Droht der Koop-Klasse in Buxtehude das Aus?
Eltern und Lehrer schlagen Alarm
- Der stellvertretende Schulleiter Fabian Lentz (li). und Lebenshilfe-Geschäftsführer Sebastian Beck
- hochgeladen von Nicola Dultz
Verzweifelte und fassungslose Eltern, Lehrer und Kinder in Buxtehude: Nach rund 20 Jahren, in denen behinderte und nicht behinderte Kinder in der Koop-Klasse an der Stieglitzschule Buxtehude gemeinsam unterrichtet wurden, soll das erfolgreiche Konzept jetzt beendet werden - so zumindest lautete die Aussage beim ersten Kontakt der Betroffenen mit dem WOCHENBLATT, die anschließend von allen befragten Lehrerinnen, der Lebenshilfe und zunächst auch der Hansestadt Buxtehude bestätigt wurde.
Hansestadt betont Fokus auf Inklusion
Kurz vor Redaktionsschluss dann die Rolle rückwärts - eine Woche nach der schriftlichen Anfrage per Mail und zwei Tage nach einem persönlichen Gespräch des WOCHENBLATT mit der zuständigen Fachbereichsleiterin Gaby Wehrens, dreht die Hansestadt Buxtehude das Ruder um und gibt ganz neue Informationen bekannt.
Die Situation: Im Rahmen des Masterplans Grundschulen plant die Hansestadt umfangreiche Umstrukturierungen inklusive Sanierungen und Neubauvorhaben. Das hat zur Folge, dass die Hansestadt nicht garantieren kann, dass die Koop-Klasse in den folgenden vier Jahren so weiter bestehen wird. So zumindest der Tenor im persönlichen Gespräch mit Gaby Wehrens, das sich inhaltlich auch mit den Aussagen, die u.a. die Lebenshilfe gegenüber dem WOCHENBLATT machte, deckt.
"Wir richten unseren Fokus auf Inklusion", erklärte Gaby Wehrens. "Richtlinie der Hansestadt ist, dass Inklusion eine Selbstverständlichkeit in der Gesellschaft ist, während das Konzept der Koop-Klasse eher auf Integration setzt." Kinder mit Förderbedarf seien im Masterplan durchaus bedacht worden – unter anderem seien kleinere Klassen und wohnortnahe Inklusion denkbar. "Konkret können wir erst planen, wenn wir wissen, welchen Förderbedarf die jeweiligen Kinder haben."
Erfolge des Konzepts: Gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf seit über 20 Jahren
Die betroffenen Eltern und Lehrer sind entsetzt: "Das ist der Obergau", sagt Klassenlehrerin Almut Walkers von der Stieglitzschule. "Seit mehr als 20 Jahren arbeiten wir in unserem Koop-Team mit viel Herzblut und sehr erfolgreich Hand in Hand. Und wir können durchaus Erfolge vorweisen." So haben nicht nur behinderte Kinder lesen, schreiben und rechnen gelernt, sondern auch Regelschulkinder mit kurzzeitigem Förderbedarf hätten individuell und erfolgreich unterstützt werden können. Die rund sechs Kinder mit Förderbedarf pro Zyklus (immer vier Jahre) werden von zwei pädagogischen Fachkräften der Lebenshilfe, Daniela Klensang und Doris von Pels, individuell betreut, nehmen aber – wo immer es geht – am Regelklassenunterricht teil.
Raumnot an der Stieglitzschule: Container-Lösung und Alternativräume im Gespräch
"Dass wir von zwei Mitarbeiterinnen der Lebenshilfe unterstützt werden, ist auch für uns eine große Erleichterung", sagt Bianca Prigge, Rektorin der Stieglitzschule. Sie räumt allerdings ein, dass ein zweiter Raum zur Verfügung stehen muss und an der Schule Raumnot und ein hoher Sanierungsbedarf besteht. Aus diesem Grund hatte die Lebenshilfe allerdings schon angeboten, Container zur Verfügung zu stellen, und die Klassenlehrerin Walkers stellte die Möglichkeit in Aussicht, den Musikraum als zweiten Raum für die Koop-Klasse zu nutzen.
"Lia wurde so gut gefördert, dass sie Realschulniveau erreichte", bestätigt Kim Brunner, Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom. "Wir kennen beide Konzepte – Inklusions- und Koop-Klasse. Letztes ist bei Weitem effektiver." Auch Regelschüler profitieren von dem Konzept. "Die Kinder erhalten ein hohes Maß an emotionaler Bildung", sagt Ruth Staudenmayer, deren zwei Söhne beide die Koop-Klasse besuchten. "Für sie ist es ganz normal, dass es unterschiedliche Menschen gibt, beide respektieren andere Menschen und können sich gut auf andere einstellen." Die Auflösung der Koop-Klasse sei ein Riesen-Rückschritt, so das Urteil von Ruth Staudenmayer.
