Der Handel muss zum Igel mutieren: Michael Simon, Vizechef des BVDA, gibt dem stationalen Handel Tipps für den Wettbewerb im Internet-Zeitalter

Michael Simon, Vize-Präsident des BVDA, hat in München eine Aktion zum Thema "lokal einkaufen" initiiert
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Gleichzeitig mit der WOCHENBLATT-Kampagne "Wir kaufen lokal" in den Landkreisen Harburg und Stade hat auch der Münchner Verlag Wochenanzeiger Medien eine Aktion zum Thema «regional einkaufen» gestartet. Das WOCHENBLATT hat den Verlagsgeschäftsführer Michael Simon, der gleichzeitig Vize-Präsident des Bundesverbands Deutscher Anzeigenblätter (BVDA) und Mitinitiator der Aktion ist, nach seinen Erfahrungen gefragt.
WOCHENBLATT: Der Arbeitskreis Redaktion im BVDA hat die verlagsübergreifende Aktion «Das geht uns alle an!» initiiert. Thema ist die Entwicklung des lokalen Einzelhandels. Gab es einen Auslöser für das Projekt?
Michael Simon: In vielen Kunden-Gesprächen haben meine KollegInnen und ich festgestellt, dass der ökonomische Druck, ausgelöst durch Steuern sparende Internet-Größen wie z.B Amazon oder Zalando, auf unseren lokalen Einzelhandel ungeheuer zugenommen hat. Überall im Umland Münchens aus dem Boden schießende Logistik-Center und Paketausfahrer sprechen für sich.
WOCHENBLATT: Haben Geschäfte aufgegeben, weil sie dem Internetgeschäft kein Paroli mehr bieten konnten?
Michael Simon: München ist ja ein Großraum mit durchaus vorhandener solider Kaufkraft, aber auch da gibt es bereits abends dunkle Geschäfte und den einen oder anderen „Aufgeber“. Umgedreht schlägt bei uns im Verlag ab und an eine LeserInnen-Stimme auf, die sich beschwert, dass es das Geschäft xy nicht mehr gibt. Da geht ein Stück Lebensqualität verloren – wie auf der BVDA-Frühjahrstagung in Berlin gesagt, das ist, wie wenn es im Alpenraum keine Almen mehr gäbe, sondern nur noch die verdammten Maisfelder.
WOCHENBLATT: Wie wird die Kampagne von Ihren Anzeigenkunden in München aufgenommen?
Michael Simon: Da reicht die Skala von „endlich unternimmt mal ‹jemand› was, bis zu … „ich habe kein Geld mehr für Werbung“. Da braucht›s Aufklärungswillen wie bei einem Missionar, der Menschenfresser zu Vegetariern umerziehen will.
Rückblickend betrachtet kann man festhalten, dass nach einiger Zeit sogar unser etwas doppeldeutiger Slogan „Ich besorg›s mir nur in meinem Viertel / Ort“ nach vielen Gesprächen meist positiv aufgenommen wurde und die Sache zu laufen begann.
WOCHENBLATT: Gibt es in München bereits positive Auswirkungen von Ihrer Aktion «Wer WEITER denkt, kauft NÄHER ein»? Wie reagieren die Endverbraucher auf die Kampagne?
Michael Simon: Wir bekommen kurze Stories, mit denen sich Kunden mit „ihrem Handel“ solidarisieren, ab und an aber auch ab und an Kritik am stationären Handel. Auch diese wird publiziert – das macht die Sache doch erst rund. Auch Blumen wurden im Verlag von einer älteren Dame vorbeigebracht, die sich bedanken wollte, dass wir „ihr Viertel beschützen“.
WOCHENBLATT: Auf Ihren Sonderseiten in München haben Sie verdeutlicht, wie eine Zukunft ohne regionale Einkaufsmöglichkeiten aussehen könnte. Was können aus Ihrer Sicht die regionalen Händler tun, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Kurz: Darf der Einzelhandel optimistisch sein?
Michael Simon: Es gibt in Bayern einen wunderschönen Film mit dem Titel „Wer früher stirbt, ist länger tot“ - dazu fällt mir immer der stationäre Handel mit all seinen Möglichkeiten ein, wenn er nicht über die Herausforderungen immer noch weiter stolpert.
Bitte nicht über den Beratungsklau beschweren und einmal nicht mit „Hammanet“ reagieren. Es ist wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel – der Handel muss zum Igel mutieren, mit Hirn und Engagement. Und natürlich mit dem richtigen (Werbe-)Partner, der für wirkliche Anstöße sorgen kann, mit hoher Glaubwürdigkeit,der Botschaften transportieren kann, die weiter gehen als der schnöde „Preisvergleich“. Wer bezahlt denn die Gewerbesteuer im Ort, wer bietet wohnnahe Arbeitsplätze, wer sponsert denn den lokalen Amateursport.
„Hirn ist kein nachwachsender Rohstoff“, sagt Gerhard Polt – gerade der Handel sollte sich gerade darauf immer wieder besinnen …. und „schwer ist leicht was“ (Ottfried Fischer) .. also nicht jammern, sondern machen. Der Handel braucht emotionale Botschaften – und wir können die transportieren.

Autor:

Nicola Dultz-Klüver aus Buxtehude

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