Durchgefallen im Abitur
"An der Spitze gekratzt"

5,5 Prozent der niedersächsischen Abiturienten fielen durch das Abitur. Bei manchen Schulen in den Landkreisen Harburg und Stade war die Durchfallquote deutlich höher als in den Vorjahren
  • 5,5 Prozent der niedersächsischen Abiturienten fielen durch das Abitur. Bei manchen Schulen in den Landkreisen Harburg und Stade war die Durchfallquote deutlich höher als in den Vorjahren
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Schulleiter bewerten die Ergebnisse an ihren Schulen unterschiedlich.

(bim/ce/jab/jd/mum/os/ts).
In diesen Tagen gibt es für mehr als 36.000 niedersächsische Schüler das Abiturzeugnis - zumindest waren so viele Schüler angetreten. Da sich in Niedersachsen die Durchfallquote innerhalb der vergangenen zehn Jahre mit 5,5 Prozent beinahe verdoppelt hat, stellt sich die Frage, wie sich die Schüler in den Landkreisen Harburg und Stade gemacht haben. Oder anders gefragt: Wie viele Teenager sind durchgefallen?
• Am Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) in Buchholz fielen in diesem Jahr von 128 Schülern sieben durchs Abitur - so viele wie nie zuvor. Zwölf Schüler gingen in die Nachprüfung, dabei fielen vier durch. Der scheidende Schulleiter Hans-Ludwig Hennig führt die hohe Durchfallquote auf die "größere Heterogenität" in der Schülerschaft zurück. Es gebe in der Breite ein anderes Potenzial als früher: "Wir können an den Schulen zwar fördern, aber nicht alle Defizite ausgleichen", betont Hennig. Zudem werde der Ton gerade von Eltern rauer. Es bestehe ein zunehmender Anspruch, dass die Kinder das Abitur schaffen sollen, und das bei sinkendem Niveau.
• An der Integrierten Gesamtschule Buchholz (IGS) wurden in diesem Jahr erstmals Abiturprüfungen abgelegt. Dabei fanden 15 Nachprüfungen statt, drei Schüler schafften das Abi nicht. "Wir sehen das gar nicht negativ, weil wir einen anderen Anspruch haben als die Gymnasien", betont IGS-Leiter Holger Blenck. Anspruch der IGS sei es, alle Schüler zum für sie bestmöglichen Abschluss zu führen. "Manche haben an der Spitze gekratzt und es nicht ganz geschafft, aber trotzdem ihr Ziel erreicht", so Blenck. Sie verließen die Schule mit der Fachhochschulreife. Von 121 Schülern wurden 108 für das Abitur zugelassen, 105 kamen durch.
• "Bei uns gab es keine Abweichungen zu den Vorjahren", berichtet Armin May, Leiter des Gymnasiums am Kattenberge in Buchholz. Bei fünf Schülern ging es in Nachprüfungen um Bestehen oder nicht Bestehen - nur ein Schüler fiel dabei durch. Insgesamt bestand der Abiturjahrgang aus 147 Schülern.
• Von insgesamt 80 angetretenen Schülern bestanden am Gymnasium Salzhausen 73 das Abitur. Fünf Schüler mussten dafür in die Nachprüfung, weil sie entweder in den Fächern des Prüfungsblocks weniger als die erforderlichen 100 Punkte gesammelt oder in zwei Fächern weniger als fünf Punkte hatten. Der Abi-Durchschnitt liegt bei 2,43. "Wir haben ein individuell sehr unterschiedliches Leistungsspektrum. Der Notendurchschnitt und auch die Entwicklung der Abiturientenzahlen sind aber keinesfalls besorgniserregend", erklärt Jens Peter, kommissarischer Schulleiter des Gymnasiums.
• Am Gymnasium Meckelfeld waren 60 Schüler zu den Abiturprüfungen zugelassen. 56 von ihnen haben das Abitur bestanden, vier nicht. Zwölf Nachprüfungen wurden abgehalten. Die Zahl der Nachprüfungen und der Schüler, die bei den Prüfungen durchgefallen sind, falle in diesem Jahr "leicht höher" aus, bewege sich aber langfristig gesehen im üblichen Maß, sagt Schulleiter Hans-Christian Höhne. Der Abiturdurchschnitt am Gymnasium Meckelfeld liegt in diesem Jahr bei 2,46.
• Zum ersten Mal wurde an der IGS Stade die Prüfung zum Abitur abgelegt. 64 Abiturienten nahmen an den Prüfungen teil, von denen es schließlich 62 geschafft haben. Insgesamt fünf Schüler mussten allerdings noch einmal zur Nachprüfung antreten. "Wir sind dennoch mit dem Ausgang sehr glücklich", so der Schulleiter Jörg Moser-Kollenda. Von diesen Nachprüflingen schafften es zwei nicht, im Nachhinein ihre Note zu retten.
• An der Halepaghen-Schule in Buxtehude versuchten sich 133 Schüler an den Abiturprüfungen. Sieben davon bestanden die schriftlichen Prüfungen nicht und mussten noch einmal in die Nachprüfung, bevor sie zur mündlichen Prüfung zugelassen worden wären. Allerdings konnte keiner der sieben Schüler in der zweiten Prüfungsrunde überzeugen.
• Für das Gymnasium Süd in Buxtehude gab es nur knappe Auskünfte der Schulleitung. Zu den Abiturprüfungen meldeten sich 107 Schüler an. Von ihnen dürfen nun 102 Prüflinge ihre Abiturzeugnisse mit nach Hause nehmen. Fünf Schüler schafften die geforderten Aufgaben nicht.
• Die vier anderen allgemeinbildenden Gymnasien im Landkreis Stade gaben keine Auskunft. Auch die Schulleiterin des Vincent-Lübeck-Gymnasiums in Stade ließ die konkreten Fragen zu den Nachprüfungen unbeantwortet, ebenso wie ihre Kollegin vom Aue-Geest-Gymnasium in Harsefeld. Dort hieß es seitens des Oberstufenkoordinators, dass man Zahlen über nicht bestandene Abiprüfungen als Schulinterna betrachte. Keine Rückmeldung gab es auch vom Leiter des Stader Athenaeums. Lediglich der Oberstufenkoordinator erklärte, dass Angaben zu den Abiprüfungen der Datenschutzgrundverordnung unterliegen würden.
• Das Gymnasium Tostedt lieferte bis zum Redaktionsschluss am Freitagmorgen trotz mehrfacher Nachfragen keine Zahlen. Dabei fand dort am Freitag die Entlassungsfeier statt.

