Estebrügge - Mitten im Leben
Ein Gespräch über Verlust und Liebe
- Lilli Budde (84). " Es kommen immer noch Erinnerungen hoch, die verborgen waren."
- hochgeladen von Stefanie Schimanski
Sie ist 84 Jahre alt und in Hamburg geboren. Für die Estebrüggerin war ihr Leben über Jahrzehnte hinweg untrennbar mit dem ihres Mannes verbunden. 57 Jahre waren sie verheiratet. Doch Zahlen greifen hier zu kurz. Für sie gab es kein "ich" ohne das "wir".
Im September 2021 endete dieses gemeinsame Leben abrupt. Für unsere neue Serie "Mitten im Leben" fragt WOCHENBLATT Redakteurin Stefanie Schimanski, wie sie mit dem Verlust umgeht und die Trauer aushält.
WOCHENBLATT: Erzählen Sie mir von dem Abend, als Ihr Mann starb
Lilli Budde: Es war ein ganz gewöhnlicher Abend. Nichts deutete darauf hin, dass sich alles verändern würde. Er ging früh zu Bett, gab mir - wie jeden Abend - einen Gute-Nacht-Kuss und ging die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Dort fiel er. Als ich ihn dort fand, habe ich sofort den Notruf gewählt., Feuerwehr und Rettungskräfte waren sehr schnell da. Er hatte einen sehr schweren Herzinfarkt. Medizinisch wurde er erst am 22. September für tot erklärt, für mich ist sein Todestag am 18. September. An diesem Tag habe ich ihn verloren. Auch wenn sein Herz noch ein paar Tage weitergeschlagen hat. Jeder stirbt für sich allein.
WOCHENBLATT: Was hat Ihnen geholfen, diese erste Zeit nach dem Verlust zu überstehen?
Lilli Budde: Für mich ist es immer noch so unbegreiflich, dass ich alleine bin. Die Routine hat mir sehr geholfen.
Der Tagesablauf, den ich mit meinem Mann hatte, trägt mich bis heute. Wir hatten feste Strukturen, einen gemeinsamen Rhythmus, den habe ich beibehalten. Ich bin Kassenwartin in der Brückenbäckerei, eine Aufgabe mit Sinn, Verantwortung und Verlässlichkeit. Außerdem will das Haus versorgt werden.
WOCHENBLATT: Wie erleben Sie das Alleinsein heute?
Lilli Budde: Ich kann gut alleine sein. Aber alleine sein und einsam sein sind zwei verschiedene Dinge. Manchmal tut die Einsamkeit weh. Nähe war für mich, den Kopf an die Schulter meines Mannes zu legen. Diese Nähe gibt es nun nicht mehr. Man lernt mit dem schwarzen Loch zu leben. Seit vier Jahren bin ich in einem tiefen Tal, erst seit ein paar Monaten "ist es gut, so wie es jetzt ist."
WOCHENBLATT: Was hat sich verändert?
Lilli Budde: Heute erlebe ich Nähe in Form von Gesprächen.
Manche Kontakte sind enger geworden, seit drei Jahren verbringe ich den ersten Weihnachtstag mit einer Freundin.
Auch die Menschen in der Nachbarschaft, die ich teilweise schon seit der Kindheit kenne, geben mir Halt.
Außerdem habe ich den Weg zu meinem Glauben wiedergefunden. Ich spüre deutlicher meine Dankbarkeit.
WOCHENBLATT: Was vermissen Sie besonders?
Lili Budde: Was mich in meiner Ehe getragen hat. Es war mehr als Nähe. Es war gegenseitige Unterstützung, echtes Interesse am anderen, ein gemeinsames, geistiges Leben. Geschichte war unser großes, gemeinsames Thema. Er wusste so viel. Egal, was ich ihn fragte, er hatte immer eine Antwort.
Das alles wirkt bis heute nach. Wenn ich an ihn denke, muss ich manchmal an die Oper "Turandot" denken, die wir gemeinsam sahen: Sein Vorname ist "Liebe" und sein Nachname ist "Fürsorge".
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |
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