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Das Sterben der "Haus-Dinosaurier"

Verbesserungsvorschlag von Arno Kochmann: geordnete norddeutsche Klinkerfassade mit einem Fachwerk-Erker aus altem Holz und kleinen Sprossenfenstern. Das Dach ragt über die Mauer hinaus (Foto: Zeichnung: Arno Kochmann / Bearbeitung: MSR)
 
Verfechter des Fachwerk-Fassdsadenstils: Diplom-Bauingenieur Arno Kochmann

Historische Bausubstanz verschwindet für immer / Neubau nach Abriss: Gemütliches Fachwerk oder moderner Schick?

tp. Stade. Aus Historisch wird Modern - am Beispiel der aktuellen Bauaktivitäten an der Hökerstraße 38 und 40 in der Stader Altstadt wird deutlich: Zunehmend verschwindet traditionelle Gebäudesubstanz für immer aus dem Stadtbild. Mit dem Abriss der ortstypischen Altbauten, von denen das linke bis kurz vor dem Rückbau unter Denkmalschutz stand und dafür von der Politik zunächst von diesem Status entbunden werden musste, haben die Stadtväter erneut zwei Dinosaurier norddeutscher Baukunst zu Grabe getragen. Doch muss ein Neugeborenes in der innerstädtischen Häuserfamilie gleich immer sachlich-trockne Züge tragen?

"Wir leben im 21. Jahrhundert", sagt der Stader Architekt Assmus Buttge, der im Auftrag des Eigentümers Ergün Yildiz ("Burger King") den Neubau plant. Hinter einer einer Doppel-Fassade, die - in Anlehnung an die Vorgängerbauten - zwei Giebel besitzt, befindet sich jedoch nur ein Gebäude. Das Haus, dessen Rohbau in rund neun Wochen fertig sein soll, hat eine großzügig Fensterfront mit Schaufenstern. In der oberen Etagen Ragen zwei der Bürofenster kastenförmig aus der ansonsten flachen und wenig verzierten Häuserfront hervor, die sich mit ihren vielen kleinen Fensterparzellen an den alten hanseatischen Baustil anlehnt. Assmus Buttge steht zu der eher sachlich-nüchternen Entwürfen, die den Zweck des Neubaus als Wohn- und Geschäftshaus betonen und zugleich den Wünschen des Bauherren und Geldgebers Rechnung tragen.

Doch auch Buttge bedauert den Abriss der "schönen, alten klassizistischen Fassade", die nachträglich vor das aus dem Mittelalter stammende Haus gesetzt wurde, daher aber streng genommen "nicht original" war. Zudem passte die Lage alten Fensteröffnungen nicht zur Etagenhöhe des Neubaus - damit war die schmucke alte Hausfront endgültig Geschichte.

Ein Kritiker des sich ausbreitenden modernen Baustils in Altstädten ist der studierte Diplom-Hochbauingenieur und heutige Organist Arno Kochmann (63) aus Stade. Er tritt für einen historisierenden Baustil "innerhalb der Stadtmauern" ein. Kochmann ist vom hohen Wohlfühlfaktor gemütlichen Fachwerks überzeugt und liefert dem WOCHENBLATT exklusiv einen von Hand gezeichneten Entwurf mit Verbesserungsvorschlägen für den Neubau an der Hökerstraße: Die Dächer ragen über die Backsteinfassade und bieten einen besseren Wetterschutz für das Mauerwerk. Kochmann hat mittig einen rund 40 Zentimeter vorspringenden Fachwerk-Erker mit niedlichen Sprossenfenstern hinzugefügt. Als Holzbauteile dienen einige aus dem Abriss gerettete, dunkelbraun bemalte Eichenbalken. Der Giebel rechts fällt durch dezente Mauervorsprünge ins Auge, die laut Kochmann "eine angenehme Vertikalgliederung erzeugen". Für den Anschluss der schmückenden Ziegel-Fassade an den zweckmäßigen Beton-Hinterbau gebe es technische Lösungen. Alle seine Ideen seien "ohne nennenswerte Mehrkosten" zu realisieren. Um trotzdem Geld zu sparen, schlägt Kochmann den Einsatz Freiwilliger der "Jugendbauhütte" vor.

• Wohliges Fachwerk-Ambiente oder doch lieber ein Bekenntnis zur geradlinigen Architektur des 21. Jahrhunderts in Altstädten? Liebe Leser, wie denken Sie? Schicken Sie uns Ihre Meinung in einem Leserbrief an E-Mail red-bux@kreiszeitung.net.

Kommentar: Kein Leben und Arbeiten im Museum

Altstadt der Zukunft - wohin geht die Reise in Stade? Ich bin Gegen Denkmalschutz um jeden Preis, denn dann drohen Leerstände, weil sich kaum ein Investor an eine Sanierung wagt. Und dauerhaftes Wohnen und Arbeiten in einem "Architektur-Museum" ist eher etwas für Liebhaber. Arno Kochmann liefert interessante Anregungen, um Altes und Neues zu vereinbaren. Clever finde ich die öffentliche Inszenierung einzelner Original-Bauteile - dies reicht manchmal als Anmutung früherer Baukunst.
Thorsten Penz