Es gibt nur noch ganz wenige öffentliche Fernsprecher - und die Telekom hält die Standorte geheim
Der Tod der Telefonzellen

Ist es das einzige Exemplar im Landkreis? WOCHENBLATT-Redakteur Jörg Dammann hat in der Stader Fußgängerzone eine Telefonzelle entdeckt  Foto: jab
  • Ist es das einzige Exemplar im Landkreis? WOCHENBLATT-Redakteur Jörg Dammann hat in der Stader Fußgängerzone eine Telefonzelle entdeckt Foto: jab
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(jd). Sie ist weitgehend aus unserem Stadtbild verschwunden und für junge Menschen klingt allein schon das Wort komisch: Telefonzelle. Die Fernsprechhäuschen - so die 1927 amtlich festgelegte Bezeichnung - sind dem Siegeszug der Handys zum Opfer gefallen. In den ersten Jahrzehnten der jungen Bundesrepublik, als private Telefonanschlüsse noch als purer Luxus galten und Smartphones eine genauso ferne Zukunftsvision wie das Beamen bei "Raumschiff Enterprise" darstellten, war das anders. Damals standen die gelben und später auch im Magenta-Grau der Telekom gestrichenen Münzfernsprechkabinen - auch dieses Wort wirkt wie aus der Zeit gefallen - gefühlt an jeder zweiten Straßenecke. Heute muss man die wenigen öffentlichen Telefone der Telekom regelrecht suchen. Wie eine Leserin aus Buxtehude. Die hatte sich eine Guthabenkarte gekauft, konnte aber bislang nirgendwo in der Estestadt einen öffentlichen Apparat entdecken. Das Skurrile an der Geschichte: Die Telekom weigert sich, die wenigen verbliebenen Standorte bekanntzugeben.

Die gelbe Telefonzelle gibt es nicht mehr
Im April wurde am bayerischen Königsee das deutschlandweit letzte Exemplar abgebaut: Die gelbe Telefonzelle ist endgültig Geschichte. Wie viele grau-magenta-farbene Modelle noch erhalten sind, vermag die Telekom angeblich nicht zu sagen. So mancher aus der nicht ganz jungen Generation erinnert sich gewiss an seine ganz persönlichen Erlebnisse mit dem "TelH78", so die offizielle Bezeichnung der damaligen Bundespost für die gelben Telefonhäuschen.

Darin wurde geknutscht, der Taxiruf gewählt oder mit dem Liebsten fern der Heimat telefoniert, bis der Münzvorrat aufgebraucht war. Nicht selten gab es handfesten Streit, wenn ein Dauertelefonierer trotz Warteschlange partout nicht auflegen wollte. Und wer keinen Regenschirm dabeihatte, flüchtete vor einem plötzlichen Regenguss einfach in die Telefonzelle. Und dann der eigentümliche Geruch: Da es in jedem Fernsprechhäuschen einen Aschenbecher gab, stank es meist nach kaltem Rauch.

Diese Zeiten sind aber schon lange passé: Die Telekom reduzierte die Zahl der Fernsprechhäuschen drastisch und ersetzte viele von ihnen zudem durch kleine Telefonsäulen. Die sind nicht viel mehr als ein Metallpfosten, auf dem eine Tastatur mit Hörer montiert ist. "Basistelefon" nennt die Telekom solche Telefonstelen. Das Verschwinden der öffentlichen Fernsprecher vollzieht sich dramatisch. Betrieb die Telekom Anfang dieses Jahrhunderts noch bundesweit fast 120.000 Telefonzellen oder -säulen, so ist deren Anzahl Anfang 2019 auf 17.000 geschrumpft - Tendenz weiter fallend.

Sind Standorte etwa Betriebsgeheimnis?
Kein Wunder also, dass unsere WOCHENBLATT-Leserin nicht fündig wurde. Sie hatte im Buxtehuder Telekom-Shop eine Telefonkarte erworben. Ohne solch eine Prepaidkarte geht auch an vielen öffentlichen Telefonsäulen nichts mehr. Statt Münzeinwurf funktioniert nur noch bargeldloses Zahlen. "Sicher ist sicher", dachte sich die Frau und wollte für den Fall der Fälle eine Telefonkarte in der Handtasche parat haben. Keine abwegige Überlegung, denn wann würde man zum öffentlichen Telefon greifen? Richtig: Wenn das Handy streikt. Wenn sich dann der Apparat nicht mal mit Münzen "füttern" lässt, hat man doppelt Pech. Wer also für alle Eventualitäten gewappnet sein will, hat eine Telefonkarte dabei.

Doch die nützt eben nur etwas, wenn man weiß, wo sich der nächste Fernsprecher befindet. Und das ist gar nicht so einfach herauszubekommen. Das WOCHENBLATT hakte bei der Telekom nach und bat um Mitteilung der öffentlichen Telefon-Standorte in der Region. Doch Unternehmens-Pressesprecher Pascal Kiel-Koslowski erklärt dazu nur lapidar: "Wir halten keine regionalen Daten mehr zu Telefonzellen für die externe Kommunikation vor." Im Klartext: Die Telekom will die Standorte nicht preisgeben. Gründe dafür werden auch auf erneute Nachfrage nicht genannt.

Auch auf der Homepage der Telekom findet sich keinerlei Hinweis. "Eine Karte bieten wir nicht an", teilt Kiel-Koslowski mit. Und selbst der im Internet kursierende Tipp, es mit Google Maps zu versuchen, brachte nichts: Angezeigt werden nur Telefonsäulen in Hamburg. Aber zumindest in den Städten gibt es noch ein paar. Den Rekord in der Region hält wohl Stade. WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann entdeckte in der Altstadt gleich vier Exemplare, zum Teil nicht mal 200 Meter voneinander entfernt.

Warum die Telekom die Angaben zu den Standorten wie ein Betriebsgeheimnis hütet, ist jedenfalls völlig unverständlich. Aber das kennt man ja von der Telekom: Kundenservice ist dort meist ein Fremdwort.

• Das WOCHENBLATT fragt Sie, liebe Leserinnen und Leser: Wissen Sie, wo im Landkreis noch Telefonzellen oder -säulen stehen? Teilen Sie uns die Standorte (am besten mit Foto) bitte per E-Mail mit: joerg.dammann@kreiszeitung.net


Mindestumsatz50 Euro pro Monat
Die Telekom schiebt die Verantwortung für das Telefonzellen-Sterben auf den Bürger. "Allein der Kunde entscheidet durch sein Nutzungsverhalten darüber, wo und in welcher Anzahl öffentliche Telefone zur Verfügung stehen", erklärt Unternehmenssprecher Pascal Kiel-Koslowski. Wo es sich rechne, würden öffentliche Telefone erhalten bleiben. Als Beispiel nennt der Sprecher Bahnhöfe, Flughäfen und Messegelände.

Laut Telekom gilt im Prinzip folgende Regel: Liegt der Umsatz bei einem Apparat unter 50 Euro pro Monat, wird das Gerät nach Rücksprache mit der Kommune entfernt. Der zu geringe Umsatz sei ein klares Indiz dafür, dass der Wunsch der Bevölkerung nach einer Versorgung mit einem öffentlichen Telefon an einem bestimmten Standort nicht mehr bestehe, so der Sprecher.

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