Nicht gefährlich, sondern nützlich
Appell des Landkreises Stade: Bitte lasst die Spinnen leben!
- Eine Kreuzspinne baut sich ein Netz
- Foto: Hans-Joachim Schaffhäuser
- hochgeladen von Jörg Dammann
Sie sitzen am Fenster, lauern zwischen Sträuchern und spannen über Nacht ihre Netze quer durch den Garten: Derzeit kann man schnell Bekanntschaft mit Spinnen machen. Für Menschen, die Angst haben vor den achtbeinigen Krabbeltieren, ist das keine schöne Vorstellung. Doch der Landkreis Stade gibt Entwarnung: Die heimischen Spinnenarten sind nicht nur harmlos – sie machen sich sogar ausgesprochen nützlich. Statt die armen Tierchen mit Staubsauger oder Zeitung zu verfolgen, gibt es gute Gründe, sie gewähren zu lassen.
Plötzlich hängt sie mitten im Weg
Ein unbedachter Schritt durch den Garten – und schon klebt das Spinnennetz im Gesicht. Gerade jetzt im Frühherbst sind die kunstvollen Netze der Gartenkreuzspinne überall an Häusern, in Gärten und in der freien Natur zu entdecken. Die Tiere selbst können durchaus stattliche Ausmaße erreichen. Weibchen werden bis zu 18 Millimeter lang und gehören damit zu den größten heimischen Spinnen. Die Männchen bringen es dagegen lediglich auf etwa zehn Millimeter. Unverwechselbar ist das helle Kreuz auf dem Hinterleib. Bei der übrigen Färbung zeigt sich die Gartenkreuzspinne hingegen flexibel: Sie kann ihre Grundfärbung an die Helligkeit ihrer Umgebung anpassen.
Giftig? Ja. Gefährlich? Nein.
Und dann wäre da noch die Frage, die sich vermutlich so mancher stellt, wenn eine Kreuzspinne plötzlich in Augenhöhe hängt: Kann die beißen? Grundsätzlich setzen Spinnen tatsächlich Gift ein, um ihre Beute zu betäuben oder zu töten. Angst haben muss deshalb aber niemand. Die in der Region vorkommenden Arten sind nach Angaben des Landkreises für Menschen ungefährlich. Bei Gefahr treten die Tiere normalerweise ohnehin den Rückzug an oder verfallen in eine sogenannte Schreckstarre und stellen sich tot. Nur in sehr seltenen Fällen kann eine Gartenkreuzspinne einen Menschen zwicken. Das kann zwar schmerzhaft sein, bleibt aber folgenlos.
„Spinnen sind für uns Menschen als biologische Insektenfänger unersetzlich“, sagt Dr. Uwe Andreas, Leiter des Amtes für Naturschutz. Gleichzeitig stehen die Achtbeiner selbst auf dem Speiseplan vieler Vögel, Amphibien und Säugetiere und sind damit ein wichtiger Bestandteil der biologischen Vielfalt.
Für die Männchen, nicht für die Menschen tödlich
Richtig gruselig wird die Geschichte ohnehin nicht für den Menschen, sondern für das Spinnenmännchen. Während der Paarungszeit im August beginnt für die deutlich kleineren Herren eine lebensgefährliche Mission. Das Männchen spinnt zunächst einen sogenannten Bewerbungsfaden an das Netz seiner Angebeteten und zupft daran. Signalisiert das Weibchen Paarungsbereitschaft, kommt es zur Paarung. Doch statt anschließend gemeinsam den Sonnenuntergang zu genießen, nimmt die Romanze nicht selten ein ziemlich abruptes Ende: Die wesentlich größeren Weibchen fressen ihre Partner häufig nach der Paarung auf.
Im Herbst legt das Weibchen seine Eier in gelblichen Kokons ab und stirbt anschließend. Der Nachwuchs überwintert gut geschützt und schlüpft im April oder Mai.
Ein Netz, das Stahl Konkurrenz macht
Mindestens ebenso erstaunlich ist das Material, aus dem die Spinnen ihre Netze bauen. Die Gartenkreuzspinne kann unterschiedliche Fäden herstellen – stabile für das Grundgerüst, klebrige zum Beutefang, feine Seide für die Kokons und elastische Fäden für die Fangspirale. Letztere lassen sich laut Dr. Andreas auf etwa das Dreifache ihrer ursprünglichen Länge dehnen. Deshalb übersteht ein Netz häufig sogar den Aufprall eines fliegenden Insekts, ohne zu zerreißen.
Und Spinnenseide kann noch mehr: Bezogen auf ihr Gewicht ist sie viermal belastbarer als Stahl, wasserfest und biologisch abbaubar. Kein Wunder, dass Wissenschaftler versuchen, das Geheimnis dieses Naturmaterials zu entschlüsseln. Denkbar sind technische und medizinische Anwendungen – sogar für kugelsichere Westen ist das Material interessant. Ganz geknackt ist das Geheimnis der Achtbeiner allerdings nicht. Die komplexe Proteinstruktur und die richtige Mischung der Eiweißmoleküle der natürlichen Spinnfäden stellen die Forschung weiterhin vor Herausforderungen.
Wer also in diesen Tagen wieder einmal mitten durch ein Spinnennetz läuft, kann sich zumindest damit trösten: Was da gerade unangenehm im Gesicht klebt, ist ein kleines technisches Meisterwerk der Natur. Und dessen Erbauerin möchte mit uns Menschen normalerweise genauso wenig zu tun haben wie mancher Mensch mit ihr.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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