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Filigran-Handwerker "mit Biss": Querschnittsgelähmter Günther Kensik (65) aus Stade wurde gefragter Hobby-Uhrmacher

Seine Hände sind taub und unbeweglich: Günther Kensik bewegt seinen Schraubendreher mit den Zähnen Fotos: tp
 
Günther Kensik führt die Zange mit dem Mund

"Vor lauter Ideen rennt mir die Zeit davon"

tp. Stade. Der Wechsel von Sommer- auf Winterzeit, bei der wir in der Nacht auf Sonntag, 29. Oktober, die Uhr um eine Stunde zurückstellen, ist auch für Günther Kensik (65) aus Stade ein besonderes Datum: Das Haus des Sammlers ist voller Uhren. Doch eben schnell den Zeiger mit dem Finger drehen, ist für ihn nicht möglich. Durch einen tragischen Unfall vor rund vier Jahrzehnten ist er vom fünften Halswirbel abwärts querschnittsgelähmt und braucht rund um die Uhr Pflege. Angesichts seines schweren Handicaps verbringt der ehrgeizige Frührentner wahre Wunder: Er setzt Uhren mit feinster Mechanik instand. In der Liebhaber-Szene genießt der Hobby-Uhrmacher hohes Ansehen.

"Alle meine Werkzeuge sind abgekaut", sagt Günther Kensik und zeigt die abgenutzten Griffe seiner Schraubendreher und Zangen, die er mit den Zähnen festhält und mit geschickter Bewegung des Unterkiefers bedient. Seine Finger, die mit Ausnahme des rechten Daumens weitgehend taub und gelähmt sind, bewegt er mit den wenigen verbliebenen intakten Teilen seiner Schulter- und Armmuskulatur. Durch jahrelanges Üben kann er seine Hände so für grobe Tätigkeiten unterstützend einsetzen.

Durch den Halswirbelbruch, den Günther Kensik im Sommer 1975 bei einem unüberlegten Kopfsprung in einen Ziegelei-Teich bei Fredenbeck erlitt und sein Leben von einer Sekunde auf die andere grundlegend veränderte, gewann der frühere Tischler eine neue Einstellung zur Zeit. "Als ich bewegungslos und in Panik im Wasser trieb und zu ertrinken drohte, glaubte ich schon, meine Lebensuhr sei abgelaufen", erinnert sich Kensik. Doch ein Verwandter rettete ihn und das Schicksal breitete vor ihm ein neues, anderes Leben aus.

Der damals junge Familienvater verbrachte ein Dreivierteljahr in der Reha-Klinik in Berlin, ehe er zu seinem damals noch kleinen Sohn (heute 46) und seiner inzwischen verstorbenen Ehefrau Silvia (56†) im Rollstuhl nach Stade zurückkehrte. Seine Frau hielt nach dem Schicksalsschlag treu zu ihm und schenkte ihm einen weiteren Sohn (32) und eine Tochter (28). In dem nach Günther Kensiks Plänen umgebauten Haus und verbrachte die Familie ein weitgehend normales Leben, unternahm mit dem ebenfalls nach seinen Entwürfen umgestalteten Wohnwagen Urlaubsreisen ans Meer, in die Berge und immer wieder nach Ungarn.

"Nicht nur beim Reisen ließ ich mir keine Grenzen setzen", sagt der zielstrebige Vollblut-Handwerker, der vor seinem Unfall die Tischler-Meisterschule besuchte. Nach dem Unglück brachte er sich das Malen selbst bei, führte den feinen Haarpinsel mit dem Mund. Seine fotografisch anmutenden Gemälde von Urlaubszielen und der Landschaft der Stader Geest zieren die Wände des Wohnhauses.

Nach einem Jahrzehnt suchte der Autodidakt, der nach eigenem Bekunden "immer neue geistige Anregung braucht", die nächste Herausforderung und ließ seine alte Leidenschaft für Uhren aufleben: "Als Tischler-Lehrling kam ich viel auf Dörfern herum und bekam so manche defekte Bauernuhr geschenkt." So hatten sich bei ihm Dutzende Dachbodenfunde angesammelt.

Mit Feinmechanikerwerkzeug, das ihm Freunde maßgeschneidert umbauten, setzte er damit die teils wertvollen und antiken Chronographen wieder In Gang. Mit dem dem "richtigen Biss" gelingen dem Hobby-Handwerker sogar anspruchsvolle Sägearbeiten an Uhrengehäusen. "Ich muss irgendetwas besser können als andere", sagt Kensik, dem die der Dank und Bewunderung von Freunden über eine gelungene Reparatur Lohn genug sind.

Auch Günther Kensik wird sich den Wecker stellen, um morgen in aller Früh seine Uhren und Winterzeit umzustellen. Bei den kleinen Taschen- und Armbanduhren hilft ihm seine Pflegerin. Die großen Zeiger der Stand- und Wanduhren dreht er selbst mit einem Stock. Die Aktion dauert ein paar Stunden.

"Du hast doch alle Zeit der Welt", hätten Freunde und Bekannten schon oft seine besondere Lebenslage kommentiert, sagt Kensik. Doch sie haben offenbar Unrecht: "Ich habe tausende Ideen im Kopf, die ich noch verwirklichen will. Nachts liege ich deshalb stundenlang wach und versuche, meine Gedanken zu ordnen", so Kensik. "Ich brauche doch für fast alles ein Vielfaches länger als ein gesunder Mensch", bedauert er: "So rennt auch mir die Zeit davon."

• Wer zum Thema Uhren Rat sucht, meldet sich unter Tel. 04141 - 3862 bei Günther Kensik.