Raus damit oder behalten?
Leserinnen und Leser über die umstrittene Handpuppe
Wie ist mit einer alten Handpuppe umzugehen, die übertriebene physiognomische Merkmale aufweist, welche heute als rassistisch gedeutet werden? Sollte die Puppe weggeworfen werden, statt mit ihr weiter Kasperletheater zu spielen? Um diese Frage ging es vor einer Woche in einem WOCHENBLATT-Artikel. Die betreffende Figur stammt aus den 1960er Jahren und zeigt eine schwarze Frau mit übergroßen roten Lippen, weißen Kulleraugen und goldenen Ohrringen. Das Thema hat zahlreiche Leserinnen und Leser bewegt - oder zumindest geärgert. Sie folgten dem Aufruf der Reaktion, ihre Meinung kundzutun. Das WOCHENBLATT präsentiert an dieser Stelle eine Auswahl der eingegangenen Zuschriften.
Was auffiel: Die Meinungen gingen ausschließlich in eine Richtung: Sämtliche Leseräußerungen, die uns erreicht haben, üben Kritik an der heutigen Empörungskultur, weisen den Rassismus-Vorwurf zurück oder sehen zumindest keinen Handlungsbedarf. So ist für Iris Heinrich die Sache klar: „Ich bin entsetzt über so einen Schwachsinn.“ Diese Handpuppe gehöre nun einmal zu einem Kasperletheater, sei ein Stück Geschichte und niemand solle einem vorschreiben, die Puppe zu entsorgen.
Auch Bernd Leber, der mit seiner Familie zehn Jahre in Afrika gelebt hat, sieht in der Figur keinen Grund zur Aufregung: „Alle Kasperlepuppen sind Stereotypen – vom Kaspar selbst über den Polizisten und die Hexe bis zum Afrikaner“, argumentiert er. Karikatur lebe von Überzeichnung, und das sei auch in anderen Kulturen selbstverständlich. Der gesellschaftliche Diskurs über Rassismus werde hierzulande übertrieben und polarisierend geführt und sei durch "gut meinende Kreise" ideologisch geprägt. Ein Beispiel liefert er gleich mit: Im Kiekeberg-Museum werde eine "Afro-Kinderpuppe" hinter einem Sichtschutz mit schriftlicher Trigger-Warnung gezeigt – für ihn „völlig absurd“. Leber fordert Gelassenheit und verweist auf seine Erfahrungen aus zehn Jahren Afrika zum Thema Rassismus: "Derlei Gedöns wird dort nicht gemacht."
Manfred Westphal geht noch weiter: Er ist der Ansicht, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland eingeschränkt sei. Westphal zieht Parallelen zu George Orwells 1984, spricht von „Neusprech“ und kritisiert, dass Worte verboten und Bücher umgeschrieben werden. Bald gebe es Meldestellen für Fehlverhalten, die Gesellschaft werde zunehmend autoritärer. Die Diskussion um politisch korrekte Ausdrücke sei nur ein Symptom für eine Entwicklung in Richtung Überwachungsstaat, in dem Sprache und Denken kontrolliert würden – und sich Familien wie im geschilderten Fall zerstreiten.
Recht emotional fällt die Zuschrift von Elke Küchenmeister aus. Sie beschreibt ihre Kindheit als multikulturell geprägt – eine Zeit, in der es normal war, dass auch eine schwarze Puppe im Kinderzimmer lag. „Wir wussten nichts von Rassismus“, schreibt sie. Begriffe wie „N...kuss“ oder „M...kopf“ seien einfach Worte gewesen, mit denen man „etwas Besonderes und Leckeres“ verbunden habe – kein Anlass für Schuldgefühle für Menschen wie sie aus der Babyboomer-Generation. Sie ärgert sich darüber, dass heute selbst Kinderspiele moralisch bewertet würden: "Nehmt den Kindern nicht allen Spaß."
„Ich hab sooo einen Hals“, schreibt I. Hoffmann – und macht deutlich, was sie von der aktuellen Sprachkritik hält. Sie stellt sich die Frage: "Wer hat eigentlich damit angefangen, uns Wörter zu verbieten, weil sie rassistisch seien?" Sie sei mit Wörtern wie "Indianer" und "Cowboy" und "Neger" aufgewachsen, so Hoffmann. "Es hat sich nie rassistisch angefühlt. Es war einfach der normale Sprachgebrauch." Erst durch Verbote und Kritik seien diese Wörter zu „rassistischen“ Begriffen gemacht worden. Zudem sei die Darstellung der Großmutter ihrer Meinung nach auch nicht in Ordnung. "Keine Oma sieht heute so aus, wie sie oft im Märchen oder als Handpuppe dargestellt wird."
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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