Straßen, Bahn und andere Infrastruktur
Das große WOCHENBLATT-Sommerinterview mit dem Stader Landrat Kai Seefried
- Stades Landrat Kai Seefried (re.) im Gespräch mit WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann
- Foto: Florian Obst
- hochgeladen von Jörg Dammann
Die Energiewende, wichtige Verkehrsprojekte und die Zukunft der Infrastruktur: An großen Themen mangelt es auch im Landkreis Stade nicht. WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann traf den Stader Landrat Kai Seefried am Rande der Veranstaltung zum Tunneldurchstich der ElbX-Querung für die SuedLink-Leitung in Wischhafen. Im Interview spricht Seefried über Fortschritte bei zentralen Projekten, aber auch über Baustellen, bei denen es aus seiner Sicht schneller vorangehen muss. Und zum Schluss geht es um eine ganz besondere „Buckelpiste“ in seiner Kehdinger Heimat.
WOCHENBLATT: Herr Landrat, wir stehen hier in Wischhafen auf der Baustelle von ElbX, dem SuedLink-Tunnel unter der Elbe. Warum sind Sie heute hier?
Kai Seefried: Wir feiern hier heute den Tunneldurchschlag. Mit dem „SuedLink“ entsteht eine der wichtigsten Stromverbindungen Deutschlands – und sie führt mitten durch den Landkreis Stade. Nun ist ein entscheidendes Etappenziel des Projekts erreicht: Die Elbquerung zwischen Wewelsfleth in Schleswig-Holstein und Wischhafen ist fertiggestellt. Die Tunnelbohrmaschine „Elsa“ hat die Elbe nach gut eineinhalb Jahren erfolgreich unterquert. Der rund 5.200 Meter lange Tunnel zählt zu den komplexesten Bauwerken der Erdkabelgleichstromleitung „SuedLink“. Er ist Sinnbild für die Energiewende – und dafür, dass es vorangeht bei uns in der Region.
WOCHENBLATT: Woran machen Sie das fest?
Kai Seefried: Da sind zum Beispiel die beiden Energietransportleitungen, die in rasantem Tempo entstehen. Die ETL 182 führt vom Knotenpunkt Elbe-Süd an der Elbquerung bei Lühesand über 87 Kilometer bis nach Achim. Die rund 18 Kilometer lange ETL 179.200 verbindet das künftige landbasierte Flüssiggas-Terminal mit dem Gasunie-Netz am Knoten Deinste. Beide Leitungen transportieren zunächst Erdgas. Die Rohre sind aber bereits vollständig für Wasserstoff ausgelegt. Zu den maßgeblichen Treibern der Energiewende, die über die Region hinausstrahlt, gehört bei uns aber auch nicht zuletzt die Chemieindustrie in Stade-Bützfleth („grüner Wasserstoff“), sondern auch die zukunftsweisende Flugzeugentwicklung rund um Airbus.
Das gilt ebenfalls für die Planung von Windparks auf vier Prozent der Landkreisfläche. Die Leistung der Windkraftwerke im Landkreis Stade erreicht bereits heute eine vergleichbare Größenordnung wie die des früheren Stader Kernkraftwerkes. Mit dem Bau des ersten landseitigen Flüssiggas-Terminals in Deutschland unterstreichen wir unsere Vorreiterrolle. Wir können und wollen unseren Beitrag zur Energiewende und zur Transformation der Industrie leisten. In Stade sind zahlreiche Chemieunternehmen angesiedelt, bei denen Produktlinien und Wertschöpfungsketten effizient aufeinander abgestimmt sind und deren Erzeugnisse die Grundlage für viele Industriezweige in Deutschland bilden. Wir wollen hier vor Ort zeigen, dass die Transformation gelingt.
WOCHENBLATT: Ganz in der Nähe, unweit Ihres Heimatortes Assel, soll bald auch ein Autobahn-Tunnel unter der Elbe hindurchführen. Warum setzen Sie sich für dieses Projekt ein?
