Diskussion um einen Namen
Ein Landkreis mit Namen Harburg, der nicht zu Hamburg gehört

Ein Artikel der Harburger Anzeigen und Nachrichten über das von den Nazis gefeierte "Groß-Hamburg-Gesetz" | Foto: Kreisarchiv Landkreis Harburg
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  • Ein Artikel der Harburger Anzeigen und Nachrichten über das von den Nazis gefeierte "Groß-Hamburg-Gesetz"
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Ein Landkreis in Niedersachsen, der den Namen eines Hamburger Stadtteils trägt, führt bei Ortsunkundigen zu Unverständnis und auch beim WOCHENBLATT teilweise zu fehlgeleiteten Anfragen und Ankündigungen. "Warum heißt der Landkreis Harburg immer noch so?", will ein WOCHENBLATT-Leser aus Neu Wulmstorf zu Recht wissen. "Die ganze Sache mit dem Namen reicht in die 1930er Jahre zurück,  warum kann man nicht einmal darüber nachdenken, unseren Landkreis z.B. in Landkreis Nordheide oder Landkreis Niederelbe umzubenennen?", meint er und verweist auf die seit fast 90 Jahren existierenden Zuständigkeiten in Buchholz und Winsen.

Auch wenn die Forderung verständlich ist und eine Namensänderung manche Irritation und Diskussion ausräumen könnte, nennt Landrat Rainer Rempe auf WOCHENBLATT-Anfrage dennoch gute Gründe, die gegen eine Umbenennung des Landkreises Harburg sprechen: 
"Es gab schon mehrere politische Vorstöße, über eine Umbenennung nachzudenken – zuletzt vor neun Jahren. Bürgerinnen und Bürger wurden damals aufgefordert, ihr Votum abzugeben, mit dem klaren Ergebnis, dass sich eine Mehrheit für den Beibehalt des bisherigen Namens ausgesprochen hat.
Nach meiner Erfahrung würde es zudem schwierig werden, einen Namen zu finden, der den gesamten Landkreis repräsentiert – wir sind eben viel mehr als Heide und Elbe.
Unabhängig davon wäre eine Umbenennung mit Aufwand und Kosten verbunden, zum Beispiel für Änderungen von Logos, Homepages, Formularen und Beschilderungen. Diese kämen nicht nur auf die Kreisverwaltung zu, sondern auch auf manch Institution und Gesellschaft, die „Landkreis Harburg“ im Namen trägt.
Insofern denke ich, können wir alle gut mit dem historisch gewachsenen Namen leben. Und über die eine oder andere Nachfrage oder Verwechslung kommt man im Zweifel mit den Menschen ins Gespräch und klärt sie über unseren schönen Landkreis und seine Besonderheit auf", so Rempe.

Die Artikel über die Bürgerbefragung und die Ergebnisse lesen Sie hier: 

Neuer Name für den Landkreis Harburg? Jetzt ist Ihr Votum gefragt!
Es bleibt bei "Landkreis Harburg"

Das WOCHENBLATT sprach für einen Artikel vom Januar 2017 mit dem damaligen Kreisarchivar Dr. Martin Kleinfeld über den historischen Hintergrund der Namensgebung.

