Radschnellweg in die Elbmetropole
Auf dem Rad-Highway bis nach Hamburg

Die Karte zeigt die geplante Veloroute nach Hamburg. Die grüne Linie stellt die Vorzugstrasse dar   GrafiK: orange edge/jd
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(jd). Wie weit sind die Pläne für einen Radschnellweg von Stade nach Hamburg gediehen? Über den Stand der Dinge ließ sich jetzt der Kreistags-Ausschuss für Regionalplanung und Umweltfragen informieren. Planerin Julia Weniger vom Hamburger Fachbüro "orange edge" stellte die Zwischenergebnisse der Machbarkeitsstudie vor. Es wurde bereits eine "Vorzugstrasse" erarbeitet. Wegen eines kleinen Teilstücks dieser Strecke entbrannte im Ausschuss eine lebhafte Diskussion.

Als Beitrag zum Klimaschutz hat sich der Landkreis Stade die Förderung des Radverkehrs auf seine Fahnen geschrieben. Vor allem den zahlreichen Berufspendlern nach Hamburg soll mit einer gut ausgebauten "Fahrrad-Autobahn" der Umstieg von vier auf zwei Räder versüßt werden. Der Landkreis beteiligt sich daher an dem kreis- und länderübergreifenden Radschnellwege-Projekt für die Hamburger Metropolregion, das neun Routen umfasst.

Im Zuge der Machbarkeitsstudie, die Ende 2020 abgeschlossen sein soll, wurde von den Planern das Radwegenetz im Landkreis unter die Lupe genommen - unter dem Aspekt, welche Strecken am ehesten den Kriterien für einen Radschnellweg entsprechen. Zu diesen Kriterien zählt u.a. das Erfordernis, den Radweg auf eine Mindestbreite von vier Metern auszubauen. Außerdem soll es möglichst wenige Kreuzungspunkte geben, damit die Radler, die ja im Berufsverkehr unterwegs sind, zügig vorankommen. Innerörtlich soll die Wartezeit an einer Kreuzung 30 Sekunden nicht überschreiten, außerhalb von Ortschaften soll sie sogar unter 15 Sekunden liegen.

Laut Planerin Weniger haben sich vier Korridore herauskristallisiert: eine Strecke entlang der Elbe, eine zweite neben der Autobahn und eine weitere Route neben der B73. Die vierte Option, die parallel zur Bahnstrecke führt, befindet sich nun in der engeren Auswahl. Nur diese Strecke verknüpfe ideal die Aspekte Wohnen, Arbeiten und ÖPNV, erläutert Weniger. Daher gehe sie jetzt als sogenannte Vorzugstrasse in das weitere Verfahren - mit zwei Abzweigungen nach Finkenwerder zu Airbus und zum Fähranleger.

Wachtelkönig und Co. werden zum Problem
Dabei gibt es allerdings einen Wermutstropfen: Zwischen Buxtehude und Neu Wulmstorf müsste der Radschnellweg sozusagen von der "Ideallinie" abweichen. Die Streckenführung neben den Bahngleisen als kürzeste Verbindung zwischen beiden Orten ist derzeit aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht möglich. Dort befindet sich ein Vogelschutzgebiet mit Natura-2000-Status, das Wachtelkönig und Co. schützen soll. Das EU-Recht setzt hier äußerst strenge Maßstäbe an. Ausnahmen wie bei einem "normalen" Naturschutzgebiet seien kaum möglich, erläuterte Dr. Uwe Andreas, Leiter der Kreis-Naturschutzbehörde.

Aus diesem Grund scheiterten bislang auch Bemühungen der Stadt Buxtehude, an dieser Stelle einen durchgehenden Radweg bis Neu Wulmstorf zu schaffen (das WOCHENBLATT berichtete mehrfach). Um diese Pläne nicht zu torpedieren, sollte genau dieser Trassenverlauf eben nicht für den Radschnellweg ausgewählt werden, so Simon Grotthoff vom Planungsamt des Landkreises. "Ein überregionaler Radschnellweg stellt einen viel stärkeren Eingriff in das Vogelschutzgebiet dar als ein kommunaler Radweg", erklärte Grotthoff. Käme man jetzt mit der "ganz großen Nummer", wäre womöglich überhaupt die Chance auf einen Radweg verbaut.

