„Hier machen wir Männer aus Ihnen“
Fotografin zeigt was Weiblichkeit bei der Bundeswehr bedeutet
- Teresa Halbreiter zeigt in dem Hamburger Ausstellungsraum, was Weiblichkeit in der Bundeswehr bedeutet
- Foto: David Löffler
- hochgeladen von Pauline Bellmann
Betondicke Kasernenmauern, NATO-Draht-Zäune, Kompanien in Camouflage – die Bundeswehr ist für viele Menschen heute eine Welt, mit der sie selbst kaum noch Berührungspunkte haben. Hinter verschlossenen Toren gelten eigene Regeln. Dort leben und arbeiten auch Tausende Frauen. Doch wer sind sie? Wie sieht ihr Alltag in einem Umfeld aus, das lange ausschließlich Männern vorbehalten war und in dem Leistung, Disziplin und Einheit bis heute eine zentrale Rolle spielen?
25 Jahre nach der Öffnung der Streitkräfte für Frauen hat die in Buxtehude aufgewachsene Fotografin Teresa Halbreiter genauer hingeschaut. In eindrucksvollen Porträts und Aufnahmen aus der Kaserne zeigt sie Soldatinnen zwischen Uniform und Individualität, Kameradschaft und Ausgrenzung, Anpassung und Selbstbehauptung. Ihre Protagonistinnen berichten von Anerkennung und Zusammenhalt, aber auch von sexuellen Übergriffen, Vorurteilen und dem ständigen Ringen um ihren Platz in einer Männerdomäne.
Für ihre Arbeit wurde Teresa Halbreiter, die nun in Lüneburg lebt, mit dem „European Student Award“ der renommierten „Sony World Photography Awards 2026“ ausgezeichnet. Die Bilder der ausgebildeten Dokumentarfotografin waren in London zu sehen und sind noch bis Sonntag, 14. Juni, in der Hamburger Galerie Am Sandtorpark 6 ausgestellt. Im Interview mit dem WOCHENBLATT spricht sie über ihr Projekt.
WOCHENBLATT: Wie haben Sie das Thema "Weiblichkeit in der Bundeswehr” für sich entdeckt?
Teresa Halbreiter: Ich habe mit einem Umzug in die Nähe einer Kaserne festgestellt, dass viele Frauen in meinem Alter oder jünger nach dem Wochenende vom Bahnhof zurück in Richtung Kaserne laufen. Zudem habe ich in der Zeit zu Beginn meines Projektes viele Werbeplakate der Bundeswehr wahrgenommen, auf denen unter anderem große Karrierechancen für Frauen in einer gleichgestellten Welt angepriesen wurden. Diesen Aussagen wollte ich gerne nachgehen.
Feministische Themen interessieren mich schon lange. Zusätzlich zu meiner Distanz bezüglich der Thematik Bundeswehr war dies Grund genug, mich intensiver mit der Thematik auseinanderzusetzen und meine Recherche zu starten.
WOCHENBLATT: Wie liefen Recherche und die Ausführung des Projektes ab?
Teresa Halbreiter: Es hat lange gedauert, bis ich den Zugang bekommen habe. Ich habe schnell festgestellt, dass ich mit dem einfachen Ansprechen von Soldatinnen auf der Straße zu nichts komme. Niemand war bereit, mit mir zu reden, ohne das offizielle Einverständnis von oben.
Über drei Monate habe ich immer wieder versucht, Kontakt zu der Pressestelle aufzunehmen. Nach vielen E-Mails und Anrufen hatte ich irgendwann ein gutes Gespräch mit dem offiziellen Presseoffizier, der mich an den Oberstleutnant weiterempfahl. Daraufhin wurde ich eingeladen, mich und mein Projekt vor der gesammelten Belegschaft an weiblichen Soldatinnen und ihm vorzustellen. Zum Glück meldeten sich daraufhin einige der Soldatinnen bei mir und wollten Teil des Projektes werden.
"Hier machen wir Männer aus Ihnen!"
- Oberfeldwebel B. in ihrer Umstandsuniform im 8. Monat schwanger.
- Foto: Teresa Halbreiter
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WOCHENBLATT: Gab es einen Moment während der Arbeit, der bei Ihnen hängen geblieben ist oder Sie überrascht hat?
Teresa Halbreiter: Mir ist besonders der Satz hängen geblieben, der mir von einer Soldatin mit vollständiger Selbstverständlichkeit erzählt wurde. Bei der Begrüßung ihrer Grundausbildung vor ein paar Jahren wurden sie und die zwei weiteren weiblichen Soldatinnen mit dem Satz begrüßt: „Hier machen wir Männer aus Ihnen!“ Dieses Zitat ist mir im Kopf geblieben, weil es so wortwörtlich meine Ausgangsfrage nach der Suche nach Weiblichkeit in der Bundeswehr beantwortet. Weiblichkeit wird kein Raum gegeben.
WOCHENBLATT: Wie haben Sie die Aushandlung von Weiblichkeit in der Bundeswehr in Ihrer Arbeit erzählt?
Teresa Halbreiter: In meiner Arbeit habe ich mich bewusst gegen die zu erwartende Darstellung einer gesamten Kompanie beziehungsweise der Armee entschieden. Ich wollte den Betrachtenden ermöglichen, den Frauen in die Augen zu schauen, ihre Mimik und Gestik bewusst wahrzunehmen und einen Einblick in ihre Gedankenwelt zu gewähren.
WOCHENBLATT: Ihre Ausstellung in Hamburg wird ergänzt durch ein durch ein Buch? Welche Einblicke können Besucherinnen und Besucher daraus gewinnen?