Sieben neue Anmeldungen – Lebenshilfe fühlt sich übergangen
Aktuell haben sich sieben Eltern bei der Lebenshilfe gemeldet, die ihre Kinder in der Koop-Klasse anmelden wollten. "Für uns ist das natürlich bitter, ihnen das erfolgreiche Konzept nicht mehr anbieten zu können", bedauern Sebastian Beck, Geschäftsführer der Lebenshilfe, und Fabian Lentz, stellvertretender Schulleiter der Kalle-Gerloff-Schule (auch Lebenshilfe). Beide hätten sich gewünscht, bei der Entscheidung hinzugezogen und nicht nur informiert worden zu sein. "Wir haben kurz vor Weihnachten von dem Entschluss der Hansestadt erfahren", sagt Fabian Lentz. "Das hat uns als Betroffenen allen das Fest verdorben."
Aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung in der Arbeit mit behinderten Menschen bezweifeln Beck und Lentz, dass ein neues Inklusionskonzept besser funktioniert als die seit Jahren bewährte Koop-Klasse. "Von den sieben Kindern mit Förderbedarf werden jetzt voraussichtlich fünf eine Regelklasse besuchen. Es ist fraglich, ob die Lehrkräfte diesen Aufwand leisten können", sagt Sebastian Beck. Die beiden anderen Kinder werden voraussichtlich in der Kalle-Gerloff-Schule eingeschult. So großartig diese Schule auch sein mag – ihnen wird damit die Möglichkeit der Inklusion genommen, nämlich eine Regelschule zu besuchen, sich an nicht behinderten Kindern zu orientieren und lesen, schreiben und rechnen zu lernen.
Rolle rückwärts kurz vor Redaktionsschluss: Stadt widerspricht Eindruck eines beschlossenen Aus
Mittwochnachmittag, eine Woche nach der ersten Mail des WOCHENBLATT an die Hansestadt, nachdem der Artikel für die Printversion fertiggestellt war und die Zeitung bereits für den Druck vorbereitet wurde, schickte die Hansestadt Buxtehude eine Mail mit einer ganz neuen Sicht auf die Dinge: Die Hansestadt wolle dem Eindruck entgegentreten, dass sie die treibende Kraft sei, die seit über 20 Jahre bewährte Kooperation mit der Lebenshilfe zu beenden, heißt es jetzt. Vorausgegangen sei eine Diskussion über das Fortbestehen der Koop-Klasse am Standort der Stieglitzschule für weitere vier Jahre. „Die bewährte Kooperation zwischen Lebenshilfe und Schule haben wir als Stadt immer unterstützt. Das werden wir auch weiterhin tun, wenn die beiden Partner sich einig sind, die Kooperationsklasse weiter zu betreiben“, heißt es jetzt in der Mail. „Diese Kooperation hat in Buxtehude eine lange Tradition und hat sich auf dem Wege zur Inklusion als gutes Beispiel bewährt", sagt Gaby Wehrens jetzt. Die Frage einer neuen vertraglichen Vereinbarung ausschließlich mit dem Masterplan Grundschulen zu verknüpfen, sei schwierig, zumal in diesem Zuge auch Raumbedarfe mit jeder Schule erörtert worden sind. „Wir stehen für Gespräche bereit, um für die Buxtehuder Kinder eine Lösung zu finden,“ so Wehrens.
Kommentar
Damit scheint das Aus der Koop-Klasse doch noch gar nicht beschlossen zu sein, wenn sich Grundschule und Lebenshilfe einig sind. Laut WOCHENBLATT-Recherchen war das jedoch gar keine Frage - lediglich die Rektorin hatte auf die Raumnot hingewiesen, von der jedoch - das ist bekannt - alle Schüler und nicht nur die Koop-Schüler betroffen sind. Dieses Problem sollte ja gerade durch den Masterplan Grundschulen gelöst werden - wobei die Lösung nicht heißen kann, einfach eine Gruppe von Kindern auszuschließen. Das gibt übrigens auch die Rechtslage nicht her, aufgrund der behinderte Kinder nicht vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden dürfen.
Die Frage ist: Warum hat die Hansestadt Buxtehude nicht schon bei der ersten Mail vom WOCHENBLATT Klartext gesprochen und darauf verwiesen, dass das Problem gar nicht bei ihr liege, sondern mit der Antwort bis zum Redaktionsschluss gewartet? Dann hätte das WOCHENBLATT sowohl die Rektorin der Grundschule als auch den Geschäftsführer der Lebenshilfe dazu befragen können. Und warum wurde das WOCHENBLATT zu einem persönlichen Gespräch gebeten, in denen inhaltlich etwas ganz anderes gesagt, als später per Mail geschrieben wurde?
Redakteur:Nicola Dultz aus Buxtehude |
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