Diese Auskunft rief heftigen Unmut bei den Politikern hervor, die verständlicherweise die schnurgerade Trassenführung entlang der Bahn und damit quer durch die Schutzzone am sinnvollsten finden. Aussagen von Ausschussmitgliedern, die die EU-Bestimmungen anzweifelten, konterte Uwe Andreas mit Verweis auf die einschlägige Gesetzgebung. Daran müsse sich die Verwaltung halten. "Es amüsiert mich schon, dass hier politische Forderungen gestellt werden, die sich gegen die geltende Gesetzeslage richten", so der oberste Naturschützer des Landkreises.

Für einen Radschnellweg entlang der Bahn müsste eine Verträglichkeitsprüfung vorgenommen werden, so Andreas. Dabei sei zu berücksichtigen, dass das Gebiet schon jetzt durch die Bahnstrecke und die künftige Autobahn stark belastet sei. Da es Alternativen für die Radlertrasse gebe, stünden die Chancen für eine Streckenführung an der Bahn äußerst schlecht - zumal sich auch der Landkreis Harburg gegen diese Trasse ausgesprochen habe.

Dennoch hat der Ausschuss beschlossen, die Verwaltung mit einer solchen Prüfung zu beauftragen. Kai Seefried, Generalsekretär der Landes-CDU und ebenfalls Ausschussmitglied, versprach, mit Hilfe seiner Kontakte in Hannover zu einer Lösung beizutragen.

Einige kritische Anmerkungen zum Thema:
Naturschutz blockiert Umweltschutz: So lautet kurz und bündig das Problem, vor dem die Planer beim vorgesehenen Radschnellweg von Stade nach Hamburg stehen. Gerade aus ökologischer Sicht sind solche Radler-Highways eine tolle Sache. Radeln reduziert den CO₂-Ausstoß und schont damit die Umwelt. Doch zwischen Buxtehude und Neu Wulmstorf stellt sich dem umweltfreundlichen Projekt der Artenschutz in den Weg. Die direkte Trassenführung entlang der Bahnlinie und damit der kürzeste Weg scheint aus naturschutzrechtlichen Gründen nicht machbar. Von dort grüßt ein alter Bekannter, der eigentlich der große Unbekannte ist, weil ihn bisher noch niemand zu Gesicht bekommen hat: der Wachtelkönig.

Für die Stader Kreispolitiker, denen jetzt die vorläufigen Planungen für die flinke Radlerroute vorgestellt wurden, ist es jedenfalls unbegreiflich, dass Radfahrer angeblich das Naturschutzgebiet östlich von Buxtehude beeinträchtigen und den scheuen Wachtelkönig vergrämen sollen. "Lächerlich, davon solch einen Popanz zu machen", wettert der FWG-Politiker Gerd Lefers. Nicht nur für ihn ist es völlig unverständlich, inwieweit ein Radweg unmittelbar neben einer Bahnstrecke mit dem Naturschutz kollidieren soll.

Stein des Anstoßes sind Überlegungen, den geplanten Radschnellweg entlang des künftigen Autobahnzubringers Rübker Straße oder über einen 1,3 Kilometer langen Umweg mitten durch ein Gewerbegebiet und dann auf einer kurvigen Trasse südlich am Naturschutzgebiet vorbei zu führen, statt die kürzeste, schnurgerade Verbindung parallel zur Bahn zu wählen. "Sehenden Auges diesen Umweg zu planen, ist höchst problematisch", befand Kersten Schröder-Doms von der SPD. Das widerspreche der Intention eines Radschnellweges. Und Kai Seefried (CDU) befürchtet, mit solch einer merkwürdigen Umfahrung in einer Satiresendung beim Fernsehen zu landen.

Die Karte zeigt die geplante Veloroute nach Hamburg. Die grüne Linie stellt die Vorzugstrasse dar   GrafiK: orange edge/jd
Der Wachtelkönig kann für die Radweg-Pläne zum Problem werden  Foto: Archiv/Martin Schulz

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