Teresa Halbreiter: Das Buch setzt sich tiefgreifend mit der Thematik auseinander. Es bindet Hintergrundfakten über die Öffnung der Streitkräfte – die sich dieses Jahr zum 25. Mal jährt – ein, zeigt den Anteil von Frauen in der Bundeswehr auf und erzählt ausschnitthaft von den Erfahrungsberichten der Frauen.
Ich habe einige der Zitate aus den Interviews mit den Soldatinnen in Bilder übersetzt sowie schriftlich eingebunden. Ich wollte die schockierenden Infos, die ich innerhalb der Gespräche gesammelt hatte, den Betrachtenden nicht vorenthalten.
Zusätzlich wird das Buch durch einige meiner Fragen, die ich gestellt habe, sowie durch ein persönliches Statement ergänzt. Dieser Teil soll darauf hinweisen, dass es sich nicht um ein rein journalistisches Projekt handelt, sondern dass ich mit bewusst ausgewählten Fragen in das Projekt reingegangen bin.
- Das Auge des Panzers (groß) und Hauptgefreiter S. während ihrer Grundausbildung
- Foto: pau
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Weiblichkeit ist alles was die Person ausmacht – was sie für sich als weiblich definiert. Ich bin selbst sehr gerne mehr Lady im Privaten. [...] Eine Kämpferin kann aber genau so sehr Weiblichkeit ausdrücken. Es kommt immer darauf an, wie sich die Person fühlt. – Anonymer Interview-Auszug mit einer Soldatin aus dem Begleitbuch zur "Stillgestanden"
WOCHENBLATT: Wie war es für Sie, in diesem Umfeld als „eingeladene Außenstehende“ reinzuschauen?
Teresa Halbreiter: Ich habe gemerkt, dass ich (die Einzige in Zivil innerhalb der Kaserne) versucht habe, so wenig wie möglich aufzufallen. Im Nachhinein stellte ich fest, dass ich bei den folgenden Treffen oft in schlichter Kleidung, sogar mit grüner Jacke, erschien und habe mich gefragt, wieso sogar ich mich direkt versuche anzupassen.
Es war außerdem sehr befremdlich für mich, neben dem Presseoffizier, der den Dienstgrad des Hauptmanns trug, entlangzulaufen und von niedrigeren Dienstgraden salutierend mit den Worten: „Hauptmann!“ begrüßt zu werden.
WOCHENBLATT: Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Protagonistinnen im Job wie im Privaten?
Teresa Halbreiter: Meine Protagonistinnen waren alle sehr offen mir gegenüber. Sie haben mir alle sehr ehrlich erzählt, wie ihre persönlichen Erfahrungen innerhalb ihrer Bundeswehrjahre waren. Auffällig war, dass sie innerhalb der Kaserne, vor den Augen und Ohren des Presseoffiziers, ganz anders gesprochen haben als im privaten Umfeld.
Mir ist wichtig, dass sie nicht nur als das unterrepräsentierte Geschlecht in der „Schule der Männlichkeit“ wahrgenommen werden, sondern dass man ihnen in die Augen schaut und sie als einzelne Menschen wahrnimmt. – Teresa Halbreiter
- Eine Soldatin in ihrer vollständigen Gefechtsuniform mit Waffe und Munition. Sie wirkt beinahe wie eine Figur in einem Computerspiel.
- Foto: Teresa Halbreiter
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WOCHENBLATT: Hat sich Ihr Blick auf das Thema verändert im Laufe der Arbeit?
Teresa Halbreiter: Meine Einstellung zu dem Thema hat sich tatsächlich leicht verändert. Während des Projektes hat etwas in mir stattgefunden, sodass ich der Berufsgruppe nicht mehr ausschließlich mit Distanz begegne. Ich sehe die Bundeswehr nicht mehr nur in Schwarz und Weiß.
Ich habe die Personen hinter dem NATO-Drahtzaun kennengelernt, ihnen ins Gesicht geschaut und ihre Beweggründe und Ziele kennengelernt. Auch wenn wir absolut unterschiedliche Wertevorstellungen haben, begegne ich der Thematik mittlerweile mit ein wenig mehr Offenheit.
Sie stehen in meiner Arbeit stellvertretend für die Frauen innerhalb dieses Systems. Mir ist wichtig, dass sie nicht nur als das unterrepräsentierte Geschlecht in der „Schule der Männlichkeit“ wahrgenommen werden, sondern dass man ihnen in die Augen schaut und sie als einzelne Menschen wahrnimmt. – Teresa Halbreiter
- Ein ständiges gegenseitiges Kräftemessen
- Foto: Teresa Halbreiter
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WOCHENBLATT: Was bedeutet es für Sie und auch das Thema, dass die Arbeit international ausgezeichnet wurde?
Teresa Halbreiter: Für mich bedeutet es wahnsinnig viel, dass die Arbeit gesehen wird und auch diesen Award im Rahmen der Sony World Photography Awards 2026 erhalten hat. Ich habe niemals damit gerechnet, eine solche Auszeichnung für die Arbeit zu erhalten, und war überwältigt und sehr geehrt.
Vor allem aber freut es mich, dass die Frauen als Individuen gesehen werden. Sie stehen in meiner Arbeit stellvertretend für die Frauen innerhalb dieses Systems. Mir ist wichtig, dass sie nicht nur als das unterrepräsentierte Geschlecht in der „Schule der Männlichkeit“ wahrgenommen werden, sondern dass man ihnen in die Augen schaut und sie als einzelne Menschen wahrnimmt.
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Das gesamte Projekt zeigt Teresa Halbreiter unter anderem unter www.teresahalbreiter.com
Redakteur:Pauline Bellmann aus Buxtehude |
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