Nach 52 Jahren ist Schluss
Seltenes Glasbläser-Handwerk verschwindet aus Stade

Auch wenn es weh tut, für Christian und Cornelia Bernschein war es die richtige Entscheidung, jetzt aufzuhören
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jab. Stade. Es ist eine aussterbende Kunst, sagt Christian Bernschein (68), Glasbläser aus Stade, über seine Arbeit. Und nun geht auch in der Hansestadt seine Ära zu Ende. Mit seinen filigranen Glaskunstwerken und seiner Schauwerkstatt hat er immer viele Menschen angelockt, doch jetzt ist damit Schluss. Am Wochenende schließt er sein Geschäft in der Altstadt. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, sagt er. Doch die Corona-Pandemie tat ihr Übriges dazu.

In Norddeutschland gehöre er zu den wenigen Glasbläsern, sagt Bernschein. Selbst in Thüringen, wo das Handwerk noch häufiger vorkommt, werden es insgesamt immer weniger. "Die Geschmäcker ändern sich", meint Bernschein. Viele wüssten diese handwerkliche Arbeit und die damit verbundenen Preise nicht zu schätzen.

Aus einem Hobby wurde ein Beruf

Gelernt hat Bernschein den Beruf des Apparateglasbläsers an der Universität Greifswald. Dort fertigte er wie schon sein Vater Vorrichtungen vor allem für Chemielabore. Später kamen auch welche im medizinischen Bereich hinzu. 1981 gelangte die Familie mit einem Ausreiseantrag aus der DDR in die Bundesrepublik. Ein Jahr später baute sein Vater in Stade die Glasbläserei auf, in der er weiterhin Laborglas herstellte. 1983 zogen sie an ihren jetzigem Standort. Nach elf Jahren übernahm der Sohn dann das Geschäft. Neben den Apparaten, Sonderanfertigungen und dem Durchführen von Reparaturen für die ortsansässige Industrie fertigte er feinstes Kunsthandwerk. Das sei seine Leidenschaft, sagt Bernschein. Gelernt hat er das allerdings nie, es sei aus einem Hobby entstanden.

Aus solchen Glasrohren hat Christian Bernschein seine Kunstwerke gefertigt
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Hergestellt werden die Kunstwerke aus Glasröhren. Nachdem er eine Spitze zum Anfassen geformt hat, kann er in der Flamme das Glas erhitzen. "Glas wird in der Flamme flüssiger als Honig", erklärt Bernschein. Durch ständiges Drehen und Blasen entsteht so jegliche gewünschte Form. "Das ist ein fantastischer Werkstoff", sagt er. Die Farbe erhalten die Stücke durch farbiges Granulat, das in das weiche Glas gewälzt und dann ebenfalls geschmolzen wird. So ist kein Teil wie das andere, jedes ist ein Unikat. Seine Ware verkaufte er nicht nur in seinem Stader Geschäft, auch auf Messen waren sie beliebt. Für Stammkunden verschickte er die gläsernen Stücke sogar bis nach Skandinavien oder in die USA.

Keinen Nachfolger gefunden

Für sein Geschäft hat Bernschein keinen Nachfolger gefunden. Das sei ohnehin schwierig und Corona machte es nicht einfacher. Das letzte Stück, das der Glasbläser in seiner inzwischen ausgeräumten Werkstatt angefertigt hat, war ein Osterei für seine Frau. "Als ich das Gas abgedreht habe und mir bewusst wurde, dass ich das jetzt das letzte Mal gemacht habe - das hat schon gezwickt", erzählt Bernschein. Er weiß, dass es auch noch einmal zwicken wird, wenn er das letzte Mal die Türen abschließt und den Schlüssel abgibt.

Ein Ei wie dieses war das letzte Stück, das Christian Bernschein angefertigt hat - für seine Frau
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Gern hätten er und seine Frau noch ein bis zwei Jahre weitergemacht, gibt Bernschein zu. Allerdings seien sie von den Festen und Touristen abhängig. "Die Erfahrung aus dem ersten Lockdown hat gezeigt, dass die Gäste nicht sofort nach der Öffnung wieder da sind", sagt er. Erst zur Adventszeit seien wieder mehr in das Geschäft gekommen - und dann kam schon der zweite Lockdown. Für dieses Jahr hatte der Glasbläser keine Hoffnung, dass es anders geworden wäre.

Den Ruhestand genießen

Seine Arbeit wird er nicht als Hobby zu Hause weiterführen. Dafür müsste zu viel umgebaut werden. Aber langweilig wird es dennoch nicht. In Haus und Garten sei immer etwas zu tun. Außerdem freuen sich nun auch die sechs Enkel, dass nun mehr Zeit für sie da ist. Wenn es wieder möglich ist, werden die Bernscheins auch wieder auf Reisen gehen.

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Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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