Kritik an Politik im Landkreis Harburg
Pflegepersonen schlagen Alarm – Betreuung im Landkreis steht auf der Kippe
- Kindertagespflegepersonen im Landkreis fühlen sich ungerecht behandelt und stellen Forderungen
- Foto: Carole LR auf Pixabay
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Kindertagespflegepersonen im Landkreis Harburg warnen vor einem drohenden Einbruch bei der Kinderbetreuung. In einem offenen Schreiben an die Kreistagsabgeordneten und einer begleitenden Petition fordern sie spürbare Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen.
Im Fokus stehen drei Punkte: mehr bezahlte Krankheitstage, Ausgleich für Fortbildungen und eine faire Beteiligung an Mietkosten. Kindertagespflegepersonen, auch "Tagesmütter" genannt, betreuen Kinder in einem familiären Rahmen. Anders als Erzieher in Kitas sind sie selbstständig und arbeiten in den eigenen Wohnräumen. Dabei richten sie meist ein Zimmer dauerhaft für die Betreuung ein, das im Alltag nicht privat genutzt werden kann. Dennoch erhalten sie dafür keine Unterstützung durch den Landkreis. Eine Ungleichbehandlung, wie sie betonen, denn Großtagespflegestellen werden finanziell gefördert, wenn sie externe Räume anmieten.
„Wir stellen einen Teil unserer Wohnung dauerhaft für die Betreuung zur Verfügung. Dafür gibt es keinerlei Zuschuss. Dabei fallen dafür Strom, Heizung, Reinigung und Ausstattung an. Das ist auf Dauer nicht tragbar“, sagt Janine Herzberger, Kindertagespflegeperson im Landkreis Harburg. Die Pflegepersonen fordern eine anteilige Mietbeteiligung, die sich an den Regelungen für Großtagespflegestellen orientiert.
Auch bei Krankheit zeigt sich eine Schieflage. Wer als Kindertagespflegeperson krank wird, erhält vom Landkreis maximal zehn Tage eine Förderung. Danach gibt es keine Absicherung. Weil Kindertagespflegepersonen selbstständig sind, greift die gesetzliche Lohnfortzahlung nicht. Das führe dazu, dass viele trotz Krankheit weiterarbeiten. Die Pflegepersonen fordern deshalb 20 bezahlte Krankentage pro Jahr. In anderen Landkreisen wird das bereits geprüft oder umgesetzt.
Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Fortbildungspflicht. Seit August 2021 müssen Kindertagespflegepersonen pro Kita-Jahr 24 Unterrichtseinheiten absolvieren. Ein Kita-Jahr beginnt am 1. August und endet am 31. Juli des Folgejahres. Die Fortbildungen finden meist abends oder an Wochenenden statt, also außerhalb der regulären Betreuungszeiten. Bislang gab es dafür eine Bonuszahlung von 120 Euro, die auch in ihre Altersvorsorge einfloss. Dieser Zuschlag entfällt seit dem Jahr 2026 vollständig.
Gleichzeitig plant der Landkreis, ab 2027 zwei zusätzliche Bildungstage einzuführen. Das bedeutet: Pflegepersonen, die im Kita-Jahr 2025/26 ihre 24 Einheiten absolvieren, erhalten keinen Ausgleich dafür. Erst ab dem darauffolgenden Jahr wäre eine Anerkennung vorgesehen. Diese Lücke sorgt für Unmut.
„Wir leisten die Fortbildungen bis spätestens Juli 2026, aber bekommen dafür keinen Ausgleich. Das passt weder fachlich noch sachlich zusammen“, sagt Janine Herzberger. Die Pflegepersonen fordern deshalb drei bezahlte Bildungstage – rückwirkend für jede nachgewiesene Fortbildung im Kita-Jahr, sofort beginnend. In den Landkreisen Lüneburg und Celle gilt diese Regelung bereits. Dort werden drei Ausgleichstage gewährt, sobald die Fortbildungen nachgewiesen sind.
Die Pflegepersonen sehen sich im Landkreis Harburg strukturell benachteiligt. Sie übernehmen die Betreuung von mehr als 600 Kindern, leisten pädagogische Arbeit, übernehmen Verantwortung und schaffen Verlässlichkeit. Trotzdem fühlen sie sich politisch nicht gehört. In der öffentlichen Wahrnehmung spiele die Kindertagespflege kaum eine Rolle. Dabei sei sie für viele Familien eine wichtige Alternative zur Kita.
„Viele von uns stehen mit dem Rücken zur Wand. Wenn sich nichts ändert, hören erfahrene Pflegepersonen auf. Dann verlieren wir wertvolle Betreuungsplätze“, warnt Janine Herzberger. Die Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen fordert daher, dass der Jugendhilfeausschuss die Vorschläge der Verwaltung überarbeitet mit Blick auf Praxistauglichkeit und Vergleichbarkeit mit anderen Landkreisen.
Die Petition zur Unterstützung der Pflegepersonen ist öffentlich einsehbar. Für Fragen, Gespräche oder Einblicke in den Betreuungsalltag stehen die Unterzeichner zur Verfügung. Sie fordern konkrete politische Entscheidungen. Denn aus ihrer Sicht steht viel auf dem Spiel – für die Pflegepersonen, für die Familien und für die Kinder.
Ursprünglich sollte der Kreistag Anfang Oktober über eine neue Förderrichtlinie entscheiden. Nach aktuellen Informationen wurde das Thema jedoch zurück in den Jugendhilfeausschuss gegeben. Das verschafft den Betroffenen Zeit für weitere Gespräche.
Redakteur:Anika Werner aus Winsen |
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