Wege aus der Krise
Einsamkeit Goodbye – Im Schützenverein kennt jeder deinen Namen!
- „Viele Generationen spielen gemeinsam – hier gehört einfach jeder zusammen!", Linus Dreyer (Mitte) ist begeistert von der Gemeinschaft. Genauso wie Marietta Stöver und Phillipp Schönemann
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Sonntagnachmittag auf dem Schützenfest in Heidenau. Laute Musik ertönt aus dem Festzelt, es duftet nach Zuckerwatte und mischt sich mit Stimmengewirr und Lachen. Mittendrin: Nevio Martens, Jungschütze, Schulter an Schulter mit seinem Freund Kevin Kuske, der in der Heidenauer Landjugend aktiv ist. Zwei Welten, die hier ganz selbstverständlich zusammenfinden.
Auf die Frage des WOCHENBLATTs, was besonders gut ist am Schützenverein: „Gute Stimmung, gute Leute – und nein, es geht nicht nur ums Trinken", sagt Nevio Martens grinsend. Was ihm wichtig sei, fragen wir. Er überlegt kurz. „Gemeinschaft. Tradition. Und wenn wir schießen, dann zählen Erfolge." Auch Emma Nabe, 13 Jahre, schwärmt: „Hier lachen alle zusammen, egal ob 13 oder 50 – das ist einfach cool – immer irgendwas los."
Fabian Henke schätzt die Tradition: „Schon mein Uropa, Opa und mein Vater waren alle im Verein" – für ihn ist der Verein eine wunderbare Selbstverständlichkeit, eine Kontinuität in seinem noch jungen Leben. Lotta Wichers antwortet lachend auf die Frage, was ihr besonders gefällt: „Es ist einfach immer lustig mit den Leuten hier."
Was diese Jugendlichen beschreiben, klingt simpel – ist es aber nicht. Denn echte Gemeinschaft – die, bei der man sich kennt, gegenseitig hilft, füreinander einsteht – ist rar geworden. Der Schützenverein, lange belächelt als verstaubt und altmodisch, liefert einfach genau das. Antje Stöver, deren Tochter Marietta im Spielmannszug aktiv ist, bringt es auf den Punkt: „Die Mischung aus Alt und Jung macht es. Die Älteren machen auch mal eine Ansage – und das akzeptieren die Jugendlichen. Weil es eben nicht Mama und Papa sind. Verantwortung wird übertragen. Neuankömmlinge werden von den Jugendlichen selbst eingeführt. Man wächst hinein – und wächst dabei.“ Julius Dreyer - Mitglied im Spielmannszug" kann seine Begeisterung kaum verbergen: „Viele Generationen spielen gemeinsam – hier gehört einfach jeder zusammen!"
Die Gespräche in Heidenau bestätigen, was zuletzt schon auf dem Schützenfest in Jesteburg von Vizepräsident Gunnar Jäkel treffend formuliert wurde: Schützenvereine können etwas, das rar geworden ist – Menschen zusammenbringen, Generationen verbinden. Einen Ort schaffen, an dem jeder seinen Namen kennt, jemand ist und gehört wird.
Eine Frage drängt sich also mehr als auf: „Ist das vielleicht auch etwas für mein Kind?"
Kommentar - Gemeinschaft entsteht nicht von allein
Die Jugendlichen, die hier zu Wort kommen, sprechen nicht über Pokale, Uniformen oder das Schießen. Sie sprechen über Freundschaften, Zusammenhalt, Verantwortung und das Gefühl, dazuzugehören. Genau darin liegt die Stärke von Vereinen. Deshalb sollten diese nicht gegeneinander um Mitglieder konkurrieren, sondern stärker zusammenarbeiten. Ob Sportverein, Landjugend, Musikzug, Feuerwehr oder Schützenverein – sie alle bringen Menschen zusammen und machen Gemeinschaft erlebbar. Wer junge Menschen für ehrenamtliches Engagement gewinnen und von den Bildschirmen weglocken will, darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Eltern, die sich als Trainer, Vorstandsmitglieder, Betreuer oder Helfer engagieren, vermitteln ihren Kindern etwas Wertvolles: Gemeinschaft ist keine Dienstleistung, die man konsumiert. Sie lebt davon, dass Menschen sich einbringen.
Natürlich ist es einfacher, auf dem Sofa durch soziale Medien zu scrollen. Doch wer erlebt hat, wie bereichernd gemeinsames Engagement sein kann, erkennt schnell den Unterschied zwischen flüchtiger Unterhaltung und echter Zugehörigkeit.
Gleichzeitig müssen sich Traditionsvereine weiterentwickeln. Gerade Schützenvereine stehen vor einer Herausforderung. In einer Zeit, in der Kriege und bewaffnete Konflikte täglich die Nachrichten bestimmen, wirken Waffen und Uniformen auf viele Familien befremdlich oder nicht mehr zeitgemäß. Diese Wahrnehmung sollten die Vereine ernst nehmen, ohne ihre Geschichte zu verleugnen.
Die entscheidende Frage lautet: Wie können sich Traditionsvereine neu erfinden, ohne ihre Wurzeln aufzugeben? Vielleicht liegt die Zukunft weniger im Schießstand als in dem, was die Jugendlichen in Heidenau ohnehin begeistert: Gemeinschaft, Musik, Feste, generationsübergreifende Begegnungen und Verantwortung. Vielleicht werden jene Vereine erfolgreich sein, die ihre Tradition als Fundament verstehen und neue Formen der Beteiligung entwickeln – offen, modern und für alle zugänglich.
Denn am Ende geht es nicht um Uniformen oder Vereinsnamen. Es geht darum, Orte zu schaffen, an denen junge Menschen erleben: Hier kennt jemand meinen Namen. Hier werde ich gebraucht. Hier gehöre ich dazu.
Heidi Goch-Lange
Redakteur:Tina Lüecke aus Buchholz |
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