Stern des Anstoßes
Stader CDU-Fraktion wehrt sich gegen Gendersternchen

Veränderung unerwünscht: Ein kleiner Stern bringt die Stader CDU-Fraktion auf die Palme
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jab. Stade. Politiker, Politikerinnen und Politiker, Politiker*innen - es gibt viele Möglichkeiten, die Menschen anzusprechen, die in den Ausschüssen und Räten der Stadt Stade sitzen. Alle Formen sind in den Vorlagen zu Sitzungen der Gremien zu finden. Doch die Form mit dem sogenannten Gendersternchen sorgte im Finanzausschuss kürzlich für Entrüstung bei der CDU-Fraktion. Hatte es doch die Verwaltung gewagt, im Titel ihres Antrags aus Gastronomen einfach Gastronom*innen zu machen. Geht gar nicht, fand Karsten Behr (CDU).

Das Thema, um das es gehen sollte, war völlig unstrittig. Die Gastronomie sollte ihre Außenbereiche erweitern dürfen und die Gebühren für Außenflächen entfallen. Dieser Antrag ging einstimmig durch. Im Vorweg aber bestand Behr auf die Änderung zurück zur ursprünglichen Formulierung - "Frauentag hin, Frauentag her". Die Antragstellerin, Melanie Rost, habe sich bewusst für das generische Maskulinum entschieden und auch die Fraktionsvorsitzende Kristina Kilian-Klinge verbitte sich die Formulierung.

"Verhunzung der deutschen Sprache"

Bei der Version mit dem sogenannten Gendersternchen werden alle Geschlechter einbezogen und diese sowohl im Schriftbild sichtbar als auch in der gesprochenen Sprache durch eine kurze Pause, wo das Sternchen steht, hörbar gemacht. Dadurch wollen die Nutzer für mehr Gleichberechtigung sorgen - gerade im politischen Bereich, der immer noch von Männern dominiert wird, ein wichtiges Thema.

Karsten Behr (CDU) sprach das Gendersternchen an
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Behr sieht das allerdings anders: Er ist überzeugt, dass sich durch den Gebrauch des Sternchens nichts an der Situation der Frauen ändert. Behr kritisiert außerdem, dass Wörter mit gesprochenem Sternchen für viele nicht eindeutig zu verstehen seien. "Dafür habe ich kein Verständnis." Das generische Maskulinum sei einfacher in der Handhabung. Und: "Das Gendersternchen ist eine Verhunzung der deutschen Sprache." Er habe etwas dagegen, wenn einem so etwas von irgendeiner Minderheit aufgedrückt werde und jeder, der es dann nicht benutzt, in die frauenfeindliche Ecke gedrückt werde.

Verwaltung setzt auf geschlechtergerechte Sprache

Und wie stehen die übrigen Stader Fraktionen sowie die Verwaltung zu dem Thema? "Wir sprechen uns bei der Verwaltung der Hansestadt Stade ganz eindeutig gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung aus. Außerdem möchten wir alle Menschen ansprechen – egal, ob sie männlich oder weiblich sind oder sich keinem der beiden Geschlechter zugehörig fühlen", sagt Bürgermeister Sönke Hartlef. Dass alle Menschen als gleichwertige Individuen wertgeschätzt werden, will die Verwaltung auch mit Sprache demonstrieren. Daher wurde eine interne Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die sich mit dem Thema der geschlechtergerechten Sprache befasst, um künftig "mit einer Stimme zu sprechen", erklärt der Rathauschef. Heißt: Es soll künftig eine einheitliche Variante in der Ansprache genutzt werden, beispielsweise das Gendersternchen.

Unterschiedliche Meinungen in den Fraktionen

"Ich selbst würde mich freuen, Hinweise auf geeignetere Formulierungen zu bekommen", sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Kai Holm. Er selbst achte seit Jahrzehnten darauf, immer beide Geschlechter anzusprechen oder eine neutrale Formulierung zu wählen. Aber: "Ich bin kein Freund des modernen Gendersternchens." Neutrale Begriffe hemmten den Lesefluss nicht so sehr und würden dennoch Menschen diversen Geschlechts beinhalten.

