Krankenhausbelastung berücksichtigen
Politiker und Mediziner diskutieren über Neudefinition des Inzidenzwerts

Manche meinen, dass die Belastung der Krankenhäuser berücksichtigt werden sollte, bevor Geschäfte, Tierparks, Schulen und Kindergärten wieder geschlossen werden
  • Manche meinen, dass die Belastung der Krankenhäuser berücksichtigt werden sollte, bevor Geschäfte, Tierparks, Schulen und Kindergärten wieder geschlossen werden
  • Foto: Krankenhaus Buchholz
  • hochgeladen von Thomas Sulzyc

(ts). Müssen die Corona-Lockerungen zurückgenommen werden, weil die Infektionszahlen in vielen Regionen Deutschlands steigen und Inzidenzwerte vielerorts die Grenze von 100 überschreiten? Politiker und Mediziner diskutieren ein Abrücken vom Inzidenzwert als alleinigem Kriterium für Corona-Lockerungen. In Niedersachsen hat der stellvertretende Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Bernd Althusmann (CDU) vorgeschlagen, den Inzidenzwert in Zusammenhang mit dem Fortschritt der Impfungen und der Teststrategie zu einem gewichteten Risikowert zu entwickeln. Ein wichtiger Maßstab dabei solle die Belegung und Kapazität der Krankenhäuser sein. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat das abgelehnt.
Ein Blick auf die Anzahl der an COVID-19 erkrankten Patienten in den Krankenhäusern Buchholz und Winsen seit Anfang des Jahres zeigt, dass bei unterschiedlich hohen Inzidenzwerten die Bettenbelegung dennoch stabil bleibt. In der Regel wurden von Januar bis März 2021 insgesamt zwischen zehn und 20 Patienten mit Corona-Infektionen in den beiden Krankenhäusern des Landkreises Harburg behandelt.
Am 17. März, belegten insgesamt zwölf Menschen mit einer Corona-Infektion Betten in den Krankenhäusern im Landkreis Harburg (Inzidenzwert an diesem Tag: 83,3). Am 17. Februar belegten bei einem niedrigerem Inzidenzwert von 54,24 insgesamt 19 Menschen mit einer COVID-19-Erkrankung Krankenhausbetten. Am 17. Januar, mussten sich 17 Menschen mit einen schweren Verlauf der Corona-Infektion in den Krankenhäusern behandeln lassen (Inzidenz an diesem Tag: 63,3).
War die Zahl der COVID-19-Patienten in den Krankenhäusern im Landkreis Harburg seit Ausbruch der Pandemie so hoch, dass von einer Gefahr der Überlastung der Kliniken die Rede sein konnte? Dabei darf nicht vergessen werden, dass Patienten mit anderen Erkrankungen als COVID-19 und Verletzungen medizinisch versorgt werden müssen.
Die Krankenhäuser seien weitgehend ohne Aufnahmestopps für Rettungswagen ausgekommen, sagt der Ärztliche Leiter am Krankenhaus Buchholz, Dr. Christian Pott. Allerdings auch, weil geplante Behandlungen auf eine spätere Zeit verschoben wurden. "An ganz wenigen Tagen, teilweise auch nur für Stunden, hatten wir komplette Aufnahmesperren." Die Intensivstationen seien bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit belegt gewesen, hätten aber funktioniert, berichtet Dr. Christian Pott.
Und was hält der Mediziner von der Idee, den Inzidenzwert neu zu berechnen und das Maß der Krankenhausbelegung einzubeziehen?
Grundsätzlich hält es Dr. Christian Pott plausibel, die Corona-Beschränkungen von der Leistungsreserve des Gesundheitssystems abhängig zu machen. Allerdings kämen die kranken Menschen in der Regel Wochen nach dem Inzidenzanstieg erst in die Kliniken, so dass dann eingeleitete Maßnahmen spät wirksam würden. Außerdem träten lokal immer wieder nicht vorhersehbare Infektionsausbrüche, gegenseitige Ansteckungen in gemeinsamen Gruppen, auf, die auch bei niedriger Inzidenz zu schwerwiegend Belastungen führen können. "Eine Antwort auf die Frage ist kompliziert", sagt Christian Pott. "Ich würde mir wünschen, dass das von guten Virologen und Statistikern möglichst rational entschieden wird."

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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