Ärzte führen lange Wartelisten
Grippe-Impfstoff in den Landkreisen Stade und Harburg kaum noch zu bekommen

In diesem Jahr lassen sich besonders viele Menschen gegen Grippe impfen
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jd. Stade. Die Corona-Zahlen steigen und die Grippezeit naht. Beides zusammen könnte sich zu einer unheilvollen Kombination entwickeln. In den Krankenhäusern werden Woche für Woche wieder mehr COVID-19-Patienten behandelt. Kämen in den kommenden Monaten zahlreihe Influenza-Fälle hinzu, wäre das Gesundheitssystem auf eine harte Probe gestellt. Aus diesem Grund hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) die Bevölkerung dazu aufgerufen, sich gegen Grippe impfen zu lassen. Viele wollten Spahns Aufruf folgen - doch es gibt offenbar nicht genügend Impfstoff. Die Ärzte in der Region haben massive Probleme, Nachschub zu bekommen.

"Bei den meisten Arztpraxen sind die Impfstoff-Vorräte längst zur Neige gegangen", berichtet Dr. Jörn Jepsen, Bezirkssprecher des Kassenärztlichen Vereinigung (KV) im Landkreis Harburg. Er hatte für seine Praxis 500 Influenza-Impfdosen bestellt, die anders als in den Vorjahren innerhalb kürzester Zeit aufgebraucht waren. Weitere 100 sind ihm für die kommenden Wochen in Aussicht gestellt worden. "Ich habe aber 300 Patienten auf meiner Warteliste." Bei den meisten Kollegen sei die Situation ähnlich. "Die Lage ist wirklich dramatisch."
Jepsen ärgert sich über Spahns Aufruf, alle sollten sich gegen Grippe impfen lassen. "Wenn jemand so etwas verkündet, muss er auch dafür Sorge tragen, dass ausreichend Impfstoff vorhanden ist." Das werfe ein schlechtes Bild auf das Risikomanagement der Regierung: "Wenn es jetzt schon bei der Influenza-Impfung Engpässe gibt, wie soll das dann später bei den Corona-Impfungen werden?"

Egal, wo man in den Landkreisen Harburg und Stade nachfragt: Arztpraxen und Apotheken warten händeringend auf Nachschub bei dem begehrten Impfstoff. Die regulären Lieferungen, die in anderen Jahren locker ausgereicht hätten, sind bereits "verimpft".

"Selbst Impfmuffel lassen sich impfen"

Tatsächlich ist bei den Grippe-Impfungen eine Art "Klopapier-Effekt" eingetreten: Bloß schnell zum Arzt und sich impfen lassen, bevor nichts mehr da ist. "Selbst eingefleischte Impfmuffel sind jetzt um die Ecke gekommen", sagt Dr. Stephan Brune. Der Kardiologe aus Stade hatte für seine Patienten eine nach seiner Einschätzung ausreichende Menge Impfdosen geordert.

"Bei den Bestellungen orientieren wir uns an den Erfahrungswerten der vorherigen Jahre", erläutert der Facharzt (siehe unten). Das sei auch bei seinen Kollegen so üblich, denn eine Reserve auf Vorrat anzulegen, sei aus Kostengründen nicht möglich, so Brune, der seine Kritik an dieser Stelle auch in seiner Position als Stader Bezirkssprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) vorbringt: "Es ist leider so, dass wir Ärzte in Regress genommen werden, wenn von uns zu viel Impfstoff bestellt wurde, und wir auf dem finanziellen Schaden sitzen bleiben." Hier müsse etwas am System geändert werden.

Nun sind die Apotheker gefordert, bei ihren Lieferanten noch die eine oder andere Restmenge aufzuspüren. Doch es ist kaum etwas zu bekommen. Von massiven Problemen, überhaupt noch ein wenig Nachschub zu erhalten, berichtet Apotheker Dr. Matthias Grau. Der Inhaber der Horneburger Ratsapotheke hat die von den Arztpraxen im Frühjahr georderte Ware bereits zu 95 Prozent ausgeliefert. Dass die bestellten Impfdosen schon so früh verbraucht seien, habe er in den vergangenen 20 Jahren nicht erlebt.

