Als die Nordmänner Stade überfielen
Wikinger an der Elbe – verstümmelte Geiseln und Münzen aus dem Orient
- Grimmige Krieger aus dem Norden: So stellen sich die meisten die Wikinger vor. Sie führten aber nicht nur Krieg, sondern trieben auch regen Handel
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Was der Stader Kreisarchäologe Daniel Nösler über die Wikinger an der Niederelbe zu berichten weiß, wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Zeit des frühen Mittelalters - als die Nordmänner die Küsten aufmischten. Wenn die Wikinger heute auftauchen, dann meist auf dem Bildschirm: Laut, wild, mit Axt und Trinkhorn – wie in der Serie Vikings. Aber hinter dem Bild des brandschatzenden Plünderers steckt deutlich mehr, wie der Stader Nösler in seinem Aufsatz „Die Wikinger – Seeräuber und Händler an der Niederelbe“ zeigt.
994: Erste Erwähnung Stades dank der Nordmänner
Der wohl bekannteste Wikingerüberfall in der Region ist zugleich der erste schriftliche Beleg für die Stadt Stade – damals noch Stethu genannt. Der Chronist Thietmar von Merseburg schildert dramatisch, wie nach der Eroberung Stades im Jahr 994 ein Harsefelder Grafensohn entkam, die wütenden Wikinger dafür die verbliebenen Geiseln grausam verstümmelten und sie in die Schwinge warfen. In Harsefeld, wo später das Benediktinerkloster stand, entdeckten Archäologen die Grablege der Grafen, darunter auch jene Opfer des Angriffs. Die Überreste der in der Chronik erwähnten Grafen ruhen noch heute dort – stille Zeugen eines blutigen Kapitels.
Raubzüge und Religionswechsel
Die Zeit um das Jahr 1000 war eine Epoche im Wandel: Im Europa hatte sich das Christentum weitgehend etabliert, doch im hohen Norden prallten noch immer alte und neue Glaubensvorstellungen aufeinander. Manche Wikingerführer ließen sich taufen – nicht selten aus politischem Kalkül – und gaben die neue Religion an ihre Untertanen weiter. Andere hielten an heidnischen Bräuchen fest. Die kriegerischen Herren des Nordens standen am kulturellen Scheideweg. Die von ihnen mitgebrachten Fundstücke – Fibeln, Silbermünzen, Waffen – erzählen davon, wie sich auch ihre Welt wandelte.
Zwischen Schwert und Silber: Handel statt Plünderung
So martialisch die damaligen Geschichten auch sind – es gibt auch eine friedlichere Seite: In Stade und Umgebung wurden nicht nur Schwerter, sondern Münzen gefunden. Solche Münzfunde deuten auf regen Fernhandel hin. Eine Scheibenfibel, gefunden unweit von Horneburg, eine vergoldete Tierfibel aus der Nähe von Ohrensen oder ein wikingerzeitlicher Miniaturanker aus dem damals bedeutenden Handelsplatz Freiburg – sie alle belegen: Es wurde nicht nur geplündert, sondern auch getauscht und gehandelt. Ähnliche Fundstücke wurden in Gegenden entdeckt, in den die Nordmänner seinerzeit ebenfalls unterwegs waren - so etwa im Ostseeraum und in dem von den Wikingern eroberten Teil Englands.
Münze aus dem fernen Persien
Gleichzeitig gelangten Stader Münzen in die Regionen rund um die Ostsee, ins östliche Mitteleuropa und sogar bis nach Island. Dies alles ist ein Beleg dafür, dass die Elbe nicht nur Einfallstor, sondern auch Handelsroute war. Von der Nordsee aus drangen außer Kriegern auch Händler bis tief ins Land vor. Besonders spannend: In Oldendorf entdeckte man eine arabische Münze, ein sogenannter Dirham, geprägt im Jahr 798 in Persien – der Nachweis, dass über Umwege sogar Handelsware aus dem Nahen Osten bis in den Landkreis Stade gelangte.
Silbergewicht als Einheitswährung
Obwohl die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Wikingerzeit längst differenzierter ist, dominiert in der Öffentlichkeit meist noch das Bild der Axt-schwingenden Barbaren. Das sei schade, findet auch Nösler – denn es verzerrt das komplexe Bild der Wikinger, die eben nicht nur Krieg führten, sondern auch regen Handel trieben. Die Münz- und Fibelfunde belegen Kontakte der Niederelberegion zu Wikinger-Handelszentren wie Haithabu oder Birka. Dabei griffen die Wikinger - rund ein Jahrtausend vor der Einführung des Euro - quasi auf ein einheitliches Währungssystem zurück - meist basierend auf dem Silberwert. Sie legten einfach das Gewicht ihrer Geld- und Schmuckstücke zugrunde. Fehlte das nötige Kleingeld, wurden Münzen oder Fibeln zerhackt, um passend zu zahlen. Entsprechende Funde aus der Region weisen auch hier auf Handelskontakte mit skandinavischen Kaufleuten hin.
Und wer weiß: Vielleicht war es tatsächlich ein dänischer Händler, der von den Reichtümern Stades berichtete – und damit Begehrlichkeiten weckte, die zum Überfall von 994 führten. Der Archäologe Daniel Nösler bringt uns diese Welt ein Stück näher – und zeigt, dass selbst ein paar alte Münzen ganze Geschichten erzählen können.
Wer tiefer in das Thema einsteigen will, findet Nöslers vollständigen Beitrag in:
Archäologie in Niedersachsen, Band 28 (2025)
hrsg. von der Archäologischen Kommission
Isensee Verlag, Oldenburg
ISBN 978-3-7308-2238-8
12,90 Euro
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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