Tabuthema im Fokus
Filmabend in Buxtehude bricht das Schweigen
- Bianca Quast, Schulleiterin der Kalle-Gerloff-Schule (v.l.) und Ursula Poethkow, Leiterin der Autismus-Ambulanz
- Foto: Nils Klensang
- hochgeladen von Stefanie Schimanski
Sexuelle Übergriffe, Vergewaltigung, Machtmissbrauch gegenüber Schutzbefohlenen – Themen, die selten offen angesprochen werden, obwohl sie mitten in der Gesellschaft existieren. Genau hier setzt der Film „Luisa“ an, der kürzlich im Buxtehuder Kino gezeigt wurde und im Anschluss intensive Gespräche unter Zuschauerinnen und wenigen Zuschauern auslöste.
Der Film selbst gilt als außergewöhnliches Projekt. Entstanden ist „Luisa“ in einer Zusammenarbeit von werkgruppe2, Hanfgarn & Ufer sowie dem ZDF – Das kleine Fernsehspiel. Besonders bemerkenswert ist die konsequent inklusive Besetzung: Zehn Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderung spielen gemeinsam mit zehn Darstellenden ohne Behinderung. Ein Konzept, das in dieser Form in Deutschland bislang kaum umgesetzt wurde.
Grundlage des Films ist ein Drehbuch von Julia Roesler und Silke Merzhäuser, das auf monatelangen Recherchen in Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung basiert. Im Mittelpunkt steht die junge Bewohnerin Luisa, deren Geschichte den Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit einem gesellschaftlich oft verdrängten Thema bildet.
Den Impuls für den Kinoabend gab Elisabeth Brörken, Beauftragte für Menschen mit Behinderungen der Stadt Buxtehude, die die Lebenshilfe als Kooperationspartner gewann. Gemeinsam mit Bianca Quast, Schulleiterin der Kalle-Gerloff-Schule, und Ursula Poethkow, Leiterin der Autismus-Ambulanz, wurde die Veranstaltung umgesetzt.
Der Film nähert sich einem sensiblen Themenfeld aus einer klaren Perspektive: Er zeigt, wie Machtstrukturen, Abhängigkeiten und fehlende Distanzregeln in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen zu Grenzverletzungen führen können – und wie verletzlich Betroffene in solchen Systemen sind. Gleichzeitig macht „Luisa“ deutlich, wie entscheidend verlässliche Strukturen im Alltag sind.
Dazu gehören auch funktionierende Schutzkonzepte, also klare Regeln wie etwa das Vier-Augen-Prinzip in sensiblen Situationen, feste Ansprechpartner oder verbindliche Beschwerdewege, die helfen, Grenzüberschreitungen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern.
Statt einfache Antworten zu liefern, öffnet der Film bewusst einen Raum für Auseinandersetzung. Er zeigt, wie wichtig es ist, über belastende Erfahrungen zu sprechen – gerade dort, wo bisher häufig geschwiegen wurde. Denn Schutz und Aufarbeitung können nur gelingen, wenn Probleme rechtzeitig benannt werden.
Im Anschluss an die Vorführung wurde der Film ausführlich diskutiert. Die Teilnehmenden brachten dabei unterschiedliche Perspektiven und persönliche Erfahrungen ein. „Mich erschüttert, dass es so alltäglich ist“, sagte Ursula Poethkow und brachte damit die Stimmung des Abends auf den Punkt. Unter den Gästen war auch Sebastian Beck, Leiter der Lebenshilfe Buxtehude. „Er hat das Projekt vollumfänglich unterstützt“, betont Poethkow.
Auch eine Mutter, deren Sohn seit rund 25 Jahren in einer Einrichtung lebt, war anwesend. Sie beschrieb den Film als bewegend und nachdenklich stimmend.
Für Elisabeth Brörken war der Abend mehr als eine Filmvorführung. Sie versteht ihn als wichtigen Impuls, das Thema stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. „Der Austausch, der im Anschluss des Films stattgefunden hat, zeigt, wie notwendig es ist, genau hinzuschauen und Gespräche zu führen – auch dann, wenn sie unangenehm sind.“
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.