"Wir sind jetzt noch im Oktober. Sonst sind die Leute überhaupt erst ab November zum Impfen gegangen." Ein Phänomen, das auch sein Kollege Jürgen Fischer, Inhaber einer Apotheke in Riensförde, bestätigen kann: "Ende September waren die bestellten Mengen, die sonst für mehr als zwei Monate reichen, innerhalb von zehn Tagen weg." Grau und Fischer hoffen weiter, zeitnah zusätzliche Lieferungen zu erhalten. Auffällig sei die hohe Zahl an Patienten, die mit einem Privatrezept kämen, so Fischer. Das sind Personen, die nicht zu dem Kreis derjenigen zählen, denen die Ständige Impfkommission eine Grippeimpfung dringend empfiehlt.

"Jeder Grippegeimpfte entlastet die Arztpraxen"
Allerdings übernehmen mittlerweile viele Krankenkassen die Impfkosten für sämtliche Versicherte. Dass sich auch Jüngere impfen lassen, hält Dr. Brune durchaus für sinnvoll: "Jeder Grippegeimpfte entlastet in Corona-Zeiten die Arztpraxen und bei ernsteren Fällen auch die Krankenhäuser." Werde viel geimpft, dann gebe es auch nur wenige ernsthaft an Grippe Erkrankte.

Wer sich bis jetzt noch nicht gegen Grippe impfen ließ und womöglich sogar zu den Risikopatienten zählt, darf aber noch ein wenig hoffen: Zwischen Mitte und Ende November soll noch die sogenannte "Spahn'sche Reserve" geliefert werden. Das sind bundesweit rund sechs Millionen Impfdosen, die aus dem Ausland, vor allem aus Frankreich, beschafft werden. "Danach ist der Ofen aus", meint Dr. Grau. "Ich kann nur jedem raten: Wer diese Grippesaison noch geimpft werden will, muss sich im November darum kümmern."

Impfstoff kann nicht einfach nachproduziert werden

Warum wird bei Herstellern nicht einfach nachbestellt, wenn jetzt die Nachfrage bei den Grippeschutzimpfungen so hoch ist? Das fragen sich bestimmt viele. Doch so einfach ist das nicht.

Die Ärzte müssen bereits im Frühjahr ihren Bedarf für die kommende Grippesaison anmelden. "Die Ärzte müssen deshalb so frühzeitig bestellen, weil sich die Produktion des Impfstoffs, die bis auf wenige Ausnahmen in Hühnereiern erfolgt, über Monate hinzieht", erläutert der Apotheker Dr. Matthias Grau. Wenn jetzt festgestellt wird, dass die Nachfrage deutlich höher als das Angebot ausfällt, ist es dafür zu spät, entsprechend nachzuproduzieren.

Grau kritisiert in diesem Zusammenhang Gesundheitsminister Jens Spahn: "Als im März und April deutlich wurde, welche Ausmaße die Corona-Pandemie annehmen wird, hätte sein Ministerium noch aktiv werden und zusätzliche Mengen an Influenza-Impfstoff bestellen müssen." Zu diesem Zeitpunkt hätten die Hersteller noch rechtzeitig ihre Produktion entsprechend steigern können. Jetzt sei es zu spät.

Frust bei denPatienten

Dass nicht ausreichend Impfdosen für die Grippeschutzimpfung vorhanden sind, ruft auch bei Patienten Verwunderung hervor. So hat sich jetzt Arno Reglitzky, Vorsitzender von Blau-Weiß Buchholz, mit einem ironischen Hinweis zum fehlenden Grippeimpfstoff an das WOCHENBLATT gewandet.

Der 84-jährige (!) Vereinschef wollte sich wie die zehn Jahre zuvor gegen Grippe impfen lassen. Doch vergeblich. Reglitzky klapperte etliche Apotheken ab, aber nirgendwo war Impfstoff erhältlich. Nichts zu machen, so Reglitzkys Fazit, das er mit einem augenzwinkernden Kommentar versieht: "Aber vielleicht liegt es auch daran, dass wir nicht zur Risiko-Gruppe gehören. Denn die soll ja angeblich bevorzugt geimpft werden."

Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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