Der lange Weg zur Sichtbarkeit
Wie im Landkreis Stade eine queere Community entsteht

Patrick Tiedemann (v. li.), Amadeus Schwone und Lisa Allers arbeiten gemeinsam, um Räume und Austauschmöglichkeiten für die queere Gemeinschaft in der Region zu schaffen | Foto: pau
  • Patrick Tiedemann (v. li.), Amadeus Schwone und Lisa Allers arbeiten gemeinsam, um Räume und Austauschmöglichkeiten für die queere Gemeinschaft in der Region zu schaffen
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Wer im Landkreis Stade queer aufgewachsen ist, musste früh lernen, dass Sichtbarkeit meist woanders stattfindet: in Hamburg, vielleicht noch in Bremen. In der eigenen Region dagegen gab es lange Zeit kaum Strukturen, wenige Treffpunkte und wenig Raum für Austausch. Amadeus Schwone wollte das ändern.

Aufgewachsen im kleinen Ort Hagenah, kennt er diese Erfahrung. Erste Kontakte zur queeren Community fand er im Internet, später in Hamburg. Zuhause fehlte vieles, was in Großstädten selbstverständlich ist: Netzwerke, Anlaufstellen, Orte der Begegnung. „Der Landkreis Stade war ein queeres Brachland“, sagt der 37-Jährige.

Vom CSD zu Safe Spaces

2021 entschied er sich deshalb gemeinsam mit seinem Partner Patrick Tiedemann, den ersten Christopher Street Day nach Corona in Stade zu organisieren, den zweiten jemals. Was als einmalige Demonstration gedacht war, wurde zum Startpunkt einer Bewegung. Man kam ins Gespräch, Eltern suchten Austausch, junge queere Menschen fragten nach Anschlussmöglichkeiten. Schnell wurde klar: Eine Demonstration allein reicht nicht.

2024 gründeten Schwone und Tiedemann deshalb gemeinsam mit sechs weiteren Engagierten QUEST – Queeres Stade e.V.. Der Verein zählt heute 23 aktive Mitglieder, darunter auch Lisa Allers aus Buxtehude, die das Netzwerk künftig stärker in die Nachbarstadt bringen möchte. QUEST setzt da an, wo es lange im Landkreis fehlte: Es versteht sich bewusst als neutrale Anlaufstelle für die queere Community – unabhängig von Parteien oder politischen Organisationen.

Der Stader CSD gehört weiterhin zum Kern der Arbeit. 2025 nahmen mehr als 750 Menschen teil. Für viele ist die Veranstaltung mehr als ein buntes Fest. Sie zeigt, dass queeres Leben auch im ländlichen Raum sichtbar sein kann. Neben dem CSD organisiert QUEST einen monatlichen Stammtisch „Quasselbunt“, führt Gespräche mit Politik und Verwaltung und setzt Aktionen zur queeren Sichtbarkeit um.

Queere Community feierte buntes Fest in Stade

Engagement zwischen Schutz und Dialog

Doch mit dieser wachsenden Sichtbarkeit kommt auch Gegenwind auf. Immer wieder stoßen die Organisierenden auf Konflikte. Sie sehen sich Pink-Washing gegenüber, eine gängige Praxis, bei der sich Unternehmen und Parteien queerfreundlich zeigen, ohne die Absicht, sich dauerhaft für die Community einzusetzen. Gleichzeitig erleben Schwone und sein Team auch offene Ablehnung und Anfeindungen – online ebenso wie vor Ort.

Ihre Aufgabe sehen sie deshalb auch darin, diese Dynamik abzufangen und Räume zu schützen, in denen sich queere Menschen sicher begegnen können. „Ich sehe mich als Sprachrohr für die queere Community mit den Parteien und der Öffentlichkeit, aber auch als Wellenbrecher“, sagt er. „Ich bin hier um die Community zu verteidigen, aber auch um Brücken zu bauen.“

Ein Herz für die Gemeinschaft

Neben seiner Arbeit für QUEST engagiert sich Schwone auch darüber hinaus – etwa als queere Vertrauens- und Ansprechperson im Sport. Parallel studiert er und arbeitet in Teilzeit als Pflegekraft. Für sein außergewöhnliches Engagement wurde Schwone Anfang dieses Jahres mit der Goldmarie 2026 ausgezeichnet – einer Ehrung des Queeren Netzwerks Niedersachsen.

Mehr als Preise bedeuten ihm allerdings Begegnungen, wie im Jahr 2023 als sich ein Besucher des CSDs bei ihm dafür bedankte, dass er an diesem einen Tag des Jahres nicht das Gefühl hatte, sich verstecken zu müssen. „Das gibt mir Energie“, sagt Schwone. „Ich denke mir dann: Genau für dich habe ich das hier gemacht.“

Die nächsten Projekte stehen bereits fest: ein Drag-Brunch, ein Quadball-Team in Stade und ein queerer Stammtisch in Buxtehude. Schritt für Schritt entsteht so etwas, das lange fehlte: eine sichtbare Community – mitten im Landkreis Stade.

Mehr Informationen zu QUEST unter quest-queeresstade.de/Startseite/

Redakteur:

Pauline Bellmann aus Buxtehude

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