Projektleiterin im Interview
Wie Sportvereine der Gefahr sexueller und anderer Gewalt vorbeugen können

Projektleiterin Nadine Becher steht in der Geschäftsstelle des MTV Ramelsloh vor den 
bunten Plakaten, die Kinder auf ihre Rechte hinweisen
  • Projektleiterin Nadine Becher steht in der Geschäftsstelle des MTV Ramelsloh vor den
    bunten Plakaten, die Kinder auf ihre Rechte hinweisen
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ts. Ramelsloh. Der MTV Ramelsloh nimmt in Niedersachsen eine Vorreiterrolle bei dem Schutz von Kinderrechten in Sportvereinen ein. Sein Präventionsprojekt, in dem es dem Verein um die Aufklärung und Wahrung der Rechte der Kinder und Jugendlichen sowie um deren Schutz geht, ist mit dem "Kinder-haben-Rechte-Preis" des Landes Niedersachsen ausgezeichnet worden. Die ehrenamtliche Projektleiterin Nadine Becher (37), Volleyballtrainerin und zweite MTV-Vorsitzende, sagt, wo Spaß aufhört und Gewalt beginnt.
WOCHENBLATT: Schweigen schützt die Falschen, sagen Sie. Bei welchen Verhaltensweisen sollen Trainer und Betreuer aufmerksam werden?
Nadine Becher: Sexualisierte Gewalt kann auch im Sportverein geschehen. Wenn man zusammen Sport macht, ist es manchmal gar nicht so einfach, die Grenze zwischen Spaß, einem lockeren Umgang und einer Übergriffigkeit zu erkennen. Zusammen duschen oder Hilfestellungen - das kann alles Teil des Sports sein und ist völlig normal. Aber manchmal sind es genau solche sporttypischen Situationen, die Erwachsene oder andere Kinder und Jugendliche ausnutzen, um übergriffig zu werden.
WOCHENBLATT: Was zum Beispiel sollten Trainer, Betreuer oder Eltern lieber unterlassen?
Nadine Becher: Jedes Kind hat seine eigene Grenze, die respektiert werden muss. Beispielsweise sollten sich Trainer, Betreuer und Eltern nicht in der Umkleidekabine aufhalten, um ihren Töchtern und Söhnen beim Ankleiden zu helfen, wenn andere duschen. Das könnte die anderen Kinder beschämen. Niemand sollte Fotos aus der Umkleidekabine im Internet posten, wenn Kinder ihre Trikots ausgezogen haben. Aber natürlich sollen Trainer und Betreuer Kinder herzen, in den Arm nehmen und nach einem Tor zusammen jubeln dürfen.
WOCHENBLATT: Der MTV Ramelsloh hat Strukturen geschaffen, um Kinderrechte zu stärken. Wie genau sieht das aus?
Nadine Becher: Wir arbeiten mit dem Landessportbund zusammen, um in Sportvereinen in ganz Niedersachsen die Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport zu entwickeln. Dazu muss der Sportverein die Satzung ändern. Das Modell sieht vor, dass Trainer Führungszeugnisse vorzuweisen haben, die Kosten übernimmt der Landessportbund. Das hat bei uns am Anfang zu Diskussionen geführt, aber wir haben unseren Trainern begreiflich machen können, dass wir nicht gegen sie arbeiten, sondern sie unterstützen möchten. Die Vereine benennen sogenannte Schutzbeauftragte, an die sich die Kinder, Jugendlichen, Eltern oder die Trainer vertraulich wenden können. Wir im MTV nennen sie deshalb auch lieber Vertrauenspersonen. Zusätzlich haben wir auf dem Vereinsgelände vier rote Kummerkästen aufgehängt, so sind wir neben Telefon und E-Mail auch über den Papierweg erreichbar.
WOCHENBLATT: Sie schulen ehrenamtlich Vorstandsmitglieder und Vertrauenspersonen anderer Sportvereine, um das Modell in Niedersachsen zu verbreiten. Welche Inhalte vermitteln Sie und wie lange dauert der Unterricht?
Nadine Becher: Die Teilnehmer erfahren, wie Täter sich verhalten. Wir erklären, welche Auffälligkeiten Kinder zeigen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Anzeichen können sein, wenn Kinder sich stark zurückziehen oder mit Aggression reagieren, was sie vorher nicht getan haben. In Rollenspielen lernen die Teilnehmer, Grenzen zu setzen. Die Schulung ist umfangreich, dauert etwa 150 Lehrstunden.
WOCHENBLATT: In welchen Vereinen schulen Sie demnächst, weil sie das Präventionsmodell übernehmen wollen?
Nadine Becher: Der TuS Fleestedt und der TuS Jahn Hollenstedt werden sich anschließen. Die Sportjugend im Kreissportbund Harburg-Land beteiligt sich ebenfalls.
WOCHENBLATT: Das Präventionsmodell bedeutet Mehrarbeit für Ehrenamtliche in Sportvereinen. Denken Sie, dass es dennoch zur Norm in allen Sportvereinen Niedersachsens werden wird?
Nadine Becher: Ich gehe davon aus. Und ich hoffe, dass der Landkreis Harburg Vorreiter sein wird. Es soll keinem Kind schlecht gehen, das ist mein Ziel.

Ein Pass erklärt Kindern ihre Rechte
Kinder und Jugendliche im MTV Ramelsloh erhalten einen Pass, der ihnen ihre Rechte verdeutlicht. Darin steht unter anderem:
• Kein Kind und kein Erwachsener hat das Recht, Dir mit Blicken, Worten, Bildern und Taten zu drohen oder Angst zu machen.
• Dein Körper gehört Dir! Jedes Mädchen und jeder Junge darf selbst bestimmen, mit wem sie/er zärtlich sein möchte.
• Niemand darf Dich gegen Deinen Willen fotografieren, Dich küssen oder Dich in Deinem Intimbereich berühren oder Dich drängen, jemanden anderen zu berühren.
• Hilfe holen ist kein Petzen! Du darfst Dir bei anderen Kindern oder Erwachsenen Hilfe holen. Wenn andere Deine Gefühle verletzen, hast Du ein Recht auf Hilfe! Ein Pass erklärt Kindern ihre Rechte

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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