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Schiffs-Notfall in Stade-Abbenfleth! "Das war schon hochexplosiv"

Warme Wolldecken für Ida und Heinz K. im Feuerwehrdomizil in Bützfleth (Foto: Peter Schneidereit)
 
Bewohner aus dem Umfeld der Gefahrenstelle fanden Unterschlupf im Feuerwehrhaus (Foto: Sönke Hartlef)

Gasaustritt auf der Elbe / Älteste Leidtragende sind 94 Jahre alt


tp. Stade. Diesmal war es richtig ernst: In der Nacht auf vergangenen Freitag gegen 22 Uhr herrschte große Gefahr, als aus dem 120 Meter langen Gas-Tanker "Bow Guardian" auf der Elbe bei Stade-Bützfleth das giftige und leicht entzündliche Propylen entwich (das WOCHENBLATT berichtete): "Es war hochexplosiv!", sagt Ortsbürgermeister Sönke Hartlef nach einer nervenaufreibenden Nacht, in der 150 Anwohner aus dem Ortsteil Abbenfleth, wo die "Bow Guardian" mit einem Pumpen-Defekt am Hafen lag, ihre vorübergehend ihre Häuser verlassen mussten.

Nach der spektakulären Groß-Evakuierung, die es laut Hartlef bislang in der Dorfgeschichte so noch nicht gab und eine Hundertschaft an Helfern auf den Plan rief, verbrachten viele Bürger "vom Kleinkind bis zum hochbetagten Senior" einige Stunden im Feuerwehrgerätehaus. Die ältesten unter ihnen: Ida und Heinz K.* (beide 94), Schwiegereltern des Elbdeich-Anwohners Peter Schneidereit (71).

Die gehbehinderte alte Dame und der altersbedingt geistig eingeschränkte alte Herr schliefen tief und fest im Schlafzimmer im Obergeschoss des gemeinsamen Hauses an der Elbstraße, als Peter Schneidereit sie - alarmiert von Polizei und Feuerwehr - gegen Mitternacht weckte. Die beiden pflegebedürftigen Eheleute seien "verschreckt und völlig durcheinander gewesen", so Schneidereit. Gestützt von Rettern gingen Ida und Heinz K. zu dem vor dem Haus wartenden Feuerwehrbus, der sie ins Bützflether Gerätehaus brachte.

In dem Feuerwehrdomizil kümmerten sich Ehrenamtliche um die Anwohner, die sich nach Peter Schneidereits Beobachtung in der Ausnahme-Situation in großer Menschenansammlung größtenteils ruhig und gefasst verhielten. Johanniter versorgten die Anwohner mit Wurst und heißen Getränken.

Das Ehepaar K. ertrug die Notlage stumm und tapfer. Aus Rücksicht auf ihren geschwächten Gesundheitszustand stellte die Feuerwehr den alten Leuten einen eigenen Raum zur Verfügung. Im ruhigen und für sie geheizten Büro des Ortsbrandmeisters legten sich Ida und Heinz K. auf Feldbetten schlafen, bis die Feuerwehr gegen 2.30 Uhr endlich Entwarnung gab. Bei Schadstoffmessungen wurde kein Gas in der Umgebungsluft mehr festgestellt.

Ehrenamtliche der Johanniter brachte die pflegebedürftigen Eheleute K. nach Hause, wo sie in der Frühe völlig erschöpft in den Schlaf fielen.

Kritiker sehen die Verantwortlichkeit bei dem Chemiewerk Dow am Industriestandort in Stade-Bützfleth, wo das Schiff am Nachmittag einen Teil seiner Ladung - tiefgekühltes Flüssiggas - entlud. Das farblose Propylen ist einer der wichtigsten Grundstoffe der chemischen Industrie. Es dient unter anderem der Herstellung von Kunststoffen und chemischen Zwischenprodukten wie Propylenoxid, aus dem Matratzen, Isoliermaterial oder Turnschuhsolen hergestellt werden können.

Anwohner der Dow müssen seit Jahren Chemikalien-Austritte ertragen: Wie berichtet, waberte vor rund fünf Jahren eine nach Plastik stinkende Wolke über das Wohngebiet, im Mai 2016 roch es nach einem Gasaustritt bei Dow im Dorf nach Aas und erst vor einigen Wochen schlugen auf dem Industriegleis gleich zwei Mal Chemiewaggons Leck.

„Wir bedauern die Unannehmlichkeiten, die unseren Nachbarn in Abbenfleth durch den Gasaustritt auf dem Tankschiff bereitet wurden. Wir werden uns dazu in den nächsten Wochen auch direkt an die Betroffenen wenden“, sagte Dieter Schnepel, Leiter des Dow-Werks Stade. Aktuell untersuchen Behörden und externe Sachverständige die genauen Ursachen des Gasaustritts. Dow nehme die Zwischenfälle beim Transport von Chemikalien zum Anlass, diese Sicherheitsmaßnahmen grundlegend zu überprüfen und gegebenenfalls zu verschärfen und werde auch in diesem Fall entsprechend vorgehen, so Schnepel.

*Namen von der Redaktion gekürzt