Erfolgreich und glücklich im Rollstuhl
Wie zwei Freunde aus Ahlerstedt Menschen mit Behinderung neue Mobilität schenken
- Rouven Albrecht (li). und Bajo Tomfohrde
- hochgeladen von Nicola Dultz
Ein Moped-Unfall veränderte das Leben von Rouven Albrecht komplett. Heute sagt der 39-Jährige: „Ich weiß nicht, ob ich ohne den Unfall so zufrieden geworden wäre.“ Gemeinsam mit seinem Freund Bajo Tomfohrde hilft er Betroffenen dabei, mobil, selbstständig und aktiv zu bleiben – und zeigt, welche Möglichkeiten es heute gibt.
Was für die meisten Menschen eine Horrorvorstellung wäre, wurde für Rouven Albrecht zu einem völlig neuen Lebensweg. Mit 16 Jahren verunglückte der Ahlerstedter schwer mit seinem Moped. Seitdem ist er ab dem zweiten Brustwirbel querschnittsgelähmt, auf den Rollstuhl angewiesen - und mit seinem Leben rundum zufrieden. Die Frage, an seinem Schicksal zu verzweifeln, habe sich ihm nie gestellt. Unter anderem, weil er immer tolle Menschen um sich hatte. „Rouven war immer mit dabei“, erinnert sich sein langjähriger Freund und heutiger Geschäftspartner Bajo Tomfohrde. Ob Diskothek, Ausflug oder gemeinsam Blödsinn machen – wenn ein Gebäude nicht barrierefrei war, trugen ihn seine Freunde kurzerhand hinein. Ausgrenzung gab es praktisch nicht.
Eine weitere Schlüsselfigur lernte Rouven im Querschnittgelähmten-Zentrum Boberg in Hamburg kennen: Hartmut, der damals bereits seit 25 Jahren mit einer Querschnittslähmung lebte. Für den autovernarrten Jugendlichen war der Ältere ein echtes Vorbild. Denn Hartmut fuhr nicht nur mehrere tolle, umgerüstete Autos, sondern hatte sein Leben perfekt organisiert. Er zeigte Rouven, was trotz einer Querschnittslähmung alles möglich ist – vom Führerschein über Fahrzeugumbauten bis hin zur richtigen Hilfsmittelversorgung.
Aus einem Hobby wurde eine Idee
Autos waren schon immer die große gemeinsame Leidenschaft von Rouven und Bajo. Seit frühester Jugend schraubten sie gemeinsam an Fahrzeugen. So fuhr Rouven im Laufe der Zeit mehrere speziell umgerüstete Autos und wusste aus eigener Erfahrung, wie entscheidend die richtige Technik für ein selbstbestimmtes Leben ist.
Den entscheidenden Impuls zur Firmengründung gab jedoch die Erfahrung einer Betroffenen, die Rouven kennengelernt hatte: Die Rollstuhlfahrerin hatte viel Geld in ein Fahrzeug und dessen Umbau investiert – und konnte das Auto anschließend drei Jahre lang nicht nutzen. Der Grund: Rollstuhl und Fahrzeug passten technisch nicht zusammen.
„So etwas darf einfach nicht passieren“, war für die beiden Freunde schnell klar. Kaufmann Rouven, der damals bei einem Fahrzeugumrüster tätig war, bringt die Perspektive eines Betroffenen mit, Bajo Tomfohrde als Kfz-Meister im kommunalen Fahrzeugbau verfügt über jahrzehntelange Erfahrung - auch bei Sonderlösungen. So gründeten die beiden Freunde im Dezember 2024 ihre Firma moooove – mit vier „o“, stellvertretend für die vier Räder eines Rollstuhls, um Betroffenen mit individuellem Rat und kreativen technischen Lösungen rund um die Mobilität zur Seite zu stehen.
Jeder Mensch braucht eine andere Lösung
„Wir besprechen mit unseren Kunden praktisch ihr ganzes Leben, denn jeder Fall ist anders“, sagt Bajo. "Es gibt so viele Möglichkeiten, mobil zu bleiben - aber man muss sie halt kennen oder wissen, wo man die Informationen bekommt." Die Themen reichen von Führerscheinauflagen über Rollstuhlversorgung, Reha, Rentenfragen, Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten. "Was viele frisch Betroffene zum Beispiel nicht berücksichtigen, dass sie als Berufstätige z.B. bei Reha-Maßnahmen oder der Finanzierung eines Fahrzeugumbaus oft eine bessere Versorgung und Unterstützung erhalten", sagt Rouven. „Deshalb sollte man sich gut überlegen, ob man den oft gegebenen Rat, in Frührente zu gehen, befolgen sollte."
Technisch ist heute fast alles möglich
Auch ahnen viele Menschen nicht, welche Möglichkeiten moderne Fahrzeugtechnik bietet. Rouven, der Arme und Hände bewegen kann, fährt z.B. mit einem Knauf am Lenker, in den Blinker, Licht und weitere Funktionen integriert sind. So behält er die linke Hand immer Lenkrad, während er mit der rechten Hand das Gas- und Bremssystem bedient. Auch wenn er die Pedalen nicht bedient, bleiben sie - abgedeckt - im Fahrzeug. Denn jedes umgerüstete Auto muss weiterhin auch von Menschen ohne Behinderung gefahren werden können. Die zusätzliche Bedienelemente lassen sich deshalb schnell entfernen und wieder anbringen.
Auch für Menschen mit höheren Querschnittslähmungen, die ihre Arme nicht bewegen können, gibt es Lösungen wie vollelektronische Fahrsysteme. Spezielle Rollstühle können den Fahrersitz ersetzen. Dafür braucht es allerdings speziell angepasste Rollstühle und eine sogenannte Dockingstation, die den Rollstuhl sicher im Fahrzeug verankert.
Allerdings gilt dabei immer: „Es muss alles zueinander passen und individuell aufeinander abgestimmt werden“, erklärt Rouven. Denn jeder Betroffene hat andere Führerscheinauflagen und benötigt individuelle Umbauten.
Ebenso müsse beim Autokauf bedacht werden, dass nicht jeder Fahrzeughersteller die notwendigen Fahrzeugdaten für Spezialumbauten freigibt. Ohne diese Freigaben können spätere Wartungen oder Reparaturen problematisch werden.
In anderen Lebensbereichen sorgen die beiden Unternehmer mit individuell angepassten Rollstühlen für die Mobilität: Ob Mountainbike-Touren, Rennradfahren oder Basketball – für nahezu jeden Einsatzbereich stellen sie spezielle Modelle zu Verfügung, sodass Rouven die Auffassung vertritt: "Wer wie ich Arme und Hände bewegen kann, kann ein relativ uneingeschränktes Leben führen."
Übrigens: Für ihre Geschäftsmodell wurden Rouven Albrecht und Bajo Tomfohrde vom Stader Gründungsnetzwerk und der Wirtschaftsförderung Landkreis Stade 2025 mit dem Gründerstar-Sonderpreis ausgezeichnet.
Redakteur:Nicola Dultz aus Buxtehude |
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