Ähnlich sieht es auch Carsten Brokelmann, Vorsitzender der WG-Fraktion. Zwar gebe es keine festen Regeln für einen gleichberechtigten Umgang von Frau und Mann in der Sprache in seiner Fraktion. Er selbst tue sich schwer mit dem Sternchen. Er tendiere zur Nennung der weiblichen und männlichen Form.

Etwas anders sieht es Holger Dankers, Fraktionsvorsitzender der Linken. Er selbst hätte die Formulierung der Verwaltung bevorzugt. Und das obwohl er sie für etwas sperrig hält. Außerdem findet er deutliche Worte für die Äußerungen Behrs: "Da der eigentliche Antrag von der Wahl der Formulierung nicht abhing, hätte ich die Korrektur nicht verlangt. Das schien mir doch eher eine Show zum Internationalen Frauentag zu sein."

"Wir lehnen geschriebene und gesprochene Gendersternchen ab", positioniert sich Wolfgang Ehlers Vorsitzender der Gruppe FDP/UBLS/Piraten klar. Und weiter: "Unsere Sprache bietet die weibliche und männliche und sogar die sächliche Form an, um unsere Umwelt zu beschreiben." Aber er gibt zu, dass es für die junge Generation prägend sei, wenn von einigen Berufsgruppen nur die männliche oder weibliche Form genutzt werde. Er plädiert dafür, sich Zeit zu nehmen, um beide Formen oder geschlechtsneutrale Bezeichnungen zu verwenden, um andere Bilder in den Köpfen der Menschen hervorzurufen. "Um so vielleicht langfristig eine andere Beteiligung der Geschlechter an verschiedenen Berufsgruppen zu erzeugen."

Von der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Dr. Barbara Zurek gab es bis Redaktionsschluss keine Rückmeldung.

Reaktion der CDU-Fraktionsvorsitzenden

Die CDU-Fraktion setzt sich im nur mit Männern besetzten Finanzausschuss der Stadt Stade gegen gendergerechte Sprache zur Wehr - und das auch noch am Internationalen Frauentag. Das ist schon einen Aufreger wert. Grund war, dass die Verwaltung in einer Überschrift der Tagesordnung zu einem Antrag der Fraktion das Wort Gastronomen mit einem Gendersternchen versehen hat. Gastronom*innen: mehr als nur ein Ärgernis für die Fraktion, wie es schien. "Damit möchten wir nicht in Verbindung gebracht werden", sagte Karsten Behr (CDU) deutlich.

Vor diesem Hintergrund stellte das WOCHENBLATT Anfragen an die Vorsitzenden der Fraktionen, um ihre Meinungen zu dem Thema zu hören. Auch an die CDU-Fraktionsvorsitzende Kristina Kilian-Klinge wurde die Anfrage verschickt, damit sie Stellung zu den Aussagen ihres Fraktionskollegen beziehen kann. Die Antwort: Zwei Din-A4-Seiten mit insgesamt 4.705 Zeichen. Ausreichend Stoff also, um aussagekräftige Zitate zu generieren. Von wegen! Denn die Politikerin erklärte sich nicht damit einverstanden, aus ihrem überbordenden Statement Teile zu zitieren oder die Abhandlung gar zusammenzufassen. Damit wäre aber allein schon ihre Erklärung größer als die allermeisten Artikel im WOCHENBLATT.

CDU-Fraktionsvorsitzende Kristina Kilian-Klinge verbietet Zitate und Zusammenfassungen ihres Statements
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Pressearbeit geht anders

Da stellt sich ernsthaft die Frage, ob Kilian-Klinge als Fraktionsvorsitzende auf dem richtigen Posten sitzt. Schließlich sollte sie in der Lage sein, auch zu komplexen Themen sachliche und prägnante Aussagen zu tätigen. Denn das beinhaltet schließlich die Pressearbeit: verständlich und pointiert Sachverhalte in geeigneter Kürze wiederzugeben.

Das Angebot, das WOCHENBLATT darf zitieren, dafür wird alles komplett online veröffentlicht, schlug Kilian-Klinge im Übrigen aus. Zu einer Kürzung ihres Statements sah sie sich nicht in der Lage. Dass so eine Zusammenarbeit von Politik und Presse nicht aussehen kann und sollte, versteht sich von selbst.

Nur wenig Frauen gehen in die Politik
"Professix" statt Professorin wird es nicht geben
Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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