Demnach war der ursprüngliche „Regierungssitz“ des Kreises nicht in Winsen, sondern in Harburg. Dass die Kreisverwaltung heute in Winsen sitzt, geht maßgeblich auf ein Ereignis zurück: das am 26. Januar 1937 mit Wirkung vom 1. April erlassene "Groß-Hamburg-Gesetz".
„Durch das 'Groß-Hamburg-Gesetz' wollte das Nazi-Regime Hamburg als zentrale Wirtschaftseinheit der Region etablieren“, erklärte Dr. Martin Kleinfeld damals. Federführend bei der Reform sei Hermann Göring gewesen, der in der Doppelfunktion als preußischer Ministerpräsident und Verantwortlicher für den Vierjahresplan die Wirtschaft der Nazidiktatur kriegstauglich machen sollte. Dabei habe auch der Buchholzer Otto Telschow (Gauleiter Lüneburg/Stade) eine wichtige Rolle gespielt.
Das "Groß-Hamburg-Gesetz" sah die Eingemeindung der preußischen Städte Altona und Wandsbek vor. Auch die Stadt Harburg fiel an Hamburg, außerdem weitere zum Landkreis Harburg gehörende Gemeinden: Altenwerder, Finkenwerder, Fischbek, Francop, Gut Moor, Kirchwerder, Langenbeck, Marmstorf, Neuenfelde, Neugraben, Neuland, Rönneburg, Sinstorf sowie die rechts der Elbe gelegenen Teile der Gemeinde Over.
Im Gegenzug trat Hamburg Geesthacht und Cuxhaven an Preußen ab. Mit dem Nazi-Gesetz wurde ein „Wunsch“ realisiert, den Hamburg schon länger hegte. Bereits in den 1920er Jahren gab es Pläne das Stadtgebiet auszudehnen, die aber immer am Nachbarn Preußen gescheitert waren.

Unter den Nazis war das anders. Quasi mit einem Federstrich wurde die Reform durchgeführt. Öffentlicher Protest sei undenkbar gewesen, erklärte Kleinfeld. Allerdings sei in der damaligen Landkreis-Presse unter linientreuen Schlagzeilen „Heil Dir, Groß-Hamburg!“ (Harburger Anzeigen und Nachrichten, 31. März 1937 ) auch oft von „Wehmut“ und „Abschiedsschmerz“ geschrieben worden (Winsener Nachrichten, 31. März 1937).

Mit dem "Groß-Hamburg-Gesetz" verlor der Landkreis Harburg fast 24 Prozent seiner Bevölkerung und sieben Prozent des Kreisgebiets, während Hamburg seine Fläche um 80 Prozent vergrößerte und die Bevölkerung um 450.000 Personen anstieg.

Als Hintergrund, dass Winsen nicht schon damals Kreisstadt wurde, erläuterte Kleinfeld: Als das "Groß-Hamburg-Gesetz" erlassen wurde, habe sich der Landkreis Harburg noch immer von einer unter preußischer Herrschaft durchgeführten Reform erholt, nämlich dass der Kreis Winsen 1932 dem Landkreis Harburg zugeschlagen wurde.
Die Nachwehen dieser Reform, die vor allem in der Stadt Winsen auf Widerstand stieß, reichten bis zum "Groß-Hamburg-Gesetz". Damals unternahm man in Winsen den erneuten Versuch, den alten Kreis Winsen zu re­s­ti­tu­ie­ren oder wenigstens die Kreisstadt nach Winsen zu verlegen. Doch wie schon 1934, als Gauleiter Otto Telschow diese Bestrebungen im Keim erstickte, scheiterte man auch 1937.

Ausschlaggebend dafür, dass Winsen später doch Kreisstadt wurde, war laut Kleinfeld vor allem, dass Harburg auch nach dem Krieg bei Hamburg blieb. So sei die Kreisverwaltung in Harburg bereits im Krieg durch Bomben zerstört worden. Der erste britische Besatzungsoffizier, Major Alan Douglas Seddon, hatte dennoch den Befehl, dort die neue Kreisverwaltung aufzubauen. Doch dazu kam es nicht. Mit den Zerstörungen konfrontiert soll Seddon, so ist es überliefert, zu seinem Fahrer gesagt haben: „Fahren Sie zurück in die kleine Stadt, die wir zuletzt passiert haben (Winsen). Dort etablieren wir uns.“ So wurde Winsen schließlich Kreisstadt. Den alten Namen Landkreis Harburg behielt man dennoch bei.

Ein Artikel der Harburger Anzeigen und Nachrichten über das von den Nazis gefeierte "Groß-Hamburg-Gesetz" | Foto: Kreisarchiv Landkreis Harburg
Die Wappen oder Logos des Landkreises haben sich im Laufe der Jahrzehnte geändert. Der Name ist geblieben
Redakteur:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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