Zweiter Prozesstag vor dem Lüneburger Landgericht im Fall des Frauenmordes von Winsen

thl. Lüneburg. "Wir telefonierten. Plötzlich fragte Doreen: Volker? Dann hörte ich nur noch Schreie. Ich wusste sofort, da ist etwas Schreckliches passiert." So schilderte ein 41-jähriger Zeuge vor dem Lüneburger Landgericht den Tathergang bei dem Mord an Doreen K. (40) aus Winsen.
Wie das WOCHENBLATT berichtete, muss sich der von ihr getrennt lebende Ehemann Volker K. (47) wegen Mordes aus Heimtücke vor dem Schwurgericht verantworten.
Am zweiten Prozesstag sagte jetzt der erste Zeuge aus. Der Software-Entwickler war zunächst nur Arbeitskollege des Opfers, kurz vor der Tat sei man sich aber auch näher gekommen, man war aber kein Paar, gab er zu Protokoll.

Die Vernehmung des Zeugen begann skurril. Erst kam er zu spät, dann ging er direkt zum Angeklagten und legte ihm einen Zettel auf den Tisch. Da dies verboten ist, herrschte kurz Aufruhr im Gerichtssaal, bis die Justizbeamten den Zettel sichergestellt hatten. Doch auch danach war keine Ruhe. Der Zeuge breitete zahlreiche Bücher, Blöcke und Karteikarten vor sich auf dem Tisch aus. Begründung: Er habe seine Aussage bei der Polizei nicht noch einmal einsehen dürfen, von daher habe er sich so vorbereitet. Nach deutlichen Worten des Richters machte der Zeuge den Tisch schließlich wieder frei. Anschließend begann eine mehr als einstündige Befragung.
Auf dem Zettel standen übrigens ein paar Zeilen, die die Getötete einst ihrem Mann geschrieben hatte. Tenor: Er müsse keine Befürchtungen haben, dass ein anderer Mann ihm die Kinder wegnehmen würde.
Anfang 2017 sei ihm aufgefallen, dass Doreen K. ein Verhaltensmuster entwickelte wie Menschen, die als Kind Opfer sexueller Gewalt waren, so der Zeuge. Da eine Ex-Freundin von ihm das ebenfalls erlebt hatte, habe er sich mit der Materie beschäftigt und habe seiner Arbeitskollegin Doreen helfen wollen. So entwickelte sich schließlich eine Freundschaft zwischen den beiden.
Irgendwann seien auch die Eheprobleme von Doreen und Volker K. thematisiert worden. "Doreen hatte das Gefühl, ihr Mann würde nichts zu ihrer Heilung beitragen", so der Zeuge. Sie habe eine Beziehungspause gewollt, doch Volker K. habe auf einer Trennung bestanden. Nachdem Volker K. ausgezogen war, sei er immer wieder im Haus seiner Frau aufgetaucht. Die Streitereien seien auch an den Kindern nicht spurlos vorbeigegangen. Vor allem, weil Volker K. oftmals alkoholisiert und aggressiv gewesen sei. Einmal habe er auch im Haus randaliert und seiner Frau den Kontakt zum Zeugen verboten. "Er hatte Angst, dass ich ihm die Kinder wegnehmen würde", so der 41-Jährige.

Am Tattag, dem 27. Mai dieses Jahres, habe er von Doreen K. eine Nachricht bekommen, dass ihr Mann über ihre Beziehung Bescheid wisse. Wenige Minuten später habe man telefoniert. Bei diesem Gespräch erschien plötzlich der Angeklagte und habe auf seine Frau eingestochen.
Sofort habe er sich von Hamburg aus auf den Weg gemacht und von unterwegs den Bruder von Doreen angerufen. "Als ich in Winsen ankam, war bereits alles abgesperrt", erinnert er sich. Er sei dann mit dem Bruder des Opfers nach Hamburg ins Krankenhaus gefahren, wo man die schwerverletzte Frau hingebracht hatte. Dort habe man dann die Todesnachricht erhalten. Bei der Erzählung können weder der Zeuge noch der Bruder des Opfers, der als Nebenkläger auftritt, ihre Tränen zurückhalten. Und auch der Angeklagte wischt sich verstohlen die Tränen weg.
Der Anwalt des Nebenklägers hat einen Adhäsionsantrag eingereicht. Danach soll das Gericht den Angeklagten zusätzlich zu einer Schmerzensgeldzahlung in Höhe von 25.000 Euro an den Bruder des Opfers verurteilen, da das Leben des Nebenklägers durch die Tat "aus den Fugen geraten" sei.
• Der Prozess geht am Mittwoch, 5. Dezember, weiter. Dann soll der 41-Jährige weiter befragt werden. Zudem sollen weitere Zeugen vernommen werden.

Autor:

Thomas Lipinski aus Winsen

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