Moment mal
Was für ein Armutszeugnis
Warum hüllen sich einige Schulleitungen in Schweigen? Um den Datenschutz kann es nicht gehen. Das WOCHENBLATT hat rein statistische Zahlen abgefragt, aus denen sich keinerlei Rückschlüsse auf einzelne Schüler ableiten lassen. Wer den Anspruch erhebt, junge Menschen zu mündigen Bürgern zu erziehen, sollte selbst mit gutem Beispiel vorangehen und der Presse die angeforderten Informationen liefern. Laut Internetseite der Landesschulbehörde heißt es, Schulen seien nicht nur verpflichtet, Pressevertretern die gewünschten Auskünfte zu erteilen. Die Zusammenarbeit mit den Medien werde als Teil der Öffentlichkeitsarbeit sogar ausdrücklich gewünscht.
Indem die Schulleitungen mehrerer Gymnasien sich weigern, unsere Anfrage zu beantworten, verletzen sie ihre Informationspflicht gegenüber der Presse und stellen sich in Sachen Transparenz damit selbst ein Armutszeugnis aus.
Jörg Dammann

Auf ein Wort
Ist der Anspruch der Eltern zu hoch?
Nicht jeder Schüler muss heute Abitur haben und studieren

Unsere Übersicht verschafft zwar einen Überblick, wie viele Schüler das Abitur nicht geschafft haben. Allerdings gibt sie keine Auskunft darüber, warum es nicht zur Hochschulreife gereicht hat. Schulleiter Hans-Ludwig Hennig sagt, "es bestehe ein zunehmender Anspruch, dass die Kinder das Abitur schaffen sollen, und das bei sinkendem Niveau". Mit anderen Worten: Immer mehr Schüler werden auf das Gymnasium geschickt, obwohl eine andere Schullaufbahn besser für sie wäre. Tatsächlich scheint es so, dass ein guter bis sehr guter Realschulabschluss für manche Eltern weniger wert ist als ein durchschnittliches bis schlechtes Abitur.
Ich kann das nicht verstehen. Jeden Tag höre ich, dass es immer schwieriger wird, einen Handwerker zu finden. Auch im Bereich Dienstleistung klagen Chefs über Nachwuchssorgen. Daher frage ich mich, muss denn wirklich jeder das Abitur machen und studieren? Als Vater wünsche ich meinen drei Söhnen vor allem, dass sie später einen Beruf ausüben, der sie glücklich macht. Ich glaube nicht, dass sie dafür das Abitur haben müssen. Wohl aber eine vernünftige Schulausbildung - und genau darin liegt das Problem. Die Gymnasien sind total überfüllt. Die beiden Buchholzer Gymnasien besuchen jeweils deutlich mehr als 1.200 Schüler. Auch die Gesamtschule ist auf dem besten Weg dorthin. Das sind schon mittelständische Unternehmen. Doch wie sinnvoll ist das für eine individuelle Förderung der Schüler? Dazu kommt noch der Ausfall von Schulstunden, weil Lehrer krank, auf Klassenreise oder Fortbildung sind - oder es einfach zu wenig gibt.
Wie sehr sich der Wegfall der Schullaufbahnempfehlung (2015) auf das Abitur auswirkt, wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, wenn vielleicht noch mehr Schüler ohne entsprechende Empfehlung sich am Abitur versuchen.
Noch ein Gedanke: Auf der einen Seite mag es gut sein, dass Eltern und Schüler bei der Schulwahl die große Auswahl haben. Gymnasium, Gesamtschule, Oberschule mit beziehungsweise ohne gymnasialen Zweig, Real- und Hauptschule sowie die Freien Schulen in Buchholz, Kakenstorf und Seevetal - wer sich nicht regelmäßig mit den Konzepten der einzelnen Bildungseinrichtungen beschäftigt, verliert schnell die Übersicht. Ein Schnupper-Tag hilft da auch nicht weiter. Ich frage mich, ob man das nicht vereinfachen kann.
Zum Schluss: Wir alle - Eltern, Schüler und Lehrer - müssen uns einfach darauf einstellen, dass die Jugend von heute komplett anders tickt als vor ein paar Jahren.
Sascha Mummenhoff

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