad von innen gesehen

Auch die ehemalige Leistungsschwimmerin Wiebke Rampmeier, 2. Vorsitzende des TSV Buchholz 08 und engagierte Trainerin, sieht vor allem die Eltern in der Pflicht. "Vielen ist gar nicht bewusst, wie wichtig das Schwimmen für ihre Kinder ist", sagt Rampmeier. Das zeige sich daran, dass die meisten Eltern den aktuellen Leistungsstand des Nachwuchses im Wasser nicht kennen. Folge: "Ich hole immer wieder Kinder aus dem Becken, weil ihre Eltern vorausschwimmen und gar nicht merken, dass ihre Kinder nicht mehr können und unterzugehen drohen", berichtet Rampmeier.

Sie begleitet auch den Schwimmunterricht an der Grundschule Sprötze-Trelde. Was sie erschreckt: Von den jeweils rund 50 Zweit- und Drittklässlern hat ein knappes Fünftel noch nie ein Schwimmbad von innen gesehen. "Das lässt einen schlucken." Ihre Forderung: Sowohl das Schwimmen in der Freizeit als auch der Schwimmunterricht in der Schule sollten deutlich intensiviert werden.

Der TSV Buchholz 08 hat sich übrigens entschieden, keine Wartelisten mehr zu führen. "Das ergibt keinen Sinn mehr", sagt Rampmeier. Schon vor der Corona-Pandemie habe die Wartezeit bis zu drei Jahre betragen, "und die Kinder sind ja nicht weniger geworden".

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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