Kai Seefried: Wir benötigen endlich eine westliche Elbquerung. Beinahe täglich gibt es stundenlange Staus – am Elbtunnel und an der Köhlbrandbrücke in Hamburg ebenso wie an der Elbfähre in Wischhafen. Das ist für Pendler und Lkw-Fahrer gleichermaßen eine Zumutung. Außerdem ist der Elbtunnel im Zuge der A 20 eine wichtige Chance zur wirtschaftlichen Entwicklung unseres Chemie- und Industriestandortes sowie der gesamten Region. Der Elbtunnel hat übrigens bereits seit einigen Jahren Baureife. Jetzt sollte man nicht mehr weiter abwarten! Gerade jetzt, wo wir uns hier anlässlich des Tunneldurchschlags des „SuedLink“ treffen, wäre es mir am liebsten, der Bohrer wird gleich an anderer Stelle für den Elbtunnel der A 20 neu angesetzt. Es sind so viele Millionen und so viele Jahre in die Planung geflossen. Es muss Schluss sein mit Zaudern und Zögern, und es muss endlich gebaut werden.
WOCHENBLATT: Bereits kurz vor der Fertigstellung ist der langersehnte Anschluss der A 26 ans Hamburger Autobahnnetz. Nicht genutzt wird allerdings weiterhin die Abfahrt Buxtehude. Wie soll es hier weitergehen?
Kai Seefried: Meine Botschaft ist klar: Buxtehude braucht die Abfahrt „Buxtehude Mitte“. Es wäre ein Schildbürgerstreich, wenn die seit Jahrzehnten mit diesem Verlauf geplante Anschlussstelle nicht genutzt werden dürfte. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Planungen nachzubessern – so, wie es uns das Oberverwaltungsgericht aufgetragen hat. Die Schwerpunkte liegen im Bereich der Verkehrsplanung, bei Fragen der Schallimmissionen und bei der Ausgestaltung der Anliegerstraßen. Es ist unser Ziel, mit den aktualisierten Fachgutachten und einer größtmöglichen Transparenz in dem anstehenden Verfahren die besten Lösungen für diesen so wichtigen Autobahnanschluss und für die Betroffenen zu finden.
WOCHENBLATT: Verbunden mit der geplanten Verlängerung der A 26 zum Kehdinger Kreuz soll auch das Industriegleis parallel zur Autobahn gebaut werden. Der Kreistag hat entschieden, bis zu 7,5 Millionen Euro bereitzustellen. Die geschätzten Gesamtkosten belaufen sich aber auf rund 40 Millionen Euro. Wer soll das Delta aufbringen?
Kai Seefried: Zunächst einmal gehen wir davon aus, dass sich die Hansestadt Stade mindestens in derselben Größenordnung beteiligt wie der Landkreis Stade es zugesagt hat. Wir setzen aber auch darauf, dass Bund und Land sich hier engagieren. Die Eisenbahn-Infrastruktur ist Aufgabe des Bundes und für die Ertüchtigung der bestehenden Strecke – unter anderem an Bahnübergängen – müssten ohnehin in naher Zukunft gewaltige Summen aufgebracht werden. Dieses Geld wäre in einen Neubau sinnvoller investiert. Das Land Niedersachsen hat bei diesem Projekt aber auch eigene Interessen: einerseits an der positiven Fortentwicklung unseres Chemie- und Industriestandortes, andererseits an einer optimalen Anbindung des landeseigenen Stader Seehafens. Wir sind in guten Gesprächen mit dem Wirtschaftsministerium und der Staatskanzlei und zuversichtlich, zeitnah den Knoten durchschlagen zu können. Allen Beteiligten ist klar, wie wichtig dieses Projekt ist. Nur mit einem Neubau des Industriegleises parallel zur A 26 ist es möglich, die Güterzüge mit Chemikalien aus der Innenstadt zu bekommen und die dringend benötigten neuen Kapazitäten zu schaffen, denn das bisherige Gleis ist bereits nahezu restlos ausgelastet.
WOCHENBLATT: Ein Projekt, für das Sie seit Jahren kämpfen, steht nun kurz vor der Realisierung: die Reaktivierung der Bahnstrecke zwischen Stade und Bremervörde. Was erhoffen Sie sich von diesem Vorhaben?
