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Zwölf Quadratmeter Menschenwürde in Stade

In der Küche der Notunterkunft: Ortsbürgermeister Horst Deede (li.) mit Valeri Zimmermann und dessen Lebensgefährtin Raisa Martjan
 
Rosa Vorhang über dem Matratzenlager: Raisa Martjan mag es romantisch

Endlich weg vom Fredenbecker Weg: Obdachlose zeigen ihre neuen Wohnungen an der B73

tp. Stade. Raisa Martjan (36) kocht das Mittagessen auf dem blitzblank polierten E-Herd in der mit einem Plastik-Weihnachtsbäumchen und bunter Wachsdecke dekorierten Küche, ihr Lebensgefährte Valeri Zimmermann (44) sitzt am Esstisch und trocknet Geschirr: Beinahe idyllisch leben sie zusammen - doch das Zuhause des aus Kasachstan stammenden Pärchens ist die neue städtische Obdachlosenunterkunft mit einem Dutzend Behelfswohnungen an der Bundesstraße B73, Nummer 200, in Stade-Wiepenkathen. Nach mehreren Jahren, in denen die Hartz-IV-Empfänger in den baufälligen Nachkriegsbaracken am Fredenbecker Weg lebten, spüren die beiden dort „endlich wieder ein bisschen Würde“.

„Man fühlt sich wieder wie ein Mensch“, fügt ihr Nachbar André Sacramento (35) beinahe euphorisch hinzu. Exklusiv im WOCHENBLATT zeigen die drei Wohnungslosen ihre zwölf Quadratmeter großen Not-Apartments. Mit Ortsbürgermeister Horst Deede, der ihnen einen Neujahrsbesuch abstattete, sprechen sie über ihre bescheidenen Wünsche für das neue Jahr.

Romantisch mag es Raisa Martjan, die nach einer Scheidung obdachlos wurde: Über dem Matratzenlager, das sie den von der Behörde zur Verfügung gestellte Etagenbetten vorzieht, schwebt ein rosafarbener Rüschenvorhang. Plüschtiere und Püppchen sind die Zimmergefährten der zweifachen Mutter. Sie vermisst ihre Töchter (elf und 15), die bei ihrem Ex-Mann, beziehungsweise in einer Pflegefamilie leben. Die reinliche Hausfrau, die bislang auch einzige Frau in der neuen Noteinrichtung ist, hält ihr kleines Zimmer sowie die Damen-Sanitärräume und die Gemeinschaftsküche penibel sauber. Nicht zuletzt wegen der komfortablen Gasheizung fühlt sich Raisa Martjan an der B73 „viel wohler“ als am Fredenbecker Weg, wo sie in den vergangene Wintern mit Holz heizen musste.

Der erwerbslose Arbeiter Valeri Zimmermann, der zuletzt als Turnhallenhausmeister jobbte, zog nach sieben Jahren am Fredenbecker Weg Anfang Dezember als einer der Ersten freiwillig an die B73. Der theoretisch möglichen Doppelbelegung seines engen Zimmers steht er skeptisch gegenüber. Mit Stahlspind, Tisch, Stuhl und einer blauen Kunstledercouch, über der ein Ikonen-Bild prangt, ist der kleine Raum komplett ausgefüllt.

Der zwei Meter große Hüne, der nicht in die Stockbetten passt, schläft notgedrungen auf dem für ihn immer noch viel zu kurzen Sofa: „Du brauchst ein richtiges großes Bett“, sagt Bürgermeister Horst Deede fürsorglich. Er will sich für ihn  nach einem passenden gebrauchten Schlafmöbel umschauen. Valeri Zimmermann, der nach eigenen Angaben wegen Schulden obdachlos wurde, bekommt von Bürgermeister Deede den Rat, das Beratungsangebot des Herbergsvereins für Wohnungslose und Schuldner in Anspruch zu nehmen.

„Ich habe früher zu viel gekifft und bin deshalb bei meinen Eltern rausgeflogen“, gibt André Sacramento (35) unumwunden zu. Der gelernte Kunststofftechniker ist seit fünf Jahren obdachlos. Sein Mini-Appartement hat er sich mit Fernseh- und Musik-Ecke gemütlich eingerichtet und gibt an, das seine Ansprüche in Anbetracht der Notlage erfüllt sind. Er kritisiert allerdings, dass bereits nach wenigen Wochen die Herrentoiletten stark verschmutzt sind.

Trotz der deutlichen Verbesserung der Lebensqualität wünschen sich die am Rand der Gesellschaft Gestrandeten nichts sehnlicher als eine eigene richtige Wohnung. Doch nach ihren übereinstimmenden Erfahrungen fällt die Suche schwer: Grund sei unter anderem die mit einem schlechten Ruf behaftete bisherige Wohnadresse am Fredenbecker Weg gewesen, wegen der sie von potenziellen Vermietern bislang nur Absagen erhielten. Auch die Bundesstraße 200 werde bald als „Wohnsitz mit Makel“ bekannt sein, befürchtet André Sacramento. Die einzige bisherige Alternative, das Multi-Kulti-Quartier Altländer Viertel, habe er als Wohnort übrigens abgelehnt: „Aus diesem Stadtteil kommt man in Stade beinahe genau so schlecht wieder heraus wie aus einer Obdachlosenunterkunft.“ Er hofft auf entscheidende Besserung seiner Lage, wenn in absehbarer Zeit die von der Stadt angekündigte Sozialbetreuung an der B73 beginnt.

Kommentar: Wohnadresse mit Stigma bleibt
Endlich hat die Stadt Stade begonnen, Obdachlose vom Fredenbecker Weg an die Bundesstraße 200 umzusiedeln. Trotz der Verbesserung der Lebensqualität - auch an der neuen Adresse haftet voraussichtlich schon bald der alte Makel, und die als sozial nicht kompatibel und zahlungsunfähig stigmatisierten Bewohner werden deshalb weiterhin Probleme haben, auf dem ersten Wohnungsmarkt eine Wohnung zu finden. Eine Lösung ist die dezentrale Unterbringung an „normalen“ Adressen im Stadtgebiet - Politik und Verwaltung haben angekündigt, diesen Weg beschreiten zu wollen. Ein Glück für die Betroffenen.
Thorsten Penz