Schulwahl nach der vierten Klasse
Gymnasium um jeden Preis?

Erschöpft über den Hausaufgaben: Fachleute warnen davor, Kinder dauerhaft zu überfordern | Foto: tml
  • Erschöpft über den Hausaufgaben: Fachleute warnen davor, Kinder dauerhaft zu überfordern
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Tage der offenen Tür, Schnupperunterricht, Informationsabende: Zurzeit präsentieren sich viele weiterführende Schulen in der Region. Für Familien mit Viertklässlern stellt sich damit eine wichtige Frage: Wohin geht es nach der Grundschule? Häufig fällt der Blick zuerst auf das Gymnasium. Doch entscheidend ist nicht der Wunsch, sondern ob die Schulform wirklich zum Kind passt. Nicht jede Schulform ist für jedes Kind geeignet. „Wichtig ist vor allem die Motivation der Kinder“, sagt Stefan Birkner, Schulleiter des Gymnasiums Tostedt, im Gespräch mit dem Wochenblatt. Schülerinnen und Schüler sollten Lust auf Lernen und Entdecken haben und bereit sein, sich auch bei schwierigen Themen anzustrengen. Am Gymnasium werde erwartet, dass Kinder zunehmend selbstständig arbeiten und auch dann dranbleiben, wenn ein Thema nicht sofort gelingt. „Man darf Kinder nicht unterfordern, aber auch nicht überfordern“, betont Birkner. Nach seiner Erfahrung unterschätzen Eltern manchmal den Leistungsanspruch. Dabei gehe es nicht darum, welche Schulform den besten Ruf habe. „Es gibt viele gute Schulen und verschiedene Wege“, sagt der Schulleiter. Auch Real- und Oberschulen leisteten gute Arbeit. Zudem seien Bildungswege heute deutlich durchlässiger als früher. Wechsel zwischen Schulformen seien möglich. „Es ist nichts in Stein gemeißelt.“

Grundschulen beraten Eltern

Auch Grundschulen begleiten Familien bei der Entscheidung über die weiterführende Schule. Lehrkräfte führen Gespräche mit Eltern und geben eine Einschätzung zur weiteren Schullaufbahn. Schulleiterin der Grundschule Heidenau Dagmar Heins erlebt dabei häufig, dass Eltern ihre Kinder anders einschätzen als Lehrkräfte, die sie täglich im Unterricht erleben. Beratungsgespräche seien deshalb wichtig, um gemeinsam auf Stärken, Lernverhalten und Belastbarkeit zu schauen. „Wichtig ist, dass Kinder dort lernen, wo sie Erfolgserlebnisse haben und sich entwickeln können. Das Kind soll sich langfristig wohlfühlen“, sagt Heins.

Wenn schulischer Druck zur Belastung wird

Dass Leistungsdruck viele Kinder beschäftigt, zeigen Studien. Laut dem Deutschen Schulbarometer der Robert Bosch Stiftung machen sich 59 Prozent der Schülerinnen und Schüler zumindest manchmal Sorgen, in der Schule keine guten Leistungen zu erbringen.

Bleiben Erfolgserlebnisse dauerhaft aus, kann sich das auf Motivation und Selbstvertrauen auswirken. Manche Kinder entwickeln Angst vor Klassenarbeiten oder verlieren die Freude am Lernen. Auch Kopf- oder Bauchschmerzen, Schlafprobleme oder Konzentrationsschwierigkeiten können Anzeichen für Stress sein. (Quelle: Techniker Krankenkasse)

Erfolg auch ohne Gymnasium

Dass berufliche Wege auch außerhalb des Gymnasiums erfolgreich sein können, zeigt der Neu Wulms-#+torfer Tischler Fabian Ahlf. Der 27-Jährige hat selbst den erweiterten Realschulabschluss und gründete vor drei Jahren seine eigene Firma.

Bei der Auswahl seiner Auszubildenden achtet er weniger auf Schulabschlüsse als auf praktische Fähigkeiten. „Der Abschluss sagt nichts über handwerkliches Talent aus“, sagt Ahlf. Auf eine Lehrstelle bewerben sich im Schnitt etwa zehn Interessenten. Wer Einsatz zeigt, hat gute Entwicklungsmöglichkeiten.

Gymnasium, Real- oder Hauptschule: Am Ende zählt nicht der Name der Schule, sondern dass Kinder ihren eigenen Weg finden.

Die Schulform muss passen!
Ergebnisse der WOCHENBLATT-Umfrage

Die Mehrheit der Teilnehmer einer WOCHENBLATT-Umfrage auf WhatsApp ist sich einig: Die Schulform sollte in erster Linie zu den Fähigkeiten eines Kindes passen. Mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer stimmten für diese Antwort. Nur wenige halten das Gymnasium grundsätzlich für die beste Wahl.

Im Schulalltag zeigt sich jedoch oft ein anderes Bild. „Eltern haben manchmal eine andere Einschätzung als Lehrkräfte“, sagt Grundschullehrerin Dagmar Heins. Während Eltern ihr Kind vor allem aus dem familiären Umfeld kennen, erleben Lehrerinnen und Lehrer die Kinder täglich in Lern- und Arbeitssituationen in der Klassengemeinschaft. Dadurch entstehen unterschiedliche Einschätzungen über die passende Schulform.

„Viele Eltern sagen: ‚Mein Kind ist schlau, also gehört es aufs Gymnasium‘“, berichtet Heins. Entscheidend seien jedoch auch Arbeitsverhalten, Belastbarkeit und Motivation. „Lieber ein Kind hat auf einer passenden Schulform gute Noten, als dauerhaft überfordert zu sein.“ Die Ergebnisse der WOCHENBLATT-Umfrage zeigen jedoch, dass viele Eltern inzwischen genau diesen Gedanken teilen – ein Schritt hin zu einer Schulwahl, die sich stärker am Kind orientiert.

Redakteur:

Tina Lüecke aus Buchholz

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