Kai Seefried: Die Wiederbelebung der Bahnverbindung zwischen Bremervörde und Stade ist ein Meilenstein für die Entwicklung des SPNV und der Attraktivität der Region. Die neue Regionalbahnlinie 34 wird mit Bremervörde und der Hansestadt Stade zentrale Orte verbinden und ein neues Mobilitätsangebot für viele Menschen schaffen. Gerade auch für die Kommunen entlang der Strecke, die über neue Bahnhöfe angebunden werden, ist diese Entwicklung eine große Chance. Künftig soll die Bahn in Bremervörde, Hesedorf, Mulsum-Essel, Fredenbeck, Deinste, Hagen, Riensförde und Stade halten. In Riensförde entsteht ein neuer Haltepunkt direkt am Bildungscampus. Die EVB als Betreiberin der Strecke geht davon aus, dass ab Dezember 2028 die neue Regionalbahnlinie starten könnte.
WOCHENBLATT: Gänzlich ohne positive Zukunftsperspektive präsentieren sich derzeit die von DB Regio und S-Bahn betriebenen Zugverkehre nach Hamburg. Wir haben erst vorige Woche ausführlich über die vor allem für die Pendler unzumutbare Situation berichtet. Welche Hebel können Sie hier in Bewegung setzen, um Verbesserungen herbeizuführen?
Kai Seefried: Ich erhalte täglich E-Mails von frustrierten Pendlern, die sich über die desolaten Zustände beschweren. Sie alle haben recht und ich kann ihre Enttäuschung und Frustration sehr gut nachvollziehen. Leider habe ich als Landrat hier keine direkten Eingriffsmöglichkeiten, da für die Unterhaltung der Strecke und den Betrieb der Bahnlinien verschiedene Unternehmen des Bahn-Konzerns zuständig sind. Ich lege allerdings immer wieder den Finger in die Wunde, um auf die Probleme hinzuweisen und Verbesserungen einzufordern. Ob in den Sitzungen des HVV-Aufsichtsrates oder in Gesprächen mit dem S-Bahn-Vorstand: Es vergeht keine Gelegenheit, bei der ich diese Themen nicht adressiere. Dazu habe ich Anfang August auch Kontakt zur Konzernbevollmächtigten der Bahn für Norddeutschland, Ute Plambeck, aufgenommen und ihr in eindringlichen Worten die Situation hier vor Ort geschildert, die wir alle – und allen voran die Bahn – so nicht akzeptieren dürfen.
WOCHENBLATT: Zum Schluss eine zugegebenermaßen etwas freche Frage: Ich war gerade selbst auf Kehdingens Kreisstraßen unterwegs – und hatte dabei streckenweise ein echtes Offroad-Erlebnis. Wann können Autofahrer hier mit besseren Straßen rechnen? Oder sollte man den jetzigen Zustand lieber gleich unter Denkmalschutz stellen?
Kai Seefried: Natürlich weiß ich auch aus eigener Erfahrung um den schlechten Zustand etlicher Kreisstraßen – insbesondere in meiner Kehdinger Heimat. Über viele Jahre ist hier viel zu wenig passiert. Wir haben den Bereich des Straßenbaus im Kreishaus jetzt neu organisiert und sind wirklich hervorragend aufgestellt. Der Erfolg ist sicht- und auch spürbar. Im vergangenen Jahr haben wir als Landkreis Aufträge im Umfang von rund 20 Millionen Euro zur Sanierung von Straßen und Wegen ausgelöst. Das sind fünf so viel wie im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Auch für das laufende Jahr 2026 sieht es gut aus, sodass wir dieses Tempo weiter fortsetzen werden. In wenigen Wochen wird in Kehdingen unter anderem die K 9 von Krummendeich nach Oederquart in Angriff genommen, ganz sicher eine der schlechtesten Straßen im gesamten Landkreis. Also kein Denkmalschutz, sondern frischer Asphalt. Das ist mir an dieser Stelle lieber!
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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