Neue kleine Sonderausstellung „Trugbild Heimat? NS-Kulturschaffende nach 1945“ beleuchtet regionale NS-Biografien und ihre Nachwirkungen
- Die Mitwirkenden in der eröffneten Ausstellung im Freilichtmuseum am Kiekeberg, v.l. Stefan Zimmermann, Museumsdirektor des Freilichtmuseums am Kiekeberg; Chris Stölting, Kurator der Ausstellung; Gunter Buck, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Süderelbe; Arndt-Hinrich Ernst, Kreisarchivar des Landkreises Harburg
- Foto: FLMK
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Bis Sonntag, dem 22. November, während der Museumsöffnungszeiten, Eintritt unter 18 Jahren frei, für Erwachsene 12 Euro, Infos unter kiekeberg-museum.de
Hinter der Heimatidylle: Bis Sonntag, dem 22. November, zeigt das Freilichtmuseum am Kiekeberg gemeinsam mit der Geschichtswerkstatt Süderelbe und dem Kreisarchiv des Landkreises Harburg die kleine Sonderausstellung „Trugbild Heimat? NS-Kulturschaffende nach 1945“. Besucherinnen und Besucher erfahren über Texte, historische Fotos und Gemälde Hintergründe über die Biografien und Werke von zwei Kulturschaffenden, die während und nach der Zeit des Nationalsozialismus aktiv zur Verbreitung der NS-Ideologie beitrugen: Heinrich Ludwig Meyer und Wilhelm Marquardt. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum und wie sie auch nach 1945 gesellschaftlich und kulturell weiter wirken konnten. Das Buch zur Ausstellung ist während ihrer Laufzeit für 15 Euro im Museumsladen erhältlich. Rund 40 geladene Gäste nahmen an der Eröffnung am Freitag, dem 21. August, am Kiekeberg teil. Der Museumseintritt ist für Personen unter 18 Jahren und für Fördervereinsmitglieder frei. Für Erwachsene kostet er 12 Euro. Aktuelle Informationen finden sich unter kiekeberg-museum.de.
Kulturarbeit nach 1945 kritisch betrachtet
„Als Freilichtmuseum sehen wir es als unsere Aufgabe, auch schwierige Kapitel der Regionalgeschichte sichtbar zu machen. Unsere neue Sonderausstellung erweitert die bisherige Darstellung der NS-Zeit bei uns um eine wichtige Perspektive: die Nachwirkungen des Nationalsozialismus nach 1945“, erklärte Museumsdirektor Stefan Zimmermann bei der Eröffnung. „Ziel des Museums ist es, die biografischen Brüche und Übergänge aus der NS-Zeit in die junge Bundesrepublik sichtbar zu machen und kritisch einzuordnen.“
Der Maler Heinrich Ludwig Meyer (1895–1967) und der Lehrer sowie Heimatforscher Wilhelm Marquardt (1899–1994) unterstützten während des Nationalsozialismus die Ziele des Regimes und blieben damit danach in der regionalen Kulturlandschaft präsent.
„2023 übernahm die Geschichtswerkstatt Süderelbe einen Nachlass von Heinrich Ludwig Meyer mit zahlreichen Bildern des Heimatmalers“, erklärte Gunter Buck, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt Süderelbe, den Weg zur Ausstellung. „Für die geplante Ausstellung sollten mehr Informationen über ihn zusammengestellt werden und getreu dem Motto der Geschichtswerkstätten ‚grabe, wo du stehst‘ begann ich mit der Recherche. In den Archiven kamen jedoch auch viele Dinge an die Oberfläche, die nicht schön waren.“
Chris Stölting, Kurator der Ausstellung, erläutert bei der Eröffnung: „Das NS-Regime war kein Elitenprojekt. Es konnte nur funktionieren, weil die Nationalsozialisten auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in jedem Dorf willige Förderer und Unterstützer hatten. Diese trugen und stabilisierten das System. Genauso verhält es sich mit unserer Gesellschaft auch heute. Im Positiven wie im Negativen.“
In der neuen Sonderausstellung setzt das Freilichtmuseum seine Auseinandersetzung mit der regionalen NS-Geschichte fort. Seit 2025 gibt es im Museum die Dauerausstellung „Harburg unterm Hakenkreuz. Ein Landkreis von 1933 bis 1945“ in der „Ley-Bude“, einem Behelfsheim aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.
Die Menschen hinter dem Heimatbild
Heinrich Ludwig Meyer war seit 1932 Mitglied der NSDAP und arbeitete als Beamter an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg (HfbK). In zwei belegten Fällen zeigte er einen Kollegen und einen Nachbarn bei den nationalsozialistischen Behörden an, woraufhin einer in das Konzentrationslager Fuhlsbüttel kam. Nach einem Entnazifizierungsverfahren durfte er zwar nicht mehr an der HfbK arbeiten, erhielt aber weiterhin ein Ruhegehalt. Er malte vor allem Landschaftsbilder, die er in drei Ausstellungen präsentierte. Außerdem veröffentlichte er heimatgeschichtliche Aufsätze.
Wilhelm Marquardt war Lehrer in Immenbeck und trat 1933 in die NSDAP und als Scharführer in deren Sturmabteilung (SA) ein. Zwei Jahre später wurde der beurlaubte Lehrer Sachbearbeiter des Gau-Kulturamtes (Gau: Parteibezirk der NSDAP) in Harburg-Wilhelmsburg in der Abteilung Volkstum und Heimat – und war für die Überwachung der Umsetzung der NS-Ideologie zuständig. Als Kulturwart der NS-Ortsgruppe Ovelgönne war er an der Gründung des Harburger „Kreiskalenders“ beteiligt und als Gau-Schriftleiter wirkte er von 1940 bis 1941 an der Herausgabe des „Niedersachsen-Stürmers“ mit, einer Wochenzeitung der NSDAP. Obwohl er nach dem Zweiten Weltkrieg zwischenzeitlich in Haft war, arbeitete Marquardt danach weiter als Lehrer in Hittfeld und veröffentlichte mehr als 30 Ortschroniken, in denen er den Nationalsozialismus thematisch überging. 1975 erhielt er den Kulturpreis des Landkreises Harburg für seine Arbeit und 1982 das Bundesverdienstkreuz – ein Antrag der Grünen, ihm das abzuerkennen, scheiterte sechs Jahre später.
Publikation zur Ausstellung
Gunter Buck hat passend zur Ausstellung die Publikation „Blut, Boden und Leinwand. Heinrich Ludwig Meyer zwischen Kunst und Nationalsozialismus“ verfasst. Das Buch ist während der Laufzeit der Ausstellung im Museumsladen und über die Geschichtswerkstatt erhältlich. Es kostet 15 Euro.
Anfahrt
Die Bushaltestelle „Museum Kiekeberg“ befindet sich direkt vor dem Museumseingang. Für Fahrräder stehen Anschließmöglichkeiten bereit. Das Museum hat viele kostenfreie Parkplätze. Hinweis: Ab Sonntag, dem 30. August, ist der Eißendorfer Waldweg gesperrt und der Verkehr zum Museum umgeleitet. Aktuelle Informationen dazu finden sich unter kiekeberg-museum.de/anfahrt.
Leserreporter:Freilichtmuseum am Kiekeberg aus Rosengarten |
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