Interview mit Michael Dunkelfels Deutschmann
Faszination Steampunk
- Michael Dunkelfels Deutschmann komponiert unter anderem Lieder, Filmmusik und Hörspiele
- Foto: Roger Steen
- hochgeladen von Pauline Bellmann
Zwischen Zahnrädern, Fantasiewelten und handgemachter Musik fühlt sich Michael Dunkelfels Deutschmann zuhause. Der Musiker, Gründer der Band Drachenflug und Organisator des Aethercircus, Europas größtem Steampunk-Festival in Buxtehude verbindet ungewöhnliche Instrumente, technische Kreativität und Bühnenkunst zu einem ganz eigenen Stil. Mit dem WOCHENBLATT spricht er über seine Leidenschaft für Steampunk, Heldengeschichten und die besondere Steampunk-Halbzeit am Freitag, 22. Mai, im Kulturforum Buxtehude.
WOCHENBLATT: Was fasziniert Sie persönlich am Steampunk so sehr, dass daraus sogar ein ganzes Festival und nun diese große Halbzeit-Show im Kulturforum entstanden sind?
Michael Dunkelfels Deutschmann: Steampunk ist für mich nicht nur eine Stilrichtung, sondern auch ein Denkraum. Ein Kunstobjekt, ein Film oder eine interessante Steampunk-Gewandung bringt mich oft dazu, Dinge auf eine andere Art und Weise zu betrachten. Dabei entstehen Ideen von anderen Welten, vielleicht mit einer anderen Form dominierender Technik, Kunst oder Gesellschaft. Gleichzeitig bekomme ich die Möglichkeit zu träumen und mich zu fragen, was daran besser oder vielleicht auch schlechter sein könnte.
- Perspektivwechsel "Steampunk" – Altbekanntes und Fantasievolles vermischen sich beim „Aethercircus“
- Foto: pau
- hochgeladen von Pauline Bellmann
Das inspiriert mich sehr, und genau das möchte ich mit anderen teilen. Ich schätze diese Verbindung aus Fantasie und Tiefe sehr. Hinter den verspielten Objekten steckt oft eine bewusste Auseinandersetzung mit Fortschritt, Nachhaltigkeit und der Frage, wie wir Zukunft eigentlich gestalten wollen.
WOCHENBLATT: Wie steht Steampunk zu der realen Vergangenheit?
Michael Dunkelfels Deutschmann: Steampunk ist radikal offen. Es gibt keinen festen Kanon, keine Regeln und keine eindeutig richtige oder falsche Erzählung von Vergangenheit. Das reale 19. Jahrhundert hatte auch problematische Seiten wie Kolonialismus, Nationalismus und Kriege. Diese dürfen bei einer historischen Auseinandersetzung nicht ausgeblendet werden.
Viele Steampunk-Geschichten eröffnen jedoch die Möglichkeit, von Heldinnen und Helden zu erzählen, die genau diesen Entwicklungen etwas entgegensetzen. Vielleicht kann uns das sogar inspirieren, in unserer eigenen Welt ähnlich zu handeln. So lassen sich die Geschichten von Arbeiterinnen, Wissenschaftlerinnen und Abenteurerinnen neu erzählen. Luftschiffe stehen dabei gleichberechtigt neben fantastischen Wesen wie Goblins, Elfen oder Vampiren. Alles kann funktionieren, solange die innere Logik überzeugend ist. Genau darin liegt für mich die Herausforderung.
WOCHENBLATT: Was macht eine Sache typisch "Steampunk"?
Michael Dunkelfels Deutschmann: Diese Frage begleitet mich beim Komponieren, beim Entwerfen von Gewandungen und beim Gestalten von Objekten. Es geht darum, etwas Eigenes zu erschaffen, das als Teil dieser Welt gelesen wird. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Entscheidend ist für mich der Prozess und die Haltung dahinter.
- Die besonderen, oft handgefertigten Gewänder erzählen Geschichten
- Foto: pau
- hochgeladen von Pauline Bellmann
Ich bin überzeugt, dass Steampunk besonders dann wirkt, wenn er Geschichten andeutet, ohne sie vollständig zu erzählen. Man sieht ein Objekt, ein Kostüm oder eine Maschine und plötzlich entsteht ein ganzes Narrativ im Kopf der Betrachtenden. Genau diese Spannung zwischen Sichtbarem und Geheimnis hat letztlich den „Aethercircus“ hervorgebracht.
