Neues Kleinod am Heidschnuckenweg
Schnucken pflegen Höckeler Heide
- hochgeladen von Christoph Ehlermann
„Mäh. Mäh.“ Das Rufen ist schon von Weitem zu hören – lange, bevor die ersten Tiere zwischen den Bäumen auftauchen. Doch in das etwas dumpfe Blöken der Schnucken mischt sich noch ein weiterer Klang. „Meck-meck“, schallt das helle, unverwechselbare Meckern der Ziegen über die Heide. Die Rufe kündigen schon an, was gleich zu sehen sein wird. Dann kommen die neugierigen, überdimensionalen Wollknäuel und die Ziegen in den Blick. Neugierig laufen sie über die Höckeler Heide. Erwartungsvoll blickt sich die Herde von Schäferin Gesa Menne von der Schäferei Hoffmann aus Wörme um, dann machen sich die Tiere über die „Leckerbissen“ her, die sich ihnen bieten: Hier wird ein wenig an den Heidesträuchern und am Gras gezupft, dort an wuchernden jungen Birken und Kiefern geknabbert. Doch die Heidschnuckenherde aus 450 Schnucken und 17 Ziegen ist nicht nur ein besonderes und unverzichtbares Fotomotiv bei vielen Besucherinnen und Besuchern. Gesa Menne, ihr Kollege Dennis Schudnagis und ihre Tiere sorgen vor allem dafür, dass die Höckeler Heide wieder zu einem besonderen Kleinod und Refugium für die Natur wird.
Nach gut 80-jähriger Pause sind damit wieder Heidschnucken in der Höckeler Heide unterwegs. Nun zieht Schäferin Gesa Menne erstmals mit ihrer Herde aus dem Büsenbachtal in die Höckeler Heide. Immer wieder bleibt die Herde stehen, und die Schnucken knabbern an den Heidesträuchern. Was so idyllisch aussieht, ist in Wirklichkeit hochwirksame Landschaftspflege. Die Herde sorgt dafür, dass die Höckeler Heide wieder zu dem wird, was sie einst war: ein offenes Heidegebiet und ein wertvoller Rückzugsort für inzwischen seltene Tier- und Pflanzenarten. Denn die Heidschnucken pflegen die Flächen sozusagen als lebende Rasenmäher und sind wichtiger Bestandteil der Pflegekonzepte der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Harburg.
Die Höckeler Heide ist ein nur winziger Rest der ehemals großen Heideflächen zwischen Handeloh und Höckel. Bei dem Gebiet handelt sich um eine historische Heidefläche, die heute einem Wald vorgelagert ist. Noch vor wenigen Generationen prägte ein großer Strukturreichtum die Kulturlandschaft, auch im Raum Handeloh. Doch die vielfältigen kleinflächigen Nutzungen wurden von monotonen Flächennutzungen abgelöst, scheinbar unproduktiven Flächen verschwanden fast völlig. Dabei sind gerade diese Flächen für viele Tier- und Pflanzenarten wichtig.
Nachdem dort keine tierischen Landschaftspfleger mehr weideten, pflegten ehrenamtliche Naturschützer die Höckeler Heide. Doch auch damit war Ende der 1990er-Jahre Schluss. Die Folge: Birken schossen in die Höhe, Kiefern breiteten sich aus, Spätblühende Traubenkirschen eroberten das Gelände. Auf der einst freien Fläche hatte die Heide kaum noch eine Chance und lugte nur noch vereinzelt zwischen den Gebüschen hervor, die dort wild die Fläche überwucherten.
Fast schien es, als wäre die Höckeler Heide für immer Geschichte. Doch vor zwei Jahren erwachte die gut einen Hektar große Fläche aus dem Dornröschenschlaf. Die Abteilung Umwelt des Landkreises Harburg begann gemeinsam mit der Gemeinde Handeloh mit umfangreichen Wiederherstellungsmaßnahmen. So kann sich nicht nur die Heide wieder entwickeln und im Spätsommer für eine lila Pracht sorgen, es entsteht auch ein Refugium für Tiere wie Wildbienen und Eidechsen, die auf offene Heideflächen angewiesen sind.
„Die Höckeler Heide ist und wird damit ein wichtiger Teil des neuen Biotopverbundes Nordheide, der sich von Nord nach Süd durch den ganzen Landkreis erstreckt“, sagt Armin Hirt von der Abteilung Umwelt. „Er verbindet die Fischbecker und Wulmstorfer Heide, Brunsberg und Büsenbachtal mit der Lüneburger Heide. So schaffen wir einen Korridor und Trittsteine zwischen verschiedenen Naturschutzflächen. Das verbindet die Lebensräume für die seltenen und geschützten Tiere und Pflanzen, verhindert ihre Isolation“, erläutert Hirt. Das nützt beispielsweise Reptilien wie Schlingnatter, Kreuzotter oder Blindschleiche, aber auch Schlangen, Schmetterlingen und anderen Insekten, die besonders geschützt sind und innerhalb des Korridors neue Lebensräume finden.
Damit die Höckeler Heide Teil dieses Verbundes wird, kommt den Heidschnucken eine wichtige Rolle zu. Etwa zwei Stunden dauert der Marsch der Herde vom Schafstall am Büsenbachtal in die Höckeler Heide. Mit jedem Bissen halten sie dort das Heidekraut jung, das immer wieder frisch austreibt und im Spätsommer eine violette Blütenpracht entwickelt. Etwa 15 Zentimeter hoch sollte die Heidesträucher bleiben – und genau dafür sorgen die Tiere. Und wenn die Herde während der Heideblüte durch die Flächen zieht, reißen die Tiere zudem mit ihren Klauen die feinen Spinnweben zwischen den Heidepflanzen auf – und machen für die Bienen den Weg zu den Blüten frei. Die Ziegen in der Herde unterstützen, da sie noch stärker Pioniergehölze wie Birken und Kiefern verbeißen können. „Die Pflegemaßnahmen sorgen dafür, dass die Schönheit des Gebiets wiederhergestellt wird und erlebbar bleibt“, sagt Hirt.
Längst ist die prägende Heidschnucke zum Symbol und Wappentier der Heide geworden. Doch so selbstverständlich wie früher sind die Herden längst nicht mehr. Noch im 19. Jahrhundert verfügte ein Heidehof in der Regel über 500 bis 700 Heidschnucken. Mangelnde Rentabilität ließ die Zahl der Herden schrumpfen – heute gibt es noch 13 Herden in der Lüneburger Heide. Nicht ohne Grund hat die Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen die Graue Gehörnte Heidschnucke zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres 2026" erklärt – passend zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und Hirten der Vereinten Nationen. Und die Schnucken tragen nicht nur dazu bei, eine Kulturlandschaft zu erhalten, sondern sind für Besucherinnen und Besucher eine besondere Attraktion.
Aber auch ansonsten die Höckeler Heide viel zu bieten und lädt dazu ein, direkt am Heidschnuckenweg ein Kleinod zu erleben. Dazu will die Abteilung Umwelt in Kürze noch zwei Bänke aufstellen, von denen aus sich nicht nur die Natur und Sonne genießen, sondern mit etwas Glück auch Wildbienen, Eidechsen oder Schmetterlinge beobachten lassen – und vielleicht auch wieder das Blöken und Meckern von Gesa Mennes und Dennis Schudnagis Herde zu hören.
Redakteur:Christoph Ehlermann aus Salzhausen |

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