WOCHENBLATT: Was überrascht Menschen Ihrer Erfahrung nach am meisten, wenn sie zum ersten Mal mit Steampunk in Berührung kommen?
Michael Dunkelfels Deutschmann: Die größte Überraschung ist oft, dass die meisten den Stil bereits kennen. Viele erkennen plötzlich etwas wieder, das sie schon lange fasziniert hat. Sie hatten nur bisher keinen Namen dafür. Vielleicht haben sie in Filmen wie „Die Stadt der verlorenen Kinder”, „Der goldene Kompass” oder „Kapitän Nemo”, in Comics oder auf Buchcovern bereits Kontakt mit dieser Ästhetik gehabt. Vielleicht waren sie in einem passend gestalteten Escape Room oder zufällig auf dem „Aethercircus“.
Oft faszinieren sie historische Dampfmaschinen, filigrane Uhrwerke oder eine spannende Technikgeschichte. Dann kommt die Erkenntnis, dass Mitmachen ganz einfach ist. Eine Steampunk-Gewandung lässt sich leicht mit Vintage-Kleidung, einem Griff in den Kleiderschrank oder die Werkstatt realisieren.
Ein weiterer besonderer Moment entsteht bei den ersten eigenen Basteleien. Hier wird klar, wie viel mehr dahintersteckt. Steampunk ist nicht nur Ästhetik, sondern ein Zusammenspiel aus Fantasie und wissenschaftlichem Denken. Technik wird hier nicht reduziert, sondern aufgeladen mit Vision, Poesie und Haltung.
Gleichzeitig bietet es die Möglichkeit zu lernen. Als ich meine erste E-Gitarre verzierte, musste ich sie auseinanderbauen. Dabei habe ich versehentlich gelernt, welche Technik dabei eine Rolle spielt. Für viele fühlt sich das wie ein Perspektivwechsel an. Man betritt keine fremde Welt. Vielleicht sieht man die eigene Welt einmal anders durch ein spielerischere und zugleich reflektierende Brille.
- Bia Kuri mit der Nyckelharpa
- Foto: Marco Becker
- hochgeladen von Pauline Bellmann
WOCHENBLATT: Was dürfen Besucherinnen und Besucher am 22. Mai von der Steampunk-Show erwarten?
Michael Dunkelfels Deutschmann: Einen facettenreichen Abend, der weit mehr bietet als bloße Unterhaltung. Zauberer Enkidu verbindet auf der Bühne Illusionen mit Klangwelten und entführt das Publikum in magische Räume. Der Bremer Zirkel zeigt mit beeindruckenden Basteleien, Maschinen und Gefährten, was Steampunk im Kern ausmacht: Objekte, die eine eigene Vergangenheit andeuten und eine Zukunft erahnen lassen.
Ich moderiere den Abend und trete später gemeinsam mit der großartigen Bia Kuri an der Nyckelharpa auf. Wir spielen ungewöhnliche, höchst eigenwillige und selbstverständlich großartige Musikstücke. Dazu gibt es Einblicke hinter die Kulissen des „Aethercircus“. Spielerisch laden wir alle dazu ein mitzumachen und gemeinsam neu erfinden, was Steampunk für uns an diesem Abend bedeutet. Und wir feiern, dass es nur noch ein Jahr bis zum nächsten Steampunk-Festival von Freitag, 7., bis Sonntag, 9. Mai 2027, ist.
____
DIE VERANSTALTUNG MUSS LEIDER AUSFALLEN
Am Freitag, 22. Mai, verwandelt sich das Kulturforum Buxtehude ab 20 Uhr in eine fantasievolle Steampunk-Welt. Gäste dürfen gerne im passenden Kostüm erscheinen.
Tickets kosten 25 Euro unter www.kulturforum-hafen.de/tickets
Reservierungen per E-Mail an tickets@kulturforum-hafen.de
Redakteur:Pauline Bellmann aus Buxtehude |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.